Ferien für die jüdische Seele
Dafür hat Club Med keine Angebote, und auch ein Reiseagent wird nicht sehr hilfreich sein. Die Lösung: Limmud, eine viertägige Veranstaltung in England, die seit Jahren ein ständig wachsendes Publikum anzieht. Letzte Woche wurde Limmud 1999 auf dem riesigen Campus der Universität von Nottingham abgehalten. Hier trafen 1600 Menschen aller Altersgruppen und Strömungen des jüdischen Glaubens aufeinander, um ihr Wissen zu erweitern und Gedanken auszutauschen. Als Konferenz vermarktet, jedoch viel eher ein gesellschaftliches Ereignis als eine pure Lernerfahrung, bietet Limmud hunderte von Vorlesungen und Diskussionsforen zu allen erdenklichen jüdischen Themen an. Von Kunst und Kultur bis hin zur Politik und natürlich auch zur Religion - zu jeder Stunde kann man unter etwa 6-25 angebotenen Kursen wählen. Da dieses grosse Angebot sehr verwirrend ist, erhält man gleich bei der Ankunft einen dicken Katalog, der Stundenplan und Erklärungen zu den verschiedenen Programm-Möglichkeiten bietet.
«Auch Gott wir d mal sauer»
In einem Raum wird über christlich-jüdische Beziehungen gestritten, im anderen Gebet durch Tanz ausgedrückt, und im dritten laut über jüdische Witze gelacht. Wer will, kann von 8 Uhr früh bis 1 Uhr morgens pausenlos von einer Vorlesung zur anderen pendeln. Die Programmtitel selbst zeigen die Vielfalt der Angebote: «Auch Gott wird mal sauer», «Tierrechte und Judentum», «Wie baut man eine jüdische Gemeinde in isolierten Gegenden» etc. Wie die Kurse stehen auch die Dozenten auf unterschiedlichen intellektuellen und spirituellen Ebenen. Manche sind Rabbiner mit Lehrerfahrung, andere Laien. Natürlich ist nicht jede Vorlesung gleichermassen interessant, doch da Limmud keine Berufskonferenz für Rabbinatskandidaten ist, kann man die eine oder andere langweilige Lektion leicht entschuldigen. Da die meisten die Kommunikation mit anderen suchen, besuchen die wenigsten jede Stunde eine Vorlesung, sondern nehmen sich Zeit, miteinander zu reden. Doch es ist in der lockeren Atmosphäre des Abendprogramms, wo die meisten Freundschaften geknüpft werden und auch die eine oder andere Romanze beginnt. Was an Limmud am meisten fasziniert, ist nicht das breitgefächerte Programm, sondern die Menschen, die mit Begeisterung daran teilnehmen. Da sieht man den älteren Herren mit Kippa, Schchora und Bart mit dem jungen Mann in Jeans und rot gefärbten Haaren reden. Obwohl die meisten der Organisatoren im Alter von 20-30 sind, ist doch jede Altersgruppe vertreten, und man sieht sowohl Singles als auch Paare, von denen einige sich auf früheren Limmud-Veranstaltungen kennen gelernt haben. 80% der Teilnehmer sind Briten, doch andere Nationaliäten sind vertreten. Man fühlt keinerlei Spannungen unter den Teilnehmern - seien sie orthodox, Reformjuden oder aus einer anderen Strömung - Limmud ist ein Ort der offenen Gespräche.
Manifestierter Pluralismus
Gerade dieses Pluralismus wegen wird Limmud natürlich nicht von allen akzeptiert und in streng orthodoxen Kreisen als «zu liberal» abgelehnt. Doch genau diese Liberalität ist Limmuds Absicht. Die Organisation vertritt grundsätzlich keinerlei politische oder religiöse Dogmen. Was alle Besucher gemein haben, ist die Offenheit und die Bereitschaft, sich gegenseitig zu akzeptieren. Für viele ist genau das der Grund, Limmud zu unterstützen. Kein einziger der Befragten äusserte Enttäuschung oder Kritik an Limmud und viele beabsichtigen, im nächsten Jahr wie derzukommen. Beim Abschied sprach man davon, wie erholt man sich fühle und wie schade es sei, dass man nun wieder ein Jahr auf die nächste Limmud-Konferenz warten müsse. Eigentlich genau das, was die meisten nach einem Urlaub am Strand zu sagen pflegen - doch bestimmt bleiben die bei Limmud gemachten Erfahrungen länger haften und gehen tiefer als ein Sonnenbrand.


