Feind Nummer eins
Ist das, was sich derzeit zwischen Israelis und Palästinensern abspielt, grotesk, bizarr oder kafkaesk? Oder vielleicht etwas ganz anderes? Abstrahieren wir einmal von der seit Wochen für die Araber, aber auch den Grossteil der westlichen Welt feststehenden «Tatsache» von Israels Schuld an der sich zuspitzenden Gefahr und konzentrieren wir uns auf die jüngsten Äusserungen des «Rais» Arafat. Er empfängt Shimon Peres und verspricht ihm, einen Waffenstillstand auszurufen. Peres ist noch nicht wieder zuhause, und schon brechen Feuergefechte von selten gekannter Heftigkeit aus. Diese Woche folgte ein ähnlicher Husarenstreich des PLO-Chefs. Er verspricht (auf arabisch und vor den eigenen Medien), die Attacken gegen israelische Ziele von den autonomen Gebieten aus einzudämmen. Sich auf die trüben Erfahrungen der letzten Wochen abstützend, beschränkt das Büro von Premier Barak sich, sehr zum Missbehagen israelischer Schöngeister, auf ein lakonisches «Abwarten». Und das zu Recht. Die Schwingungen, die Arafats Worte im Äther ausgelöst haben, waren nämlich noch nicht ganz abgeebbt, als der blutige Anschlag auf den Schulbus im Gazastreifen die Träumer wieder auf den rauhen Boden der Wirklichkeit zurückholte. Ganz absurd wird es, wenn wir hinzunehmen, dass keine 24 Stunden vor dem Anschlag Israels Transportminister Amnon Lipkin-Shachak insgeheim nach Gaza fuhr, wo er mit Arafat und seinem Sicherheitschef Mohammed Dahlan vereinbarte, Offiziere beider Seiten sollten im Gespräch versuchen, die Spannung abzubauen. Die Situation ist nicht zuletzt deswegen so absurd, weil die gleichen PLO-Leute, die vielleicht mit IDF-Offizieren zusammengesessen wären (und es letzten Endes vielleicht noch tun werden), möglicherweise die gleichen Leute sind, die den Terroristen bei der Ausführung ihres blutigen Handwerks helfen - und der Boss ist bestens und laufend informiert.
Ob Arafat ein hinterhältiger Scharlatan ist oder machtlos im Netz interner Intrigen hängt, kann und muss Barak letztlich egal sein. Der israelische Premier hat die Pflicht, die Sicherheit und das Wohlbefinden seiner Bürger zuoberst auf seine Prioritätenliste zu setzen. Heute heisst das, er darf sich nicht darauf beschränken, Arafat nach jedem Anschlag die Partnerschaft im Friedensprozess aufzukünden, gleichzeitig aber im stillen Kämmerlein weiter darauf hoffen, der PLO-Chef möge doch wieder vernünftig werden. Die palästinensische Führung hat sich bewusst und vorsätzlich aus dem Friedensprozess herauskatapultiert und ist heute Israels Feind Nummer eins. Als solchen muss Barak sie bis auf weiteres auch behandeln.


