Fatale Manuskripte
Anfang der Woche gab das Skirball Cultural Center bekannt, dass es als zeitlich unbeschränkte Leihgabe das vierseitige Manuskript mit Adolf Hitlers Unterschrift erhalten hat, das 1935 die Juden Deutschlands jeglichen gesetzlichen Schutzes beraubt hatte. «Es ist, als hätten wir eine Originalkopie der US-Verfassung gefunden», sagte Saul Friedlander, Geschichtsprofessor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA).
Präsidenten und Bibliothekare des Instituts wussten 50 Jahre lang sehr wohl, was sich in ihren Mauern verbarg, doch wussten sie nicht, was damit anzufangen. Selber ausstellen wollten sie es nicht, doch kam ihnen offenbar nie der Gedanke, es einer passenden Stelle zu offerieren. Eine Wende begann sich 1996 abzuzeichnen, als das Skirball-Museum seine Tore öffnete und Rabbi Uri Herscher, dessen Gründer und Präsident, Robert Skotheim, den Präsidenten der Huntington Bibliothek, zu einem Rundgang einlud. Trotz der grundverschiedenen Abstammung, fanden die beiden Männer sofort eine gemeinsame Sprache. Die Freundschaft vertiefte sich, als Rabbi Herscher seinen Kollegen zu einem Familienseder einlud. Allmählich reifte die Idee, die Dokumente aus dem Keller von Huntington zu transferieren. Im vergangenen März durfte Herscher Pattons Geschenke in der Bibliothek inspizieren. «Kaum hatte ich \"Mein Kampf\" in der Hand, liess ich es auch schon fallen», erinnert Herscher sich voller Emotionen. «Mir war, als hielte ich ein Todesurteil in Händen. Dann begann ich zu weinen, und anschliessend ging ich auf die Toilette, wo ich mir zehn Minuten lang die Hände wusch.» Für Rabbi Herscher hat das Gesetzesdokument auch eine persönliche Bedeutung. «Nach der Veröffentlichung der Nüremberger Gesetze beschlossen mein Vater und meine Mutter - sie kannten sich damals noch nicht -, Deutschland zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren.»
Die Übergabe der Dokumente an das Skirball-Museum löste auch beim Präsidenten der Huntington-Bibliothek tiefe Emotionen aus. «Wir Norweger», so schrieb Skotheim an Herscher, «sind nicht sonderlich gefühlsbetont, doch kann ich meine Zufriedenheit darüber nicht verbergen, in einer Position gewesen zu sein, welche den Transfer der Dokumente ermöglichte. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Holocaust auch für unsere Generation das dominierende Ereignis ist.»
Rabbi Herscher fügt einen weiteren Gedanken hinzu: «Wir haben in Skirball eine kleine Holocaust-Ausstellung, doch zeigt diese nur die Resultate von dem, was dort geschah. Jetzt verfügen wir über eine der Ursachen für die Tragödie, ein Glied, das bisher gefehlt hatte.» Peter Loewenberg, Historiker und politischer Psychologe an der UCLA, spricht von der Langzeitwirkung der 1935 veröffentlichten Dokumente. «Die Nürnberger Gesetze stellen einen wesentlichen Schritt in Richtung auf die wachsende Marginalisierung der Juden im deutschen Leben dar. Um das Programm der Endlösung durchführen zu können, musste die Zielgruppe zuerst marginalisiert und entmenschlicht und dann aus dem Rahmen der Bürgerschaft entfernt werden. Der nächste Schritt war die Demütigung in der sogen. Reichskristallnacht 1938. Es folgte der Judenstern, die Deportation und schliesslich das Todeslager.» Die Nürnberger Gesetze und die Luxusausgabe von «Mein Kampf» sind vom 29. Juni bis zum 5. September im Skirball-Museum ausgestellt. Anschliessend wird das Gebäude renoviert und vergrössert, bevor die beiden geschichtsträchtigen Dokumente vom Dezember an als Dauerausstellung zu sehen sein werden. Jta


