Ewige Wiederkehr?
Hanna Moses erinnert sich: «Ich wohnte mit Eltern und jüngerer Schwester in Karlsruhe. Mein Vater war Rechtsanwalt. An jenem Dienstag, den 22. Oktober 1940, war ich daheim. Weil wir die öffentliche Schule nicht mehr besuchen durften, gingen wir in die jüdische Schule, aber es war Sukkoth, wir hatten Ferien. Um 8 Uhr morgens läuteten zwei Gestapo-Männer in schwarzen Ledermänteln und ein Polizist an der Tür. Sie sagten, dass es uns ab sofort verboten sei, das Haus zu verlassen, dass wir unsere Sachen packen müssten, um auf Reisen zu gehen. Und dass wir nicht mehr als 100 Reichsmark pro Person mitnehmen dürften. Ich war damals dreizehn, meine Schwester zwei Jahre jünger.
Ich erinnere mich, dass wir am jüdischen Altersheim vorbeifuhren. Die alten Leute befanden sich auf der Plattform eines Lastwagens, so brachte man sie durch die Strassen von Karlsruhe an den Bahnhof. Wir waren dort ungefähr 900 Personen, als man uns am Nachmittag befahl, auf den Bahnsteig zu gehen und in den wartenden Zug zu steigen, der gegen 16.30 Uhr abfuhr. Wir wurden von SS-Männern und deutschen Rotkreuz-Schwestern begleitet. Der Zug fuhr Richtung Süden, in Mulhouse hielt er an. Über Lautsprecher warnte man uns, dass auf jeden geschossen würde, der auszusteigen versuchte. Gegen 19 Uhr fuhr der Zug weiter, Richtung Westen. Wir reisten die ganze Nacht durch, im Morgengrauen kamen wir an der Demarkationslinie an, in Chalon-sur-Saône.»
Die Demarkationslinie trennte den deutsch okkupierten vom aus Vichy regierten nicht-okkupierten Teil Frankreichs, letzterer war jedoch durch die Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland gebunden. Wenn in deren Paragraph 19 auch vorgesehen war, dass Vichy deutsche Staatsangehörige ausliefern musste, wenn es das Reich verlangte, stand nicht darin, dass andere Deutsche ins Reich abgeschoben werden konnten.
Frankreich und die Juden
Die Ankunft der Juden aus Baden und Saarland-Pfalz kam für die französische Verwaltung völlig unerwartet. Die natürliche Reaktion war, sie nach Deutschland zurückzuschicken - aber die Deutschen wollten davon nichts wissen. Auf Nachfragen über den weiteren Verbleib dieser Juden schlug Berlin vor, «nicht weiter auf einer Rücksendung nach Deutschland zu bestehen, sondern sie bei erstbester Gelegenheit weiter abzuschieben, möglichst nach Übersee. Deutschland ist am schlussendlichen Ziel dieser Juden nicht interessiert!». Was also machte der französische Staat? Dazu Hanna Moses: «Wir standen im Bahnhof von Chalon-sur-Saône, alles war ruhig. Nach ungefähr einer Stunde rollte der Zug wieder an. Wir merkten, dass wir weder durch SS noch Rotkreuz-Schwestern mehr begleitet wurden. Eine Frau hatte eine Schwester in Lyon, zu der sie gehen wollte, sie sprang dort vom Zug.» Dass alle anderen auf dem Zug blieben, erstaunt sie nicht: «Wohin hätten wir gehen sollen?»«Nach drei Tagen Reise», fährt sie fort, «kamen wir in Oloron-Ste. Marie in den Pyrenäen an. Bis Chalon hatten uns die Schwestern noch gelegentlich Suppe gebracht, nachher gabs nichts mehr. In Oloron hiessen uns Gendarmen auf Lastwagen steigen, es war Nacht und regnete. Wir kamen in Gurs an - es war schrecklich. Überall Stacheldraht, um das ganze Camp, um die Baracken-Gruppen, die \"Inselchen\" genannt wurden. Wir wurden von Schwarzgekleideten bewacht, Männer waren von Frauen und Kindern getrennt!» Hanna Moses leidet sichtlich unter der Erinnerung. Auf die Frage, wie lange sie in Gurs bleiben musste, sagt sie: «Vier Monate. Danach gelang es der O.S.E. (Organisation de Secours aux Enfants) zusammen mit den Quäkern, ungefähr fünfzig von uns Kindern herauszuholen. Wir kamen erst in ein staatliches Heim, dann in ein Heim der O.S.E. Als im Juli 43 die Lage gefährlicher wurde, schaffte uns die O.S.E. mit Hilfe eines savoyardischen Geistlichen heimlich in die Schweiz. Meine Schwester und ich wurden von einer christlichen Familie aufgenommen. Unsere Eltern wurden in Frankreich von Camp zu Camp verschleppt, kamen 1944 in Auschwitz um.»Verschiedene Städte der Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland haben beschlossen, diese durch die Gauleiter Bürckel und Wagner ausgelöste jüdische Tragödie nie dem Vergessen preiszugeben. Jedes Jahr organisieren sie ein Jugend-Sommerlager in Gurs, an dem die Gräber der im Camp Verstorbenen und die Erinnerung an jene, die dort lebten, gepflegt werden. Zum 60-Jahr-Jubiläum der Deportation wurde am 29. Oktober dieses Jahres ein spezieller Anlass durchgeführt.
Gedenken nach 60 Jahren
Eine 200köpfige Delegation aus Karlsruhe mit Oberbürgermeister Heinz Fenrich an der Spitze vertrat die Gemeinden Baden-Württembergs. Viele Persönlichkeiten waren anwesend, unter ihnen der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, der baden-württembergische Minister Christoph Palmer, der Gesandte der Regierung des Saarlands Jörg Klein sowie Delegierte vieler deutscher Gemeinden, des jüdischen Gemeindebundes der Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, verschiedener jüdisch-christlicher Freundschaftsprojekte und der Kirchen. Die jüdische Gemeinschaft Frankreichs wurde durch den Präsidenten des Zentralrates Jean Kahn vertreten, Grossrabbiner Alain Goldmann repräsentierte das Zentralrabbinat. Auch die spanische Delegation sei erwähnt, die kam, um das Andenken an die spanischen Republikaner aufrechtzuerhalten, die nach Gurs verschleppt wurden und dort starben.
Die Versammlung begab sich zum Friedhof des früheren Camps. Nachdem durch zivile und geistliche Behörden die Auflassung dieses Friedhofs bekannt wurde, wird er seit 38 Jahren von der Verwaltung der Friedhöfe für Deportierte mit Sitz im Amtsgebäude des Oberbürgermeisters von Karlsruhe unterhalten. In einer Ansprache betonte Jean Kahn den pädagogischen Wert dieser Zeremonie gerade zu einer Zeit, zu der überall in Deutschland antisemitische Aktivitäten aufflackern. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass «die deutsch-französische christlich-jüdische Freundschaft nie durch was auch immer zerstört» werde. In seiner Eigenschaft als Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland erklärte Ministerpräsident Kurt Beck: «Ich bin mir speziell darüber bewusst, dass die Verfolgungen und Massenmorde von deutschem Boden ausgegangen sind. Dies dürfen wir nie vergessen. Diese Verantwortung verpflichtet uns, damit fortzufahren, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen, diese Geschehnisse bei ihrem
Namen zu nennen, damit man sie nie vergisst. Es ist unsere Aufgabe, das Wissen um jene schrecklichen Vorfälle an die junge Generation weiterzugeben.» Nachdem er sich von den jüngsten Vorfällen «schockiert» zeigte, fuhr er fort: «Wir werden nicht zulassen, dass die rekonstruierten Orte des Schreckens wie jener hier in Gurs profaniert oder zerstört werden. Dagegen verwahren wir uns mit Entschiedenheit und allen legalen Mitteln.»
Christoph Palmer erinnerte im Folgenden an die Deportation der 6504 Juden. Er las aus den Erinnerungen eines Gurs-Überlebenden aus Pforzheim, der die furchtbaren Verhältnisse in diesem Camp detailliert beschreibt. Er hielt fest, dass ab Sommer 1942 mehr als ein Drittel dieser Deportierten in Vernichtungslagern oder auf dem Weg dorthin waren. Für sie war Gurs die Vorhölle von Auschwitz. Nachdem er «mit Scham» einräumte, dass der grössere Teil der Deutschen die Augen vor diesen allseits bekannten Verfolgungen verschloss, fügte der baden-württembergische Minister bei, dass er aber auch mit Dankbarkeit die Erinnerung an jene wachrufe, die die Augen offenhielten und die Opfer unterstützten und in Sicherheit brachten. «Es waren dies vor allem jüdische Organisationen und kirchliche wie die der Quäker, die versucht haben, die schmalen Spielräume für die Verbesserung des Loses der Deportierten auszunützen, die die deutsche und die Vichy-Regierung zuliessen.» Er schloss mit einem jüdischen Zitat: «Vergessen zu wollen heisst das Exil verlängern, der Name der Verheissung ist Erinnerung.» Nach einer ergreifenden Rede des Oberbürgermeisters von Karlsruhe, Organisator des Anlasses, folgten noch mehrere Ansprachen, alle in einer Aufrichtigkeit, die man bei solchen Gelegenheiten selten findet. Grossrabbiner Alain Goldmann unterstrich in seiner Rede die Dankbarkeit gegenüber allen Personen und Organisationen, die «oft unseren deportierten Brüdern und Schwestern noch ein wenig zu überleben halfen, ihnen das Gefühl gaben, noch Menschen mit einem Recht auf Würde, auf Identität und auf eine Existenz zu sein».
Lehre für die Zukunft
Am Tag darauf begab sich die Delegation ins Camp von Noé, wohin die Kranken und Alten von Gurs gebracht worden waren. Gräber und Monumente lassen dort das Andenken an das, was vor über einem einst geschah, weiterleben. Während weitere Reden gehalten und Kränze der Herkunfts-Bundesländer jener unglücklichen Juden niedergelegt wurden, brachte ein Spaziergang durch die Reihen der Gräber viele vertraute Namen von elsässischen Familien zum Vorschein, manchmal unterbrochen von jenen spanischer Republikaner, denen ihr Antifaschismus die Internierung im Lager von Béarn eingebracht hatte. Aber auch Nachdenklichkeit bewirkte dieser Spaziergang, Gedanken zur Barbarei, die im Begriff ist, sich wieder zu erheben, dieser Tage, hier in Europa, dort im Nahen Osten. Ewige Wiederkehr?


