«Es war keine Erpressung»
Jüdische Rundschau: Pierre Weill, warum ein Buch zu diesem Thema?
Pierre Weill: Das Thema beschäftigte während rund drei Jahren die Schweiz und auch das Ausland, vor allem die USA. Besonders jüdische Menschen waren betroffen. Es hiess, dies sei die grösste Krise der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg. Es interessierte mich, weshalb die Banken und ihr Umgang mit jüdischer Kundschaft in jenen Jahren nach so langer Zeit zu einem Thema wurden, wie sich die Leute verhielten, weshalb die Banken so lange brauchten, bis sie die Tragweite erkannten. Bisher wurde das Thema nur historisch behandelt; das tat ich nicht. Mich interessierten die heutigen Vorgänge.
Jüdische Rundschau: Wie lange arbeiteten Sie an dem Buch?
Pierre Weill: Ich habe im September 1998 begonnen. In jener Zeit war ich zu 80 Prozent von der «Basler Zeitung» freigestellt, arbeitete jedoch daneben weiterhin für die BaZ. In dieser Zeit habe ich mit beinahe 100 Leuten geredet, beispielsweise mit Avraham Burg und Zvi Barak in Israel, mit Exponenten in den USA und in London. In der Schweiz sprach ich mit den am meisten Betroffenen. Auf jüdischer Seite waren dies die SIG-Spitze mit Präsident Rolf Bloch, Vizepräsident Thomas Lyssy und Generalsekretär Martin Rosenfeld, auch der Anwalt Herbert Winter. Ich sprach mit Sigi Feigel; mit Michael Kohn hatte ich bereits früher darüber gesprochen. Ich habe ja für die BaZ zusammen mit meiner Kollegin Seraina Gross das Thema begleitet. Ein Buch zu schreiben ist eine ganz andere Arbeit als der gewohnte Journalismus.
Jüdische Rundschau: Interessiert das Thema heute noch?
Pierre Weill: Es interessiert die Leute immer noch, weil die Schweiz und die Schweizer eine schwierige Zeit durchmachten und sich Fragen stellen mussten. Es gab zwar eine Phase unmittelbar nach der Vereinbarung, da hörte man von einem Tag auf den anderen nichts mehr. Aber die Aufarbeitung hat noch nicht stattgefunden. Demnächst wird der Volcker-Bericht vorgelegt, und auch die Bergier-Kommission ist mit der Arbeit noch nicht fertig. Ausserdem gibt es die Diskussion über die Stiftung «Ssolidarische Schweiz». So sollte das Thema eigentlich jeden interessieren, der sich für seine eigene Geschichte interessiert. Vor allem ist die ganze Entwicklung in den Tages- und Wochenzeitungen kommentiert worden, allerdings im Moment, in dem sie passierte. Es gibt Sachen, die ich damals nicht realisierte, beispielsweise, dass zwischen dem Interview von Bundesrat Delamuraz und dem Rücktritt des USA-Botschafters Jagmetti Anfang 1996 nur drei Wochen lagen. Ich war erstaunt, als ich dies beim Schreiben feststellte. Oder ein Sinneswandel: Im Dezember 1996 äusserten sich drei Mitglieder des Bundesrates, Koller, Cotti und Delamuraz, gegen einen humanitären Fonds. Erst nach den erwähnten beiden Ereignissen änderten sie ihre Meinung. Sie realisierten die Bedrohung für die Banken, denn es gab erste Boykottdrohungen, und die Aktien der Banken fielen.
Jüdische Rundschau: Sie kritisieren in Ihrem Buch die von der Haltung des SIG oft abweichenden Äusserungen von Sigi Feigel und Michael Kohn. Sie kritisieren auch, dass SIG-Präsident Rolf Bloch sich nicht dagegen wehrte. Hat es der Sache geschadet, dass die Schweizer Juden nicht immer mit einer Stimme sprachen?
Pierre Weill: Vielleicht in Einzelfällen. Auch die jüdische Bevölkerung war nicht einer Meinung, beispielsweise über den Jüdischen Weltkongress. Es war legitim, dass die erwähnten Persönlichkeiten ihre Ansichten äusserten, auch wenn sie nicht immer einig waren. Im Gegenteil, diese Meinungsvielfalt hat das Bild, das sich viele Leute von der «jüdischen Verschwörung» machen, korrigiert. Insofern waren die Meinungsverschiedenheiten eher zu begrüssen.
Jüdische Rundschau: Rolf Bloch war der erste, der sich nach den Versuchen früherer Jahre erneut an die Eidgenössische Bankenkommission wandte, nämlich bereits Anfang 1995. Das kommt im Buch nur am Rande zum Ausdruck. Hätte andererseits die Initiative des SIG genügt, oder waren es die härter auftretenden jüdischen Organisationen, welche die Suche nach nachrichtenlosen Vermögen erst ins Rollen brachten?
Pierre Weill: Ich bin überzeugt, dass es nicht gereicht hätte, wenn «nur» Schweizer sich eingesetzt hätten. Da sind alle Exponenten einer Meinung. Es brauchte diesen Druck von aussen, ob er nun sympathisch war oder nicht. 18 000 Juden können allein keinen Druck ausüben.
Jüdische Rundschau: Was löste die Wende zugunsten des Vergleichs aus?
Pierre Weill: Da waren einerseits die Boykottdrohungen des Finanzchefs von New York. Andererseits zeigten die Sammelklagen den Banken, dass Gefahr bestand. Ein Banker sprach sogar von der drohenden «Südafrikanisierung» der Schweiz in den USA. Sie merkten: Je länger sie warteten, desto höher wurden die Kosten. Es war ein Geschäft wie ein anderes auch, eine Kosten-Nutzen-Analyse, die sie anstellen mussten.
Jüdische Rundschau: Weshalb verdoppelten die Banken zum Schluss ihre «allerletzte Offerte» von 600 000 Dollar?
Pierre Weill: Die Boykottdrohungen konkretisierten sich. Die Finanzverantwortlichen der USA beschlossen, im Sommer 1998 entsprechende Massnahmen einzuleiten. Die Banken merkten, dass sie einen Schritt entgegenkommen mussten, um dies zu verhindern.
Jüdische Rundschau: Wird das Wort «Erpressung» zu Recht angewendet?
Pierre Weill: Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass es nicht berechtigt ist. Es gibt in den USA sehr oft Sammelklagen, sei es gegen die Tabakindustrie oder gegenwärtig gegen die Swissair. Es stört mich, dass von Erpressung gesprochen wird, wenn Juden Sammelklagen einreichen. Bei Erpressung muss die Gegenseite auch erpressbar sein, muss sich unkorrekt verhalten haben.
Jüdische Rundschau: Aber die Banken verhielten sich doch unkorrekt?
Pierre Weill: Erpressung ist anonym. Hier war das nicht der Fall. Die Banken gaben ihr unkorrektes Verhalten zu. Sie sagten, es sei nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen.
Jüdische Rundschau: Fanden Sie eine Antwort auf Ihre Frage, weshalb erst nach so langer Zeit darüber gesprochen wurde?
Pierre Weill: Wie immer gibt es verschiedene Gründe. Ein Grund war die Öffnung von Osteuropa. Leute, die Ansprüche hatten und sich vorher nicht melden konnten, suchten ihre Vermögenswerte. Ausserdem wurden Dokumente nach 50 Jahren frei zugänglich. Auch der Zufall spielte eine Rolle.
Jüdische Rundschau: Wie geht es jetzt weiter?
Pierre Weill: Es wird interessant sein, obwohl die Schweiz nicht betroffen ist, wie das Geld verteilt wird. Wenn mehrere Leute aus den Sammelklagen aussteigen, so sieht alles wieder anders aus. Ich hoffe, dass die tatsächlichen Opfer den grössten Teil des Geldes erhalten.
Interview: Gisela Blau


