Es bläst ein frischer Wind
Es bläst ein frischer Wind. Zuerst kommt der Friede, und erst dann kann die Regierung sich mit dem Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen befassen. Das erklärte Premierminister Ehud Barak in New York vor Vertretern der amerikanisch-jüdischen Presse. Die israelische Gesellschaft sei, so meinte Barak, erst nach der Erzielung eines Friedens imstande, dieses Thema anzugehen, da die Frage der jüdischen Identität des Staates äusserst komplex und heikel sei.
Barak hat natürlich recht: Seit den Anfangstagen des Staates hat kein anderes Thema den Kurs unseres Bootes mehr erschüttert als die Frage «Wer ist Jude?».
Prof. Aviezer Ravitzky von der gemässigt-religiösen Meimad-Bewegung - eine Weile war er Baraks Kandidat für den Posten des Erziehungsministers - meinte einmal, die Reformbewegung auf der einen Seite und die Charedim auf der anderen hätten ihre ursprünglich anti-zionistische Haltung aufgegeben. Heute würden sie den Staat Israel als zentrales Schlachtfeld für den Kampf um die Hegemonie in der jüdischen Welt akzeptieren. Das sei doch, so formuliert es Ravitzky, der höchste Triumph des Zionismus. Das legt eine schwere Bürde auf die Schultern des neu gewählten Premierministers. Es verwundert daher nicht, dass Barak, der soeben eine sehr anspruchsvolle Friedensinitiative lanciert hat, das Thema «Wer ist Jude?» fürs erste hintangestellt hat. Die Zeit ist nicht die richtige für den fordernden und tiefschürfenden Dialog, der nötig ist, um jene Übereinkünfte und Übereinstimmungen zu erzielen, die nötig sind, um ein friedliches Zusammenleben aller Segmente unserer Gesellschaft zu erwirken. Laut Barak brauchen wir unsere ganze Energie, um die gewaltige Aufgabe zu bewältigen, die uns im Friedensprozess erwartet. Bis dahin müsse, so führte er es vor den Journalisten aus, jeder israelische Bürger in der Lage sein, nach seiner eigenen Façon selig zu werden.
Das tönt zwar vernünftig, doch könnte diese Prioritätenliste einige Leute vor den Kopf stossen, die Barak gewählt hatten. Die Leute nämlich, die auf einen sofortigen Wandel gehofft hatten. Einige seiner Freunde scheinen denn auch schon frustriert darüber zu sein, dass einmal mehr die ersehnten Veränderungen sich den Friedensforderungen unterzuordnen haben.
In Wirklichkeit aber enttäuscht Barak auch diese Menschen nicht. Viele mögen in der von Barak gebildeten Regierung nicht die zugesagten Veränderungen erblicken, doch hat der neue Premierminister effektiv die Basis für genau jene Veränderungen gelegt, die diese Menschen herbeisehnen. Da ist einmal Yossi Beilin als Justizminister ein guter Griff. Der als ehrlich und direkt bekannte Mann hat schon seine Absicht verkündet, die obsoleten, aus der Mandatszeit stammenden Notstandsverordnungen zu prüfen und letztlich zu annullieren. Auch Yossi Sarid im Erziehungsministerium verspricht Wandel. Zum erstenmal in Jahrzehnten werden auch vom Staat finanzierte orthodoxe Schulen ihren Unterricht modernen und universellen Ideen öffnen müssen. Der Humanist und Sozialdemokrat Shlomo Ben-Ami wird aus der Polizei ein machtvolles Instrument für den gesellschaftlichen Wandel machen. Und Natan Sharansky wird im Innenministerium den von Shas Neueinwanderern gegenüber so lange ausgeübten Machtmissbrauch stoppen. Vergessen wir nicht, dass Shas bereit war, zwei Ministerien gegen das wichtige Innenministerium zu tauschen!
Wir werden, so erklärte Barak gegenüber den jüdischen Journalisten, ernsthaft versuchen, Israel zu einer wirklich modernen Gesellschaft zu machen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird er sein Wort halten. Dennoch kann er in der Öffentlichkeit nicht zwei Flaggen gleichzeitig - Frieden uns Status quo - hissen. Aus diesem Grund konzentriert er sich in seinen öffentlichen Auftritten auf den Frieden, während er den Status quo seinen fähigen Ministern überlässt. Diese Arbeitsteilung wird sich schon bald als überraschend wirkungsvoll erweisen. Generalmajor d.R. David Ivry, Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates und Exkommandant der israelischen Luftwaffe, hat einmal vor den Piloten eines Geschwaders, dessen Kommando er übernehmen sollte, gesagt: «Keine Angst, ich werde nichts verändern.» In weniger als einem Jahr war das Geschwader nicht mehr zu erkennen.
Das gleiche wird Barak vollbringen. Während er öffentlich und dringend mit dem Friedensprozess beschäftigt sein wird, wird er in aller Stille den so dringend notwendigen Kurs des Wandels anführen. Die Verwirklichung dieses Wandels werden seine prominenten Minister herbeiführen.
Der Autor, Reserve-Oberst der israelischen Luftwaffe, war Direktor des staatlichen Presseamtes.
©Jerusalem Post


