Erika Rothschild zum Gedenken
Ihren letzten, ganz grossen Auftritt hatte Erika Rothschild im Dezember 1998 in Bern: Sie war persönlicher Gast von Ruth Dreifuss an der Feier zu ihrer Wahl als Bundespräsidentin. Sie sagte damals zur JR: \"Ich hoffe, dass sie die Kraft haben wird, im richtigen Zeitpunkt immer richtig zu entscheiden.\" Der typische Kommentar einer \"jüdischen Mutter\". Gerührt und stolz war Erika Rothschild auch jedes Mal über die Glückwunschkarten zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana, die sie regelmässig von Bundesrätin Dreifuss samt persönlichen Zeilen erhielt. Nicht nur bei der Bundesrätin hatte Erika Rothschild einen tiefen Eindruck hinterlassen. Besonders verehrt wurde sie von nichtjüdischem Publikum, vor allem von jungen Menschen. Wann und wo auch immer die ältere Dame mit dem blütenweissen Kragen und zum Schluss leider immer mit dem Stock auftrat, um über ihre schrecklichen Erlebnisse im Vernichtungslager Auschwitz zu sprechen und ihre Zuhörerschaft zu mahnen, die Vergangenheit als Mahnmal für die Zukunft zu betrachten, wurde sie empfangen wie eine biblische Prophetin. Erika Rothschild, die im Stillen viel Gutes tat, war eine der ersten Schoa-überlebenden, die realisierten, dass die Berichte von Augenzeugen die beste Waffe gegen die Behauptungen der Auschwitzleugner waren und sind. Obwohl sie wie die meisten Opfer jahrelang nicht darüber hatte sprechen können, überwand sie sich schliesslich, der Zukunft zuliebe über ihre grausame Vergangenheit zu reden. Zum letzten Mal sprach sie diesen Frühling zu Jugendlichen in Thalwil. Nun ist sie verstummt, doch als Vermächtnis bleibt das Zitat, das sie immer brachte: \"Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.\"


