Er kam, um für den Staat zu kämpfen
Die 40-jährige Karriere hat schon nationale und internationale Anerkennungen gesehen. Angefangen hat es jedoch mit einer faustdicken Lüge. Im April 1948 gelang es dem 21-jährigen Südafrikaner Hillel Daleski, sich eines der seltenen Visa für Mandats-Palästina zu verschaffen. Er gab an, er wolle an der Hebräischen Universität von Jerusalem studieren. Die Universität selber hatte ihm jedoch weder einen Platz offeriert, noch überhaupt seinen Namen je gehört. Hillel begab sich auch nicht in die Nähe des Campus. Er war gekommen, um für den jüdischen Staat zu kämpfen.Die Lüge aber hatte sich, wie man ein halbes Jahrhundert später sagen darf, mehr als gelohnt. Daleski ist emeritierter Professor für englische Literatur an der Hebräischen Universität, er war zweimal Vorsitzender der bekannten englischen Fakultät, und am 52. Unabhängigkeitstag Israels wird er für seine Forschungsarbeit den Israel-Preis erhalten, die höchste zivile Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. «Das Ganze fing an», erinnert er sich, «als ich mich in Johannesburg in der Nacht, in der die UNO sich für einen jüdischen Staat entschied, von der Begeisterung anstecken liess und mitfeierte. Die jüdischen Führungskräfte Südafrikas erklärten: \"Wenn wir einen Staat haben wollen, müssen wir für ihn kämpfen. Am nächsten Morgen ging ich unter die Fahnen\".»
«Wie kommen wir nach Tel Aviv?»
Daleski hatte während des 2. Weltkriegs in Italien gedient, und er war genau die Person, nach welcher die kurz zuvor gegründete Mahal-Organisation für ausländische Freiwillige Ausschau gehalten hatte. «Alles spielte sich unter grösster Geheimhaltung ab», sagte er. «Ich durfte nur meiner nächsten Familie erzählen, dass ich nach Palästina gehen würde. Am Tag, bevor ich Südafrika verliess, spielte ich meinen wöchentlichen Baseball-Match - und durfte meinen Teamgenossen nicht einmal sagen, dass sie sich ab kommender Woche nach einem anderen Mitspieler umsehen müssten.» Die Geheimniskrämerei wurde soweit getrieben, dass Daleski und seine sechs Reisegefährten ausser dem Befehl, an Bord des Flugzeugs zu gehen, keinerlei Instruktionen erhalten hatten. «Ihr werdet dort erwartet», hiess es lakonisch. «Wir landeten am 20. April auf dem Flugplatz von Lydda», sagt er. «Die Briten, die sich auf ihren Abzug aus Palästina vorbereiteten, sollten Lydda an diesem Tag räumen, und auf dem Flugplatz herrschte ein riesiges Chaos. «Wir sieben - alles junge, starke Männer, die angeblich zum Studium gekommen waren - gingen an britischen Soldaten vorbei und warteten auf \"jemanden\", der uns treffen sollte.» Weil die Strasse zum Flugplatz aber gesperrt war, erschien niemand. «Wie kommen wir nach Tel Aviv», fragte einer von ihnen schliesslich einen Soldaten. «Überhaupt nicht», antwortete er knapp.Dieser Pessimismus erwies sich glücklicherweise als falsch. Ein Panzerwagen der Hagana erschien, um drei jüdische Flughafen-Arbeiter zu evakuieren, und die sieben Südafrikaner quetschten sich ebenfalls in das Fahrzeug. «Ich verliess den Flugplatz in einem Fahrzeug zusammen mit zwölf Personen», erinnert sich Daleski, «einer hübschen Australierin auf meinen Knien und einer Handgrante in der Hand.» Die Fahrt im Panzerwagen war zwar nicht angenehm, doch die Südafrikaner kamen heil nach Tel Aviv, wo sie wieder auf sich selber gestellt waren. «Wir gingen in ein Café, wo einer der Jungs telefonierte», sagte Daleski. «Er war ein Pilot und musste einem Kollegen namens Ezer Weizman Grüsse übermitteln.»
Nach diesem Telefongespräch ging alles sehr rasch. Weizman brachte die sieben in einem Hotel unter, und die Rekrutierungsoffiziere der Hagana trafen ein. Daleskis Talente als Kanonier waren sehr gefragt. Er wurde beauftragt, die praktisch nicht existierende Artillerieeinheit des entstehenden Staates zu bemannen, und weil er von diesen Dingen mehr verstand als die meisten anderen, wollte die Hagana einen Offizier aus ihm machen. «Ich lehnte ab, weil ich nicht Hebräisch sprach», sagt er. «Die nächsten neun Monate verbrachte ich damit, verzweifelt zu verstehen, was man mir sagte. Schliesslich wurde ich Kommandant einer Einheit von Kanonieren.» Zu jener Zeit war der Negev vom Rest des Landes abgeschnitten, und die ägyptische Armee näherte sich der Stelle, wo heute Aschdod steht. Die nach Süden führende Strasse war von einer festungsähnlichen, von den Ägyptern gehaltenen Poilzeistation blockiert. Die Öffnung der Strasse in den Süden war von äusserster Wichtigkeit, doch die Schüsse aus Israels antiquierten französischen Geschützen blieben recht wirkungslos.
«Im Oktober erhielten wir», wie Daleski sich erinnert, «deutsche Kanonen aus der Jahrhundertwende, die zwar etwas besser und grösser als die französischen waren, gegen die Festung aber nichts ausrichten konnten. Jede Kanone verfügte aber über vier Anti-Tank-Granaten, und jemand hatte die Idee, alle Granaten dieser Art aus dem ganzen Lande zu sammeln. Eine einzige Kanone sollte sie gegen die Festung abfeuern, und man wählte meine Kanone. Die Granaten durchschlugen die dicken Mauern der Festung. Sie fiel, und der Vormarsch in den Negev begann. Später erfuhren wir, dass die ägyptischen Kräfte (die nach Faluja zurückwichen, wo sie eingekreist wurden) von keinem anderen als Gamal Abdel Nasser kommandiert wurden.»
Nur wenige der ausländischen Volontäre waren in der Absicht gekommen, nach dem Krieg in Israel zu bleiben, und tatsächlich blieben nur vereinzelte. Daleski ging anfangs 1949 nach Südafrika zurück, doch hatte er sich schon für ein Leben in Israel entschieden. Drei Jahre später kam er tatsächlich, mit einem Doktortitel in Englisch von der Witwatersrand-Universität, einer Frau und einem neun Monate alten Baby. «Das waren harte Zeiten in Israel. Es gab fast nichts», sagt er. «Ich hatte begonnen, an der Landwirtschaftsschule von Pardess Hanna Englisch zu unterrichten. Dort war es leichter, Eier und Milch für das Kind zu bekommen.» Zwei Jahre später erhielt er Arbeit an der englischen Fakultät der Hebräischen Universität, die sich damals zu dem akademischen Zentrum des Landes zu entwickeln begann, das sie heute ist. «Ich fing als Englischlehrer an. Die meisten Schüler waren ältere Leute, die das Studium auf die Zeit nach dem langen Kampf um die Unabhängigkeit verschoben hatten. Zu meinen Studenten zählten Aharon Appelfeld, die Frau von Haim Hazaz und Zerubavel Gilad, der Komponist der Palmach-Hymne.» Innerhalb eines Jahres hatte Daleski zur englischen Literatur gewechselt und begann, akademische Ehren zu sammeln.
Renomiert und angesehen
Seine Forschung an der Universität von Cambridge unter Prof. David Daiches resultierte in einem Doktorat und dem ersten von acht Büchern - eine Studie über D.H. Lawrence. Es folgten Arbeiten über die Werke von Thomas Hardy, Joseph Conrad und Charles Dickens. Daleski war Präsident der Internationalen Dickens-Gesellschaft, und er ist Mitglied der israelischen und amerikanischen Akademien der Künste und Wissenschaften.
Am 10. Mai dieses Jahres, dem 52. Unabhängigkeitstag Israels, wird Prof. Daleski für seine literarischen Forschungsarbeiten den Israel-Preis erhalten. Die Jury hat ihn sowohl für die Förderung des Studiums der englischen Literatur in Israel als auch für die Tiefe seiner kritischen Analysen erkoren. Wie der Staat Israel selber ist auch Prof. Daleski vom ersten Unabhängigkeitstag bis heute einen langen Weg gegangen. Damals brauchte das Land ihn als Soldaten. Heute feiert es ihn für seine akademischen Erfolge.


