Eng verbunden mit der Gemeinde und Israel
Mit Dir, lieber Leo, habe ich einen vertrauten Freund verloren. Ich kann es noch nicht glauben, dass wir uns nie mehr wiedersehen werden. In meinem Herzen wirst Du weiterleben. Leo und ich, wir kennen uns seit unserer Jugendzeit. Wir trafen uns während des 2. Weltkrieges auf dem Gempenstollen im Arbeitsdienst. Am ersten freien Wochenende nahm mich Leo mit zu seinen Eltern nach Basel. Seither sind wir befreundet und haben uns nie mehr aus den Augen verloren.
Leo Abisch wurde am 14. Mai 1925 in Berlin geboren. 1938 emigrierte er mit seinen Eltern und der Schwester Claire via Italien nach Basel. Nach der Matura am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium (MNG) studierte Leo an der hiesigen Universität Chemie und doktorierte in Biochemie. Seine Interessen lagen aber eher beim Pharma-Marketing als bei der Laborarbeit. 1957 begann Dr. Leo Abisch bei Sandoz eine Karriere auf seinem Lieblingsgebiet, die er als Vizedirektor abschloss. Mit seiner Tätigkeit war Leo sehr zufrieden, umso mehr als auch seine Frau Eva bei der gleichen Firma arbeitete, und beide zusammen einen längeren beruflichen Aufenthalt in den USA erleben durften. Leo war ein beliebter Chef und blieb mit zahlreichen Mitarbeitern bis weit über die Pensionierung hinaus in Verbindung, in manchen Fällen bis in die letzten Tage. Einige Jahre vor seiner Pensionierung errichtete Leo Abisch die Sandoz-Stiftung für gerontologische Forschung und wurde deren Sekretär. Von dieser Tätigkeit, die er noch drei Jahre nach seiner offiziellen Pensionierung fortführte, hat Leo oft geschwärmt, brachte sie ihn doch in Kontakt mit berühmten Wissenschaftern aus aller Welt und ermöglichte ihm schöne Reisen. - Die letzten Jahre nach 1993, als auch Eva sich von ihrer beruflichen Aktivität zurückgezogen hatte, haben beide sehr genossen. Auf ausgedehnten Reisen erkundeten sie die halbe Welt und brachten zahlreiche Kunstwerke als Trophäen heim. Seine Frau Eva lernte Leo 1949 anlässlich einer Studienreise in Israel kennen. Sie verliebten sich ineinander und feierten ihre Hochzeit in München, wo Eva damals studierte. Die beiden verband eine unzertrennliche Gemeinschaft; sie klebten zusammen wie die Kletten. Leo war ein sehr treuer Mensch. Hatte er jemanden ins Herz geschlossen, so hielt er zu ihm. Da ging es weder um materielle Interessen noch um sonstige Vorteile. Leo schätzte seine Freunde um ihrer selbst willen, mag wohl hie und da über ihre Marotten gelächelt haben, fällte aber nie moraltriefende Urteile. So wie er es sich verbat, beurteilt zu werden, hütete er sich davor, zu verurteilen. In seiner Familie hat er sich immer rührend um diejenigen gekümmert, die seinen Rat und seine helfende Hand brauchten. Erwähnen möchte ich nur Evas Mutter, und die Sorge um den Neffen in Schweden, als Evas Bruder 1993 plötzlich starb.
Mit der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) und mit Israel war Leo eng verbunden. Während sechs Jahren arbeitete er im IGB-Vorstand mit, wo er massgeblich an der Vorbereitung und Durchführung des Gemeindejubiläums beteiligt war. Auch bei der Wahl des heutigen Gemeinderabbiners arbeitete er mit, und sein Engagement für Israel gelangte u.a. durch sein Engagement beim Keren Hajessod zum Ausdruck. Zudem besuchte er häufig die Veranstaltungen des Bnai Brith. Auf Reisen versäumte er es nie, Synagogen aufzusuchen, um Kontakte mit ortsansässigen Juden zu knüpfen. - Noch am 22. Juni organisierte Leo ein Treffen ehemaliger Berliner Klassenkameraden aus der jüdischen Schule, die sich 60 Jahre nicht gesehen hatten. Von dem Treffen berichtete er mit grosser Begeisterung.
Seinen vestorbenen Eltern war Leo zutiefst dankbar. Vater Otto Abisch hatte sich vom mitellosen Emigranten zum Verleger und Eigentümer der «Jüdischen Rundschau Maccabi» emporgearbeitet. Während seine Studienzeit half Leo dem Vater tatkräftig bei der Administration des Betriebes. Von den Eltern hat Leo nicht nur den Fleiss geerbt, sondern neben vielen anderen Gaben auch eine offene Hand und tätiges Mitgefühl für diejenigen, die auf der Schattenseite des Lebens standen. Leo hat das nie an die grosse Glocke gehängt, denn er war kein Freund grosser, hohler Worte. Für ihn zählte, was einer tat, nicht was er versprach oder daher redete. In Bezug auf das, was ihn persönlich betraf, war er eher verschlossen.
Einen grossen Wunsch erfüllte sich das Ehepaar Abisch mit der Gründung der «Abisch-Frenkel Foundation for the Promotion of Life Sciences» im Jahre 1994. Ziel der Stiftung ist die Förderung junger, begabter Naturwissenschafter in Israel. Schon im Wissen um seine schwere Krankheit hat Leo noch im letzten Jahr zwei Preisverleihungen an bekannte Professoren am Weizmann-Institut und an der Hebräischen Universität organisiert.Mit Leo Abischs Tod geht ein erfülltes Leben zu Ende. Der Verstorbene war nicht der Mensch, sich selbst zu bedauern. Seine beruflichen Erfolge waren nicht selbstverständlich, seine Kontakte für viele Menschen ein Gewinn. Sein feiner Humor konnte sarkastisch sein, nie aber verletzend. Bis zum letzten Atemzug blieb er sich selber treu. Wir werden ihn sehr vermissen und erst in den nächsten Wochen und Monaten voll erfassen, wen wir verloren haben. Den Angehörigen und Freunden, vor allem aber seiner Frau Eva und seiner Schwester Claire Ungar-Abisch wünsche ich Kraft und Mut, um das Leben im Sinn und Geist des lieben Verstorbenen zu meistern.


