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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Empört über milde Urteile

von Jeremy Jones und Jacques Ungar, October 9, 2008
Zu unbedingten Strafen zwischen neun Monaten und einem Jahr und neun Monaten wurden vier der Angeklagten im Prozess verurteilt, der die Schuldfrage nach dem Einsturz der Brücke bei der Eröffnung der Makkabi-Sportspiele 1997 in Ramat Gan untersuchte. Ein fünfter Angeklagter kam mit sechs Monaten Arbeit im Dienste der Öffentlichkeit glimpflicher weg. In Australien ist man empört über die, wie es heisst, milden Urteile, und ruft zum Boykott der 16. Makkabi-Spiele auf. - 1997 waren beim Brückeneinsturz 4 australische Athleten umgekommen, und dutzende erlitten Verletzungen.
Der verhängnisvolle Brückensturz von Tel Aviv: «Die milden Urteile sind eine Schande.» - Foto Archiv JR

«Ich bin empört über die milden Urteile, das ist eine Schande.» Mit diesen Worten reagierte am Montag in Australien Colin Alterman auf die Strafmasse, die ein Tel Aviver Gericht gegen die fünf Verantwortlichen für den Brückeneinsturz bei der Eröffnungszeremonie der Makkabi-Sportspiele 1997 in Ramat Gan verhängt hat. Der Architekt erhielt ein Jahr und neun Monate unbedingt, zwei Bauunternehmer je ein Jahr und drei Monate, und ein Vermittler neun Monate. Der namens der Makkabi-Weltunion für die Organisation zuständige Yoram Eyal kam mit sechs Monaten Gemeinde-Arbeit am glimpflichsten weg. «Bei uns wäre für dieses Vergehen eine Mindeststrafe von vier Jahren fällig gewesen», fügte Alterman hinzu, dessen Tochter Sascha noch heute unter den Folgen der Katastrophe leidet. Zusammen mit anderen Angehörigen von Opfern des Zwischenfalls ruft Alterman zu einem Boykott der 16. Makkabi-Spiele auf. Beim Brückeneinsturz waren vier australische Athleten umgekommen, während 69 teils schwer verletzt wurden.
Rund eine Woche vor dem Urteilsspruch des Gerichts führte der Knessetabgeordnete Motti Sandberg in Melbourne und Sydney Gespräche mit australischen Athleten, die über ihre Verletzungen und das noch nicht bewältigte Trauma berichteten. Familienangehörige von Opfern und Verwundeten erteilten Auskunft darüber, wie die Tragödie ihr Leben auf immer beeinflusst hat. Und Vertreter der jüdischen Gemeinde Australiens beklagten sich über die lange Zeit, die verstrichen war, bis Israel sich bequemte, Kompensationszahlungen zu offerieren. Henry Sawicki, dessen Frau Elizabeth bei der Katastrophe ums Leben kam, zürnt der Makkabi-Weltunion immer noch, weil sie seiner Meinung nach im Anschluss an die Katastrophe den Hinterbliebenen praktisch keine Hilfeleistung gewährt hatte. Für Colin Rubenstein, Exekutiv-Direktor des Rates für australisch-israelische und jüdische Angelegenheiten, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Welt-Union genügend Geld für die nächsten Spiele hatte, während viele der 1997 verletzten Athleten bis heute auf ihre Kompensation warten würden. Rubensteins Schwester war eine der verwundeten Athletinnen. «Angesichts der Emotionen, welche die Sache in Australien ausgelöst hat», erklärte Rubenstein, «sollte kein Offizieller, der 1997 oder später mit der Makkabi-Weltunion in Verbindung gestanden hat, das israelische Olympia-Team nach Sydney begleiten. Sonst könnte das traurige Resultat das peinliche Spektakel von australischen Juden sein, die gegen das israelische Team demonstrieren.» Nina Bassat, Präsidentin des Exekutivrates der Juden Australiens, fordert Israel auf, mitzuhelfen, die finanziellen Ansprüche der australischen Athleten und deren Familien zu befriedigen. Das australische Makkabi-Team fühle sich, wie sie unterstreicht, betrogen, sei die Katastrophe doch nicht auf irgend ein unvorhersehbares politisches Ereignis zurückzuführen, sondern auf die «kriminelle Fahrlässigkeit unserer eigenen Leute».

JTA/JR





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