Eine Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts
Als Anna Seghers zurückkam, war sie bereits eine international renommierte Schriftstellerin und ihr Roman «Das 7. Kreuz» in viele Sprachen übersetzt worden. Für Deutschland jedoch war sie erneut eine Unbekannte. Man hatte vergessen, dass sie schon 1928 den «Aufstand der Fischer von St. Barbara» geschrieben hatte und bereits 1924 in der «Frankfurter Zeitung» und im «Handelsblatt» ihre Erzählung «Die Toten auf der Insel Djal» erschienen war. Die Bücher dieser in Mainz geborenen jüdischen Dichterin waren in Deutschland verfemt, vernichtet, verbrannt worden, neue Werke wurden weder gedruckt noch verlegt. Der Berliner Aufbau-Verlag begann als erster Verlag ihre Werke nun auch in ihrer Heimat zu publizieren. «Das Buch \"Die Rettung\" war schon im Druck, als ich nach Deutschland zurückkam», erinnert sich die Schriftstellerin später. «Die erste Ausgabe erschien vor zehn Jahren im Exil. Jetzt lernt der deutsche Leser das damals verbotene Buch kennen» und fügte hinzu: «Der Autor und der Leser sind im Bunde: sie versuchen zusammen auf die Wahrheit zu kommen.»
Ruinen in den Köpfen
Das war auch das Motiv, weshalb die als Netty Reiling geborene, mit dem jüdisch-ungarischen Literaten Laszlo Radvanyi verheiratete, unter dem Pseudonym Anna Seghers weltbekannt gewordene Schriftstellerin schon bald nach Berlin zurückkehrte. «Nach der Befreiung drängte es meine Mutter nach Deutschland. Sie wusste um die Verwüstung, um die Millionen Toten, um die Konzentrationslager», erinnert sich ihre Tochter Ruth Radvanyi. «Die Ruinen in den Köpfen machen sie fassungslos. Die Menschen hausen in Trümmern, hungern, klagen, aber keiner erkennt auch nur ein Pünktchen eigene Schuld. Ihre Hoffnung ruht auf den Kindern und Jugendlichen.» Oft wurde Anna Seghers später vorgeworfen, dass sie nicht in den Westen, sondern in den Osten Deutschlands ging. Dazu ihre Tochter Ruth: «Sie wollte eine gerechte Gesellschaft mit aufbauen.» Blickt man heute auf das Leben dieser stets engagierten Frau, so schaut man zurück auf ein ganzes Jahrhundert. Am 19. November in Mainz geboren, wuchs sie in einer orthodoxen israelitischen Familie auf. Der Vater war ein angesehener Kunsthändler, der seine Tochter in die höhere Schule schickte. Voller Patriotismus machte Tochter Netty mit ihren Mitschülerinnen Hilfsdienste während des 1. Weltkrieges. Sie erlebt wie Mainz von französischen Truppen besetzt wurde. Als die Weimarer Republik gegründet wurde, war sie 19 Jahre alt. 1920 beginnt sie ein Geschichts- und Kunststudium in Heidelberg, lernt dort ihren späteren Mann kennen und beginnt zu schreiben. Während ihrer Doktorarbeit über «Jude und Judentum im Werke Rembrandts» trifft sie auf den Namen Seghers, den sie seitdem als Pseudonym nutzt und unter dem sie weltberühmt wurde. Mit ihren frühen Novellen «Grubetsch» und «Der Aufstand der Fischer von St. Barbara» macht sie erstmals literarisch auf sich aufmerksam und erhielt den Kleistpreis. 1928 wird sie Mitglied der Kommunistischen Partei. Sie reist in die Sowjetunion und nimmt an internationalen Konferenzen teil. Auch beim Antikriegskongress 1932 in Amsterdam ist sie dabei. Dann muss sie vor Hitler flüchten.
Reisende im Exil
In Paris gründet sie gemeinsam mit Wieland Herzfelde, Oskar Maria Graf und Jan Petersen die Exilzeitschrift «Neue Deutsche Blätter», später, in Mexiko wird sie Präsidentin des Heinrich-Heine-Klubs und veröffentlicht seit 1941 regelmässig in der Emigrantenzeitung «Freies Deutschland». Auch nach ihrer Rückkehr bleibt sie weiterhin politisch aktiv. So nimmt sie an der Friedensbewegung teil, tritt für das Verbot aller Atomwaffen ein und wird 1950 Mitglied des Weltfriedensrates. Den Höhepunkt ihrer kulturpolitischen Aktivitäten erreicht sie 1952, als sie zur Vorsitzenden der Deutschen Akademie der Künste in Berlin gewählt wurde, ein Amt, das sie 26 Jahre ausübte. 1978 trat sie aus Altersgründen zurück und blieb bis zu ihrem Tode Ehrenpräsidentin.
Nach und nach wurden ihre Werke auch im Westen Deutschlands gedruckt. 1962 erschien bei Luchterhand «Das 7. Kreuz», nach langer öffentlicher Polemik. Heinrich Böll wollte mehr von ihren Werken in der Bundesrepublik gedruckt sehen. «Es ist meine Sache nicht, Anna Seghers vorzuwerfen, dass sie wohnt wo sie wohnt», erklärte er 1964.
Viel Leid hinter jeder Aussage
Bis an ihr Lebensende gehörte Anna Seghers zu jenen linksgerichteten Oppositionellen, die sich zum Kommunismus bekannten, doch dann schmerzlich auch hier erfahren mussten wie weit Realität und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Damit stand sie in einer Reihe grosser Künstler unseres Jahrhunderts, mit Ilja Ehrenburg, Wieland Herzfelde, Arnold Zweig, Ludwig Renn und vielen, vielen anderen. Doch trotz aller Irrtümer blieb sie menschlich und zeigte Zivilcourage, wenn es galt Unrecht zu verurteilen. «Sie hatte sich», erinnert sich Hans Meyer nach der Wende im Jahr 1991, «zusammen mit Becker und Janka staatsfeindlich verhalten, als man plante, das vom sowjetischen Geheimdienst bedrohte Leben des Freundes Lukács zu retten. Jede Aussage war Mittäterschaft. Sie zu bestreiten kann nur einer wagen, der nicht weiss, wie viel Leid hinter jeder Aussage stand.» Unumstritten ist, dass Anna Seghers, die im Juni 1983 starb, eine der grössten deutschen Erzählerinnen in unserem Jahrhundert ist. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstages widmete ihr ihre Geburtsstadt an dominanter Stelle im Mainzer Rathaus eine umfangreiche Ausstellung über Leben und Werk und organisierte zur Erinnerung an eine «Schriftstellerin die das 20. Jahrhundert durchschreitet», Kolloquien und Lesungen. Auch in Berlin wird in einer Ausstellung die Lebensarbeit dieser jüdischen Schriftstellerin gedacht und der Aufbau-Verlag gab erneut einige ihrer Werke, darunter «Das 7. Kreuz» sowie eine Neuentdeckung «Jans muss sterben» und eine «Biographie in Bildern» mit zum Teil unveröffentlichten und wenig bekannten Foto- und Dokumentationsmaterial heraus.


