Eine Heimstatt für Tradition und Anderssein
Die Synagoge von Kassel ist das jüngste Werk des Architekten Alfred Jacoby, der als «Deutschlands Synagogenbauer» bereits die Gotteshäuser von Darm-stadt, Heidelberg, Offenbach und Aachen errichtet hat. Jedes Gebäude ist anders. Das Besondere an Kassel ist der Thoraschrein, der zwar einen Vorhang hat, hinten jedoch nur eine Verglasung. Abends, wenn in der Synagoge das Licht brennt und der Aron Hakodesch geöffnet ist, können Vorübergehende von der Strasse aus hinter dem grossen Fenster, das waagerechte Holzbalken sichert, die Thorarollen erkennen. Ganz bewusst hat sich Architekt Jacoby für eine solche architektonische Lösung entschieden. «Die moderne Synagoge», erklärt er, «soll sich an die Menschen in Kassel wenden und ihnen allen einen Ort toleranten Zusammenlebens ermöglichen. Ein Haus soll es sein, in dem jüdische Menschen für ihre Traditionen und ihr Anderssein eine Heimstatt finden und wiederum Nichtjuden eine Begegnung mit diesem Glauben und seinen Menschen möglich gemacht wird.» «Wenn dies», so Jacoby weiter, «mir und meinen Mitarbeitern gelungen ist, haben wir viel erreicht.»
Diese Form der Synagogenarchitektur ist neu und gab es bisher in Deutschland noch nicht. Falls der Bau Nachahmer findet, würde damit an eine Kasseler Tradition angeknüpft. Auch die 1938 zerstörte alte Synagoge, die 1839 eingeweiht worden war, wurde Vorbild für fünf weitere Synagogenbauten in Mannheim, Liegnitz, Frankfurt, Linz und Gleiwitz. Die alte Kasseler Synagoge war zweistöckig angelegt, wobei die Frauen, anders als bei der heutigen, damals auf der Galerie sassen. Anfang der neunziger Jahre begann die grosse Zuwanderungswelle osteuropäischer Juden, vorwiegend aus den GUS-Staaten. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Kasseler Jüdische Gemeinde von 78 Mitglieder auf fast 800 an. Das provisorische Bethaus wurde zu klein und man beschloss, eine Synagoge zu bauen.
Nach nur eineinhalb Jahren Bauzeit wurde sie nun feierlich eingeweiht. Anwesend waren nicht nur Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Kassel, auch Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, war gekommen, der Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland Hans Eichel, der hessische Ministerpräsident Roland Koch, katholische Bischöfe, Vertreter der evangelischen Kirche und viele, viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. «Es ist ein Tag grosser Freude», erklärte Hans Eichel, und Roland Koch betonte, dass er gekommen war, um allen zu gratulieren, die zur Realisierung dieses Bauwerkes beigetragen haben. «Weil es gemeinsam angegangen ist, können wir uns auch gemeinsam freuen», erklärte er weiter. Fünf Millionen Mark hat der Bau gekostet. Das Geld dazu kam aus unterschiedlichen Quellen. Neben dem Staat, dem Land Hessen und der Stadt waren es vor allem einfache Bürger, die einen Förderverein gründeten, der Geld für die Synagoge sammelte. Vereine wie die Deutsch-Israelische, die Christlich-Jüdische Gesellschaft, die Universität Kassel und viele Privatpersonen schafften beachtliche Summen herbei. Eine Entwicklung, die Mut macht und ein Meilenstein auf dem Weg der Normalität von Juden und Nichtjuden sein könnte. «Deutschland hat viel getan für die jüdischen Bürger - nachdem Deutschland alles getan hatte, seine jüdischen Bürger auszurotten», mahnte Moritz Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Juden in Hessen, nicht die Vergangenheit zu vergessen. Die frühere Synagoge ist nicht durch Alterszerfall entzwei oder wurde durch Blitzeinschlag zerstört. Heute, so Neumann, «ist Deutschlands Umgang mit seinen Juden der Prüfstein, an dem die Rückkehr dieses Landes zu den Völkern gemessen wird».
Auch Paul Spiegel warnte vor allzu grosser Euphorie. «Allein am 9. Dezember 1941 wurden etwa tausend Kasseler Juden mit einem Transport nach Riga in den sicheren Tod geschickt.» Das wachsende Judentum in Deutschland heute, so Spiegel, gleiche einem Wunder, «und wir sollten alle einen Moment inne halten und uns vergegenwärtigen, was dies bedeutet». Ernste Worte waren zu hören.
Bereits Anfang der 30er Jahre war gerade Kassel eine Hochburg der Nationalsozialisten. So nutzte Paul Spiegel nun die Synagogeneinweihung in Kassel, um auf die neue Gefahr des gegenwärtig wachsenden Antisemitismus in Europa hinzuweisen. «Bei den Brandanschlägen und Schändungen handelt es sich nicht um Kavaliersdelikte oder Lausbubenstreiche unverstandener Jugendlicher, sondern um ernst zu nehmende Gewaltverbrechen», mahnte er. Aufmärsche in Springerstiefeln, Schmähbriefe und Drohungen an Jüdische Gemeinden, Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gedenksteine oder Homepages mit rechtsextremem und antisemitischem Gedankengut signalisieren ein Wiedererstarken der rechten Szene. «Rasches Handeln» forderte Spiegel in Kassel und appellierte für eine Überarbeitung bestehender Gesetze und Regelungen in Europa und weltweit. Bei aller Freude über die neue Synagoge in Kassel sollte man nicht vergessen, dass die heutige Gemeinde 800 Mitglieder hat. Vor 1933 waren es über dreitausend.


