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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein umstrittenes Büro

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Seit sieben Jahren schon leitet Annick Tonti das schweizerische Verbindungsbüro zur palästinensischen Autonomie. Das ist viel länger als normalerweise üblich. Einmal hat die Eidgenossenschaft die Kadenz der Entwicklungshelferin auf deren Wunsch hin verlängert, doch jetzt kam man «im gegenseitigen Einvernehmen» überein, Frau Tonti im Sommer definitiv nach Bern zurückzubeordern und zu ersetzen. Sozusagen als Abschiedsgeschenk äusserte sich die Angestellte des Bundes in einem Interview auf eine Weise kritisch gegen Ariel Sharon, wie eine Person in ihrer Position es sich nicht erlauben darf.
Das Interview (zusammen mit einem zuvor in der «Weltwoche» erschienenen Artikel) sorgte dafür, dass eine Tatsache ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt wurde, die man auf beiden Seiten wohl lieber fest unter Verschluss gehalten hätte: Offiziell ist das Verbindungsbüro zwar in der autonomen Palästinenser-Stadt Jericho domiziliert, de facto aber führte Frau Tonti ihre Geschäfte in flagranter Verletzung geltender politischer Richtlinien Israels in Ost-Jerusalem. Kaum war dieser Sachverhalt durchgesickert, erhielt sie von schweizerischer Seite her die Anweisung, ab sofort ausnahmslos niemanden mehr im Jerusalemer Büro zu empfangen. Alle Gespräche finden seither in umliegenden Restaurants oder Hotel-Empfangshallen statt. Der Schaden aber war bereits angerichtet, begann nach dem Medienrummel nun doch das Jerusalemer Aussenministerium sich mit der Sache zu befassen. Einen offiziellen Schliessungsbefehl hat das Verbindungsbüro zwar noch nicht erhalten, und die Schweizer Botschaft in Tel Aviv versucht Israel klarzumachen, dass ein Mangel an Flexibilität und Takt sich zum jetzigen Zeitpunkt der Intifada und vor dem Hintergrund der Israel-kritischen öffentlichen Meinung leicht zum Bumerang gegen den jüdischen Staat wandeln könnte. Formal-juristisch aber geniesst Israel in Bezug auf das Ost-Jerusalemer Büro zweifelsohne die stärkere Position.
Annick Tonti verlässt den Nahen Osten in einigen Monaten, und es bleibt zu hoffen, dass ihre Nachfolgerin erstens bei der Gewährung von Interviews weniger diplomatisches Porzellan zerschlägt, und dass die Schweiz zweitens das Verbindungsbüro jetzt auch de facto dorthin verlegt, wo es aufgrund von Logik und Gepflogenheiten hingehört: In die Autonomie.





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