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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein teures Risiko

October 9, 2008

Hafez el-Assad lässt sich nicht zu einem Treffen mit Ehud Barak herab. Sein Aussenminister weigert sich, dessen Hand zu schütteln, doch der israelische Regierungschef besteht nicht auf dem diplomatischen Protokoll. In seinem Streben nach einem Abkommen mit dem syrischen Diktator scheint er bereit zu sein, alles zu tun, alles zu sagen und vielleicht sogar alles wegzugeben. Wer sich in der neueren Geschichte des Nahen Ostens nicht auskennt, könnte glauben, Syrien habe Israel eine Niederlage zugefügt, und Assad besitze alle Trümpfe, während Israel in einer verzweifelten Lage sei. Noch nie in der Geschichte sind die Rollen derart vertauscht worden. In Shepherdstown herrscht der Surrealismus. Um der von ihm vertretenen absurden Position etwas Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat unser Premierminister die Behauptung aufgestellt, die Alternative zu einem Abkommen mit Assad sei syrische Aggression gegen Israel und Scud-Raketen auf israelische Städte. Ferner vertritt er die Ansicht, erst nach der Erfüllung von Assads Forderungen werde Israel in den Genuss des wirtschaftlichen Forschritts gelangen, die Arbeitslosigkeit werde verschwinden und der Militärdienst könne gekürzt werden. Und wem das nicht reicht: Die USA werden Israel wahrscheinlich mit mehreren Milliarden Dollar und der modernsten amerikanischen Waffentechnologie belohnen; der Staat Israel wird zwar kleiner sein, aber sicherer und reicher.
In bezug auf die vermutete syrische Bedrohung berichtet das Jaffe-Zentrum für strategische Studien der Tel Aviv Universität in seinem jüngsten Jahresband über die militärische Entwicklung im Nahen Osten, das strategische Gleichgewicht zwischen Israel und Syrien sei noch nie so drastisch zugunsten Israel verschoben gewesen wie jetzt; Damaskus besässe keine wirkliche militärische Option. Im Grunde genommen braucht es keine gelernte Studie, um zu begreifen, dass Syriens Wirtschaft in argen Problemen steckt, dass der Zusammenbruch der UdSSR die Armee des Landes getroffen hat, und dass Israels Militär andrerseits dank der wirtschaftlichen Fortschritte sowie der Neuerungen in der militärischen wie in der zivilen Technologie gegenüber Syrien wesentlich im Vorteil ist. Sorgen bereiten sollten aber die Vorbehalte der militärischen Abwehr gegenüber dem Bericht des Jaffe-Zentrums. Er einnere, so meinen die Militärs, in frappanter Weise an die übertriebenen Einschätzungen, welche die US-Geheimdienste bis unmittelbar vor dem Zusammenbruch der UdSSR von der militärischen Kapazität der Sowjets gehabt hatten. Das sei eine wacklige Basis für Baraks Syrien-Strategie.
Paradox an der Situation ist, dass die amerikanische Militärhilfe, mit der Damaskus nach der Unterzeichnung eines Abkommens rechnen darf, das Gleichgewicht zwischen Syrien und Israel zuungunsten des jüdischen Staates umdrehen wird. Was heute noch nicht wie eine Bedrohung aussieht, könnte in den nächsten Jahren zu einer solchen werden. Diesmal würde die Bedrohung auf den Golanhöhen, direkt gegenüber dem Norden Israels, stationiert werden. Weder eine Entmilitarisierung noch Frühwarnsysteme könnten dies verhindern.
Barak konzentriert sich inzwischen auf die Prämie, die er von den USA im Austausch für einen Rückzug vom Golan zu ergattern erhofft. Doch da könnte er noch einige Überraschungen erleben. So berichtet die «Washington Post», das US-Verteidigungsministerium hätte Israels Wunsch nach Hilfe und Militärausrüstung im Wert von total 17 Mrd. Dollar nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit Syrien rundweg abgelehnt. Israels Wunschliste soll im Pentagon den Kommentar provoziert haben, Jerusalem würde «nach allem greifen, was sich in Sichtweite befindet», und man sprach dort von einem «Frieden zu unseren Lasten». Baraks Ersuchen um Militärhilfe ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Zusammen mit der Wirtschaftshilfe, die er für den Abzug vom Golan erwartet, würden die amerikanischen Kompensationszahlungen rund 70 Mrd. Dollar erreichen. Und noch hat Assad Präsident Clinton die syrische Rechnung nicht präsentiert. Hier handelt es sich nicht nur um Frieden auf Kosten der US-Steuerzahler, sondern effektiv um einen «Frieden um jeden Preis».
Der Durchschnitts-Israeli wird vielleicht sagen: «Warum nicht? Wenn es Barak gelingt, Clinton dazu zu bringen, die US-Steuerzahler die Rechnung zahlen zu lassen, warum sollte Israel nicht davon profitieren?» Trotzdem würde Israel die Aufgabe verbleiben, den Golan zu verlassen und 18 000 Bürger zu zwingen, ihre Heime aufzugeben. Diese selbst zugefügte Wunde wird auch in Jahren noch nicht zugeheilt sein. Sie erschüttert die Fundamente, auf denen Israel erbaut ist. Und das kann mit keiner noch so hohen finanziellen Kompensation ausgeglichen werden.

Der Autor ist ein ehemaliger israelischer Verteidigungsminister des Likuds. © Haaretz





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