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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein schwarzer Tag

October 9, 2008

Der 7. Oktober 2000 wird als schlechter Tag für die israelischen Streitkräfte in die Geschichte eingehen. Trotz Warnungen der militärischen Abwehr und des Generalstabchefs Shaul Mofaz vor Plänen der Hizbollah, an der Nordgrenze einen israelischen Soldaten zu entführen, muss die Armee sich den Vorwurf der schwerwiegenden Nachlässigkeit gefallen lassen: Im Anschluss an ein Ablenkungsmanöver der Hizbollah wurden ohne Kampf drei Soldaten an den Abhängen des Har Dov-Gebirges gekidnappt. Damit eröffnete die Schiiten-Miliz in Koordination mit den palästinensischen Unruhen eine zweite Front gegen Israel.
In den Gebieten war das Fiasko anderer Natur. Letzte Woche verblutete im Josephsgrab in Nablus ein Offizier der Grenzschutztruppen zu Tode, weil die Armee geglaubt hatte, die palästinensischen Sicherheitskräfte würden ihn rechtzeitig evakuieren. Am Samstag dann, nachdem Israel sich aus dem Grab zurückgezogen hatte, brach erneut eine Übereinkunft mit den Palästinensern in sich zusammen, als deren Sicherheitsorgane die Zerstörung der Stätte zuliessen, und erst anschliessend Wachen an den brennenden Ruinen postierten. Das wird zweifelsohne den palästinensischen Druck auf Israel erhöhen, andere isolierte Punkte in den Gebieten, wie z.B. Netzarim im Gazastreifen zu räumen.
Inzwischen bleiben weiterhin Strassen blockiert, und zwar sowohl in den Gebieten als auch in arabisch dominierten Regionen in Israel selber.Gleichzeitig wächst die innere Kritik - innerhalb der Armee und anderen Sicherheitsorganen, aber auch bei gewissen Kabinettsmitgliedern - an der von Premier Barak verfügten Politik der militärischen Zurückhaltung. Das würde die Gegenseite zur Eskalation veranlassen, da Yasser Arafat, die Palästinenser, die Hizbollah und die arabischen Staaten diese Zurückhaltung als Schwäche interpretieren. Diese Kritik war auch während der Beratungen über die Evakuierung des Josephsgrabs zu hören.
Die Hizbollah hat schon vor einiger Zeit mit Aktionen im Zusammenhang mit der Region Shabaa an den Abhängen des Hermons an der libanesisch-israelischen Grenze gedroht. Obwohl die UNO im Verlaufe der Grenzziehung nach dem israelischen Rückzug eine andere Ansicht vertrat, beharrt die Hizbollah auf ihrem Standpunkt, Shabaa sei libanesisches Territorium. Premier Ehud Barak wies die Armee sogar an, einen wichtigen Aussenposten auf dem Har Dov in die Luft zu jagen, weil er in libanesisches Gebiet hineinragte. Und trotz der Opposition der Luftwaffe und der militärischen Abwehr stimmte er einer Einstellung der Patrouillenflüge über Libanon zu. Dann gab er seinen Soldaten den Befehl zur striktesten Zurückhaltung, wenn tausende von Libanesen und andere mit Lastwagen an die Grenze gefahren wurden, wo sie Steine und Molotow-Cocktails gegen die IDF-Soldaten warfen und dabei nicht wenige von ihnen verwundeten. Die eigentliche Verantwortung lag bei der UNO und deren Unifil-Truppen, die nichts unternahm, um die Ankunft dieser Menschen an der Grenze zu verhindern. Zur Ablenkungstaktik der Hizbollah am Samstag zählte nicht nur ein Mörserangriff auf IDF-Stellungen am Har Dov, sondern auch eine Massendemonstration vor der Ortschaft Sarit unmittelbar am Grenzzaun, an der auch viele aus Beirut herbeitransportierte Palästinenser teilnahmen, und bei der auch Schüsse fielen.Barak beschloss die Räumung des Josephsgrabs aufgrund einer Empfehlung von Generalstabschef Mofaz. Dieser stützte sich vor allem auf militärische Argumentationen und auf den Wunsch, weiteres Blutvergiessen zu vermeiden, nicht zuletzt auf der palästinensischen Seite.
Wahrscheinlich widerspiegelte die Empfehlung des Generalstabchefs die Überzeugung, dass anhaltende Kämpfe die israelischen Truppen weiter verwickeln würden, was letztlich in eine Besetzung der Stadt Nablus münden würde. Der Premierminister unterbreitete seine Entscheidung weder dem Sicherheitskabinett noch der Regierung zur Abstimmung. Offenbar wollte er vermeiden, dass einige Minister den Vorschlag ablehnen würden. Barak beschränkte sich auf eine interne Diskussion mit den Ministern Benjamin Ben-Eliezer (Kommunikation und Wohnbau) und Matan Vilnai (Wissenschaft und Sport). Beide Männer sind militärisch ausgesprochen erfahren. Ihnen gesellte sich Vize-Verteidigungsminister Ephraim Sneh hinzu, der sich in militärischen Fragen ebenfalls bestens auskennt. Als Militärs nahmen Generalstabschef Mofaz, sein Stellvertreter Moshe Yaalon, der Shin-Beth-Boss Avi Dichter und Danny Yatom teil, der Sicherheitsberater des Premierministers. Aber auch dieses Forum stimmte nicht ab, und allem Anschein nach kam Barak mit dem festen Entschluss an die Sitzung, das Josephsgrab zu räumen.Die Kritik betrifft nicht den Entschluss an sich, die Grenzschutzsoldaten aus dem Grab abzuziehen, sondern eher den Zeitpunkt und die Umstände, d.h. unter Feuer und nach massiven Verletzungen von Abkommen durch die Palästinenser. Angeführt wurden die Kritiker durch Ben-Eliezer, der behauptete, es habe eine entscheidende Veränderung stattgefunden: Man befinde sich nicht länger im Friedensprozess, und eine solche Entscheidung zu diesem Moment würde die Moral der Soldaten beeinträchtigen. In einer solchen Situation, meinte Ben-Eliezer, gebe es keinen Grund, von einer Ausweitung der Kämpfe an der Stätte zurückzuschrecken. Zur Diskussion stehe nämlich eine klare Verletzung des Abkommens. Schliesslich gab Ben Eliezer auch zu, dass Israel einen Fehler begangen habe, als es der massiven Bewaffnung der palästinensischen Polizei zugestimmt habe.

Der Autor ist Militäranalytiker der Zeitung «Haaretz».





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