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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein Rufer in der Wüste ist abgetreten

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
Im Alter von 86 Jahren starb am 13. Juli in Washington Jan Karski, ein Held des polnischen Widerstandes, der vergebens versucht hatte, die Alliierten während des Krieges von den Nazi-Grausamkeiten des Holocausts zu überzeugen.
Jan Karski: Held des polnischen Widerstands. - Foto JTA

Juden wie Nichtjuden trauern gleichermassen um Jan Karski, den Helden des polnischen Widerstandes im 2. Weltkrieg, der letzte Woche in Washington im Alter von 86 Jahren gestorben ist. «Sich an Karski zu erinnern», sagte Prof. Michael Steinlauf aus Gratz, «ist gleichbedeutend mit der Erinnerung an das Beste, wozu Menschen im Zentrum des Schreckens dieses schrecklichen Jahrhunderts imstande waren.» Steinlauf, ein Experte für polnisch-jüdische Geschichte, unterstrich, dass Karski keinerlei Verständnis für Heuchelei hatte, jederzeit und vor jedermann für die Wahrheit einstand, auch wenn dies noch so schwierig und unangenehm gewesen sein mochte. - In Warschau rezitierte Rabbi Michael Schudrich am letzten Schabbat ein Gebet für den Verstorbenen, und Stanislaw Krajewski, Vorstandsmitglied des polnisch-jüdischen Gemeindebundes, bezeichnete Karski als «absolut gerechten Mann». Dank seiner «unglaublichen Taten während des Krieges» sei er zu einem grossen moralischen Vorbild in Polen geworden. «Er repräsentierte das Beste Polens, wobei allen klar war, dass er sich mit seinem Einsatz gegen den Antisemitismus gegen den Strom der Massen stemmte. Er ist nicht zu ersetzen.»

Vom Diplomat zur Untergrundarmee

Der römisch-katholische Jan Karski kam 1914 in der Stadt Lodz als Jan Kozielewski zur Welt. Vor dem Krieg war er Diplomat, doch nach 1939 schloss er sich der Untergrundarmee an. Dank seines Mutes, seines fotografischen Erinnerungsvermögens und seiner Sprachkenntnisse wurde er ein legendärer Kurier, der sich im besetzten Europa durch die feindlichen Linien hindurch schlängelte und der polnischen Exilregierung Nachrichten des Widerstandes überbrachte. 1940 ging er der Gestapo in die Falle und wurde gefoltert, doch gelang es ihm, mit der Hilfe eines Untergrund-Kommandos zu fliehen. 1942 riskierte er sein Leben, als er sich zweimal ins Warschauer Ghetto einschlich. Als er, als Nazi-Wache verkleidet, ins Todeslager Izbica in Ost-Polen gelangte, sah er, wie Juden gefoltert und ermordet wurden. Sein fotografisches Gedächtnis erlaubte ihm, dem Westen Augenzeugenberichte von Hinrichtungen, Massendeportationen und den schrecklichen Zuständen zu übermitteln. Er schilderte die Lage persönlich US-Präsident Roosevelt und anderen westlichen Staatsmännern, doch resultierten aus seinen Berichten wenig konkrete Aktionen der misstrauischen Alliierten. «Vielleicht glaubten sie mir nicht, oder vielleicht dachten sie, ich würde übertreiben», meinte Karski 1995 gegenüber Associated Press (AP). «Jan Karski versuchte, die Welt über den Holocaust zu informieren», erklärte die polnische Botschaft in Washington, «doch die Welt nahm seine Warnungen nicht ernst». Karskis 1944 veröffentlichtes Buch «Story of a Secret State» schildert den Kampf des polnischen Widerstandes und beschreibt auch die Realitäten des Holocausts. Es wurde ein Bestseller in den USA.

Ein Gerechter

Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten weigerte Karski sich, nach Polen zurückzukehren und liess sich in den USA nieder, wo er 1954 die Staatsbürgerschaft erhielt und eine Professur an der Universität Georgetown annahm. Als er in den 80er Jahren für Claude Lanzmanns Film «Shoah» interviewt wurde, sprach er erstmals öffentlich über das, was er in Warschau und Izbica gesehen hatte. Nach Polen kehrte Karski erst 1989 nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zurück. - Zu den vielen Auszeichnungen, die er erhielt, zählten der Titel des «Gerechten unter den Nationen» der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, sowie hohe zivile und militärische Ehrungen in Polen. Karskis verstorbene Gattin war die Tochter eines orthodox-jüdischen Polen. Ihre ganze Familie kam in den Nazi-Lagern ums Leben.

JTA


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