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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein Porträtist von europäischem Rang

von Walter Labhart, October 9, 2008
Hundert Jahre nach seinem Geburtstag ist der Maler Varlin im Ausland, wo er so oft lebte und arbeitete, immer noch soviel wie unbekannt. Aus der einzigen Retropektive zu diesem Jubiläum, der 125 Ölbilder zählenden Präsentation im Aargauer Kunsthaus, geht eindeutig hervor, dass der in Zürich häufig mit Bildnissen von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Leo Gantenbein und Hugo Loetscher aufgefallene Künstler den grossen Porträtisten des 20. Jahrhunderts zugerechnet werden muss.
«Utrillo von Wollishofen»: Willy Guggenheim mit Gattin und Tochter. - Foto PD

Wie Kirchner, Kokoschka, Modigliani und Picasso hat Varlin gerade auf diesem Gebiet so viel Hervorragendes geschaffen, dass sein Fehlen in den bedeutenden europäischen Galerien und Museen schwer zu begreifen ist.
Am 16. März 1900 zusammen mit seiner Zwillingsschwester Erna als Bürger von Lengnau AG in Zürich zur Welt gekommen, fühlte sich Willy Guggenheim der Stadt Paris, wo er von 1923 bis 1932 lebte und den Namen Varlin angenommen hatte, bis zu seinem Tod am 30. Oktober 1977 in Bondo (Bergell) enger verbunden als seiner ebenfalls lange als Domizil benutzten Geburtsstadt. Prägenden Einfluss auf die Entwicklung des geistig in der französischen Kultur beheimateten Malers übten in Berlin sein jüdischer Lehrmeister Emil Orlik und Max Liebermann als Vorbild einerseits, der jüdische Maler Chaim Soutine in Paris andererseits auf den zeitweise «Utrillo von Wollishofen» genannten Schweizer Künstler aus, der zu Beginn der dreissiger Jahre, als er in der Seinestadt von Modiglianis Entdecker Zborowski gefördert wurde, wie jener toskanische Maler zur «Ecole de Paris» gehörte.

Einflüsse vereint

Wie nachhaltig die Einflüsse von diversen Malern des Montparnasse und von van Gogh auf Varlin noch zu einem Zeitpunkt waren, als er in ein einziges Motiv umkreisenden Bilderzyklen das Gaswerk in Fribourg, ein Lausanner Gefängnis, das Schloss Chillon und die Hohe Promenade in Zürich in Ölgemälden mit ausgesprochenem Porträtcharakter festhielt, zeigt die bis zum 6. August dauernde Retrospektive in Aarau mit lauter Werken, die zum Besten zählen, was der 1967 mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich geehrte Einzelgänger schuf. Dass Varlin etliche Friedhöfe in Frankreich, Spanien, Italien und im Tessin malte, ohne ein einziges Mal den Israelitischen Friedhof zwischen seiner Heimatgemeinde Lengnau und Endingen in einem Ölbild festgehalten zu haben, mag gleichermassen erstaunen wie das Ausbleiben von Bildnissen jüdischer Persönlichkeiten in seinem Oeuvre. Eine nennenswerte Ausnahme bildet der Pariser Malerfreund Elias Kohn, mit dem er bis zu dessen Übersiedlung nach Israel in den fünfziger Jahren engen Kontakt pflegte, nachdem er ihn schon 1927 mit seinem symbolträchtigen Koffer an dessen Seite porträtiert hatte. Pikanterweise verzichtete Varlin auf eine Darstellung der Synagoge seines Heimatortes Lengnau, um aber 1951 gleich dreimal die Synagoge des Nachbardorfes Endingen auf die Leinwand zu bannen, auf deren Rückseite er absichtlich die irreführende Ortsangabe Lengnau machte!
Keines dieser eher wenig repräsentativen «Ortsbilder» mit der bei Varlin so seltenen jüdischen Thematik hängt in der grossen Werkübersicht. In ihr finden sich jedoch das bereits erwähnte «Portrait du peintre Elias Kohn» und manches der zentralen Schriftstellerporträts, ja selbst so wichtige Gemälde wie die in doppeltem Wortsinn grossformatigen Beiträge zum Sektor «L’Art de vivre» der Expo ‘64, die von Dürrenmatt erworbene «Heilsarmee (Die geistige Freude)» und das bissig entlarvende Gegenstück «Die Völlerei (Die Sinenfreude)», das quasi zur 68er-Bewegung beigesteuerte Bild «So lebt die Schweiz» voll witziger Systemkritik und Gips, Gold sowie anderen Materialien, mehrere der biografisch bedeutsamen Bildnisse seiner Mutter sowie an Soutine gemahnende «Porträts» von Schirmen, Schränken und Betten.

Subtil erforscht

Über die in Aarau versammelten Ölbilder, zu denen in Vitrinen ein paar Karikaturen und Zeichnungen wie zur Broschüre «Israel, souvienstoi» hinzukommen, die Varlin als Reaktion auf Hitlers Machtantritt und die Bücherverbrennung 1933 in Paris erscheinen liess, gibt ein alle 1376 Gemälde wissenschaftlich erfassendes Werkverzeichnis zuverlässig Auskunft. Erarbeitet wurde es von Paola Tedeschi-Pellanda und der Tochter des Malers, Patrizia Guggenheim. Auf 284 Seiten hält der vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft im Verlag Scheidegger & Spiess in Zürich herausgegebene Band in chronologischer Anordnung alle zwischen 1921 und 1976 entstandenen Gemälde in schwarzweissen Reproduktionen fest. Zu den Titelvarianten, den Angaben zur Maltechnik und den Massen kommen auf die Datierung bezogener Quellenauszug und eine Auflistung der Ausstellungen hinzu, oftmals ergänzt durch ein ebenso imposantes Literaturverzeichnis. Mit farbigen Beispielen versehene «Beobachtungen zu Maltechnik und Material» von Hans-Christoph von Imhoff beschliessen den Band, der nebst einer detaillierten Auflistung der Fachliteratur mit genauem Nachweis der Tageszeitungen und Zeitschriften und einem Ausstellungs- und Auktionsverzeichnis ein ausserordentlich differenziertes Register enthält. Von den Stichworten dieser bibliografischen Glanzleistung seien nur Architektur, Ereignisse, Jahreszeiten, Porträts, Tätigkeiten, Tiere und Gegenstände genannt. Ein von Tobias Eichelberg erstelltes interaktives Werkverzeichnis auf CD-Rom ermöglicht den Zugang zu den dort farbig festgehaltenen Gemälden und dient der Bildsuche nach diversen Kriterien.
Während das Werkverzeichnis und die ergänzende Monografie «Varlin, Leben und Werk» von Paola Tedeschi-Pellanda und Patrizia Guggenheim im Buchhandel zusammen Fr. 450.- kosten, kann die 248 Seiten zählende Monografie während der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus in einer Sonderausgabe einzeln für Fr. 58.- bezogen werden.





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