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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein janusköpfiger Maler und Wortkünstler

von Walter Labhart, October 9, 2008
«Mich erblickte das Licht der Welt am 16. März 1900. Als Fisch geboren, mit einer Zwillingsschwester in Zürich an der Schützengasse, bis 50 knochen Stier, war mit 4 Sternzeichen die Voraussetzung für ein kommendes Genie gegeben.» Mit diesen geistvollen Formulierungen beginnt die Kurzbiografie, mit der sich Willy Guggenheim selber vor- und verstellte. An seiner Legende feilte er, von der unzählige Anekdoten im Umlauf waren, mit mehr Ausdauer als an seinen Bildern und Zeichnungen, die verblüffend rasch entstanden, aber sehr spät Anerkennung fanden.
Varlins Oelbild der Synagoge von Endingen (1951).© Pro Littris / Gallerie Iris Wazzau
Der Maler in seinem Zürcher Atelier.

Als das Kunstmuseum Luzern ihm eine erste Einzelausstellung widmete, zählte er 50 Jahre, den Kunstpreis der Stadt Zürich - sie war stets das Kernstück seiner leidenschaftlichen Hassliebe - nahm der längst zu einer viel diskutierten Lokalgrösse herangewachsene Einzelgänger, der nie einer Künstlergruppe angehörte und sich keiner Strömung anschlosss, mit 67 Jahren entgegen. Verschiedene private Galerien hatten zwar schon seit 1932 (Galerie Sloden, Paris) und noch während der Militärdienstzeit als Hilfsdienstpflichtiger (Galerie des Beaux-Arts, Zürich 1941 und 1942) Ölbilder des einem alten Geschlecht aus dem Surbtal entstammenden Künstlers gezeigt, doch erst die Präsentation umfangreicher Werkgruppen durch staatliche Museen wie das Zürcher Kunsthaus (Retrospektive 1960) und die Basler Kunsthalle (1967) vermöchten den Ruf Varlins auf breiter Ebene zu festigen. Seinen späten Durchbruch verdankt er indessen in erster Linie befreundeten Schriftstellern, die sich in Zeitschriften und Büchern für diese seltsame Mischung von Pariser Bohémien aus dem späten 19. Jahrhundert und zeitkritischem Gegner der ungegenständlichen Malerei einsetzten: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Manuel Gasser, Hugo Lötscher und Paul Nizon.
Selber eine auffallende Erscheinung und voller Widersprüche, erlebte Willy Guggenheim den Selbsthass eines assimilierten jüdischen Künstlers am eigenen Leibe. Während er vor allem in seinen letzten Jahren immer häufiger Briefe mit seinen jüdischen Verwandten wechselte und sich für allerlei Einzelheiten über seine Mischpoche interessierte, die er jeweils «Meschpocke» oder sogar «Mescpuches» nannte, porträtierte er kaum eine bekannte jüdische Persönlichkeit aus dem Kulturleben. Ob es eine jüdische Kunst gebe, war für ihn, der über einen jüdischen Esprit von unerschöpflichem Bilderreichtum und stupender Schlagfertigkeit verfügte, kein Thema. In einem Brief an seinen Cousin André Wyler, einen Handlungsreisenden, bezeichnete er sich als «miesen Jid», der sich immerhin bewusst war, dass er an der Zürcher Froschaugasse im ehemaligen Ghetto lebte. In Gesprächen mit dem Schreibenden erkundigte er sich zuerst voll echter Neugierde nach etwaigen Veränderungen in Endingen. Der Synagoge von 1852 setzte er, obwohl er ursprünglich aus dem Nachbardorf Lengnau stammte, mit einem Ölbild 1951 ein umso eindrücklicheres künstlerisches Denkmal, als er die architektonische Strenge des in der Bildmitte dominierenden Gebäudes mit einer durch Kühe und Bauernhäuser symbolisierten Dorfidylle konfrontierte. Was für ein Künstler war dieser wortgewandte Zyniker, der sich in Porträts von Berühmtheiten voll Sarkasmus über seine «Malopfer» lustig machte und in einem Kartengruss an den Rechtsanwalt und Kunstsammler Willy Stähelin 1972 festhielt: «Das Wetter ist Essig, grau, geeignet zur Arbeit! Statt ins Meer, tauche ich in Terpentin und Öl. Habe wieder ein paar Hotelkitschkästen gebodigt.»? Als Sohn des Lithographen Hermann Guggenheim und dessen Frau Therese Wyler vor 100 Jahren in Zürich zur Welt gekommen, studierte Willy Guggenheim bei Emil Orlik an der Kunstgewerbeschule in Berlin (1921-1923) und an verschiedenen Pariser Kunstakademien (1923-1926), um sich als freischaffender Maler und Zeichner in der Seinestadt durchzuschlagen. Kein Geringerer als der polnische Kunsthändler Leopold Zborovsky, der schon Modigliani, Kisling und Soutine entdeckt und mit Ankäufen gefördert hatte, nahm den jungen Schweizer unter Vertrag und riet ihm zum Pseudonym Varlin, das er auf den Pariser Anarchisten Eugène Varlin zurückführte.Nach Zborovskys Tod (1932) war der brotlose Maler gezwungen, in seine schweizerische Heimat zurückzukehren. Aus Frankreich hatte er immerhin eine an Utrillo, Soutine und van Gogh geschulte Malkultur mitgebracht, die eine solide Grundlage zum späteren Porträtschaffen und zu jenen Darstellungen bildete, welche durch den unspektakulären Charakter der Vorlagen ebenso beeindruckten wie durch die viel Individualität verratende bildnerische Umsetzung. Varlin verstand sich - hierin mit seinem jüdischen Berufskollegen Chaim Soutine vergleichbar - vorzüglich auf so gegensätzliche Motive wie simple Alltagsgegenstände (Stühle, Schirme, Abfalleimer) oder aber öde Strassenzüge, düstere Friedhöfe und ätzend scharfsinige Bildnisse von angesehenen oder wenigstens ansehnlich begüterten Persönlichkeiten und Personen.
Die Janusköpfigkeit des sprachlich wie malerisch gleichermassen begabten Künstlers trieb Varlin dazu, zwischen dumpffarbigen Bildern von ausgesuchter Hässlichkeit und ungehemmter Deformationslust die Richtung zu wechseln, um bei der Pflege von pleinairistischen Valeurs und anderen Feinheiten in geradezu lyrischer Verklärung des Schönen Halt zu machen. Mit den radikal realistischen Monumentalgemälden «Die Völlerei» (Die Sinnesfreude) und «Die Heilsarmee» (Die geistige Freude) löste er an der Expo ’64 heftige Diskussionen aus. Hatte er 1960 den Guggenheim International Award gewonnen und im selben Jahr zusammen mit Otto Tschumi und Robert Müller die Schweiz an der Biennale von Venedig vertreten, so dauerte es bis zum Erscheinen der ersten, von Hugo Lötscher herausgegebenen Monographie doch noch fast ein Jahrzehnt. Als er am 30. Oktober 1977 in Bondo (Bergell) starb, traf gerade die Nachricht ein, Varlin habe den 23. Premio del Fiorino zugesprochen bekommen.
Zum 100. Geburtstag des seltsamerweise kaum über die helvetischen Landesgrenzen hinaus bekannt gewordenen Künstlers, der zweifellos den grossen Porträtisten des 20. Jahrhunderts zuzurechnen ist, zeigt die Galerie Gersag in Emmen bei Luzern vom 11. März bis zum 30. April eine Ausstellung mit Werken aus dem Nachlass und aus schweizerischen Privatsammlungen.





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