Ein grosser Freund Israels ist gestorben
Albert Mossdorf leistete als Wachtmeister Aktivdienst. Er hat immer wieder betont, dass ihn dieses Erlebnis, und das Erkennen, wie viel Grausamkeit in dieser Zeit dem jüdischen Volk angetan wurde, zum Judentum hingeführt habe. Denn er war ein Vertreter jener Aktivdienstgeneration, die aus dem Wissen um den Schrecken des Holocaust den Schluss zog: Nie wieder! Nach der Gründung des Staates Israel nahm das Industrieunternehmen, in dem Albert Mossdorf eine führende Stellung innehatte, sehr früh geschäftliche Beziehungen mit israelischen Partnerfirmen auf. Albert Mossdorf unternahm demzufolge seine ersten Israelreisen in geschäftlicher Mission. Unzählige Reisen sollten folgen. Am zweiten Tag des Sechstagekrieges, im Jahre 1967, stürmte ein junger Student namens Werner Rom in das Sekretariat der Freisinnigen Partei des Kantons Zürich und fragte an, ob die Partei bereit wäre, eine Solidaritätskundgebung für Israel zu unterstützen oder zu organisieren. Ich war damals auf dem Parteisekretariat tätig und sagte ihm Unterstützung zu, ich hätte mich aber noch bei der Parteiführung «abzusichern». Albert Mossdorf war drei Monate vor Ausbruch des Sechstagekrieges als neues Mitglied in den Zürcher Regierungsrat gewählt worden. Er zögerte keine Sekunde. Er trat an die Spitze einer politischen Bewegung, die sich «Aktion Helft Israel» nannte. Innert Stunden war der Münsterhof als Kundgebungsplatz organisiert, der Verein gegründet, ein Postcheckkonto eröffnet, eine Werbekampagne in die Wege geleitet. Tausende versammelten sich auf dem Münsterhof. Tausende zogen mit Fackeln in den Händen das Limmatquai hinunter, vom damaligen israelischen Generalkonsulat am Central zum Münsterhof. Es war Albert Mossdorf, der vor der riesigen Menge zur Solidariät mit Israel aufrief: Nie wieder! Innert weniger Tage waren 6 Millionen Franken auf das Konto des Vereins einbezahlt. Es war der damalige Oberrichter Max Gurny, der wenige Tage nach jener Manifestation Albert Mossdorf anfragte, ob er das Präsidium der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel übernehmen würde. Einer Gesellschaft, die 1957 gegründet wurde, aber seit wenigen Jahren etwas eingeschlafen war. Der amtierende Polizeidirektor des Kantons Zürich zögerte wiederum keine Sekunde. Er entschied souverän, wie es ihm entsprach, dass der gesamte Vorstand der «Aktion Helft Israel» auch Vorstand der Sektion zu sein habe. Punkt.
Wenn ich wiedergeben soll, was mich an der Persönlichkeit Albert Mossdorfs immer wieder tief beeindruckte, dann war es eben diese Fähigkeit, Entscheide rasch zu treffen. Ich sah ihm an, wie eine kurze Auslegeordnung in seinem Kopf entstanden sein mag. Der Entscheid fiel immer dezidiert aus, überlegt, und nie war er falsch. So zögerte er auch nicht, als er 1978, nach der Wahl des damaligen Zentralpräsidenten der GSI, Pierre Aubert, in den Bundesrat, angefragt wurde, ob er dessen Nachfolge antreten würde. Bis 1991 stand Albert Mossdorf an der Spitze der gesamtschweizerischen Freundschaftsgesellschaft. Bei seinem Rücktritt von diesem Amt ernannte ihn die GSI zu ihrem Ehrenpräsidenten. Diese Ernennung erfolgte in Würdigung seiner Verdienste, die er sich um die Freundschaft zwischen der Schweiz und Israel und um das Verständnis zwischen Christen und Juden in unserem Land erworben hat. Er war der bisher einzige Ehrenpräsident in der Geschichte der GSI. Vor zehn Jahren wurde im Saal der ICZ in Zürich der 80. Geburtstag von Albert Mossdorf feierlich begangen. Die schweizerische Judenheit ehrte in einer eindrücklichen Feierstunde jene Persönlichkeit, die sich auch als Politiker immer wieder an vorderster Stelle für deren Belange einsetzte. Der damalige israelische Staatspräsident seinerseits ehrte Albert Mossdorf in einem persönlichen Schreiben als einen grossen Freund und als herausragenden Brückenbauer zwischen den beiden Ländern. In seiner Dankesrede sagte Albert Mossdorf unter anderem das, was er immer wieder ausführte und auch dem Bundesrat in Bern immer wieder als Anliegen unterbreitete. «Ich wünsche mir, dass die Schweiz ihre Botschaft endlich von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen möge.» Dieser Wunsch ist zu seinen Lebzeiten nicht in Erfüllung gegangen. Jetzt ist dieser Wunsch Vermächtnis.
Der Autor ist Zentralsekretär der Gesellschaft Schweiz-Israel.


