Ein empfindliches Dreieck
Das Verhältnis zwischen Jerusalem und Beijing stand jahrzehntelang unter einem ungünstigen Stern. Als erstes Nahostland hatte Israel die Volksrepublik China zu Beginn der 50er Jahre anerkannt (wie manche anderen nichtkommunistischen Staaten, z.B. Grossbritannien und die Schweiz); es hatte nie diplomatische Beziehungen mit Taiwan gehabt, das solche fast mit der gesamten arabischen Welt unterhielt. Der Anerkennung folgte der Besuch einer Handelsdelegation im Land der Mitte, und einem normalen zwischenstaatlichen Verhältnis schien nichts mehr im Wege zu stehen.
Es kam anders. Die Belastung der internationalen Bühne durch den Ausbruch des Krieges in Korea und die damit entstandene zusätzliche Verschärfung der globalen Fronten führten zu amerikanischem Druck auf Israel, zu Warnungen gegen die Aufnahme von Beziehungen mit der Volksrepublik, die Jerusalem nicht ignorieren konnte. Als sich die Lage nach Ende des Krieges teilweise entspannte, war die Gunst des Augenblicks verstrichen.
Dann spielte China eine führende Rolle auf der Bandung-Konferenz von 29 afrikanischen und asiatischen Staaten, die 1955 zur Unterstützung des Kampfes gegen koloniale Herrschaft und Bevormundung einberufen worden war. Israel war nicht geladen, «erfreute» sich aber grosser Prominenz als Zielscheibe pauschaler Anschuldigungen und Verunglimpfungen (Zionismus = Kolonialismus = Rassismus), die danach lange Jahre bei Tagungen von «blockfreien» oder Drittwelt-Ländern, sogar im UN-Rahmen, zur Regel wurden.
Eine besonders unerfreuliche Folge der Konferenz war der Übergang Beijings zu fast automatischen, einseitigen Stellungnahmen gegen Israel in allen Bereichen des Nahostkonfliktes, obwohl eine Anzahl arabischer Staaten auch nach Bandung der Volksrepublik die Anerkennung versagten und ihre zum Teil engen Beziehungen mit Taiwan aufrechthielten.
So blieb es bis gegen Mitte der 80er Jahre. Weder der Bruch Beijings mit Moskau, noch die von Nixon begonnene Auflockerung des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses oder die Aufnahme der Volksrepublik in die UNO und die fast lückenlose Normalisierung ihrer Aussenbeziehungen mit aller Welt brachten einen neuen Blick in Richtung Jerusalem; auch nicht der mit dem 1979 geschlossenen israelisch-ägyptischen Vertrag sich abzeichnende Beginn der Friedensentwicklung in der Region.
Mit der Errichtung eines israelischen Generalkonsulats in Hongkong setzte Ende der 70er Jahre ein sehr diskreter allmählicher Abbau der Mauer der Beziehungslosigkeit ein. Er spielte sich zwar nicht in einem politischen Vakuum ab, doch vermieden beide Seiten, den Vorgang an die grosse Glocke zu hängen.
Mit der globalen Neugestaltung der Grossmachtslandschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion und ihren Auswirkungen auf den Nahen Osten war schliesslich die Zeit gekommen, den Anachronismus fehlender offizieller Beziehungen zwischen zwei der ältesten Völker Asiens - und der Welt - zu beheben. 1992 wurde das Verhältnis mit dem Austausch von Botschaftern nach fast einem halben Jahrhundert endlich formalisiert und normalisiert.Der Wirtschaftsbereich im weiten Sinne des Wortes, der bereits in den Jahren der langsamen Anbahnung eine entscheidende Rolle hatte, bewahrt weiterhin seine zentrale Wichtigkeit. Die Bedeutung des chinesischen Marktes für Israels Aussenhandel und das hohe Niveau seines technologischen Knowhows setzen natürliche Schwerpunkte für den Ausbau der bilateralen Verbindungen, die sich auf vielen Gebieten widerspiegeln, wie die Staatsbesuche auf höchster Ebene eindrucksvoll bestätigen. Die frühere Einseitigkeit der Nahostpolitik Beijings hat seit Abschluss des Normalisierungsprozesses beträchtliche Korrekturen erfahren, wenn auch noch manche Reste einer Unausgewogenheit bestehen.In jüngster Zeit erweckten Israels Handelsbeziehungen mit China Missfallen in Amerika; ähnlich wie vor 50 Jahren übt es heftigen Druck auf die Regierung in Jerusalem aus. Es sucht, sie mit verschiedenen Begründungen zu einem Stopp vertraglich bindender Lieferungen von High-Tech-Gerät an China zu bewegen, von denen es vor Abschluss der Vereinbarungen in Kenntnis gesetzt worden war und gegen die es keinen Einwand erhoben hatte.
Israel ist in einer schwierigen Lage. Wie wenig berechtigt das amerikanische Verlangen auch sein mag, bedingt das freundschaftliche Verhältnis mit dem verlässlichen Partner weitgehende Rücksichtnahme auf dessen Sensibilitäten und Wünsche. In dieser komplizierten Dreieckssituation suchen Barak und seine Regierung eine konstruktive Lösung, einen Ausgleich, der weder Washington noch Beijing vor den Kopf stösst.Kompromisse stellen bekanntlich nie ganz zufrieden, doch auch Israels bester Freund muss verstehen, dass es sich die nach langer Wartezeit mühsam aufgebauten Beziehungen mit einem Viertel der Menschheit nicht verscherzen kann. Das wäre gewiss auch nicht den Bemühungen von Nutzen, die die USA der Friedensförderung im Nahen Osten unermüdlich widmen.
Der Autor ist Jerusalem lebender Publizist und war Botschafter Israels in Bonn und Bern.


