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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein bekanntes Thema originell behandelt

von Jacques Ungar, October 9, 2008
«Die Jeckes - deutsche Juden aus Israel erzählen.» Das Thema dieses im Kölner Böhlau Verlag erschienenen Buches - Familiengeschichten und Lebensgewohnheiten der deutschen Juden und ihre schliessliche Einwanderung ins Vorstaat-Israel - wurde schon unzählige Male behandelt. Der vorliegende Titel aber, herausgegeben von Gideon Greif, Laurence Weinbaum und Colin McPherson, nimmt die Thematik von einer originellen Warte her in Angriff.
Sehnsucht und Rettung Palästina: Einwanderer aus Deutschland bewirtschaften in den 40er Jahren Felder.
«Jeckes»: Die Verbindung nach Europa aufrechterhalten.

In Interviews und Fotografien zeichnet er die Geschichte von rund 80 deutschen Juden nach, die zwischen 1933 und 1939 vor den Nazis aus ihrer deutschen Heimat geflohen und nach Israel gegangen waren. In den Gespräche mit den Jeckes gelangen die wichtigsten Merkmale jener Zeit unüberseh- und unüberhörbar zum Ausdruck: Die Härte und die Armut der Gründerperiode des neugeborenen jüdischen Staates, sowie die gesellschaftlichen Erschütterungen. Überlagert wird all dies von der inneren Spannung, in der die jeckischen Einwanderer noch während langer Zeit gefangen sein sollten: Hier das neue, unbekannte und oft erschreckend fremde Leben in einer lärmigen, orientalischen Umgebung, dort die aus der ehemaligen Heimat mitgebrachte Kultur und Bildung, welche die deutschen Juden auch in Israel über Jahrzehnte hinweg noch prägen, und nicht selten auch die zweite, bereits im Lande geborene Generation beeinflussen sollte.
Die Frage «Was ist ein Jecke?» versucht der Fotograf Nachum Tim Gidal im Buch wie folgt zu beantworten: «Es gibt einen grossen Unterschied zwischen den Juden deutscher Abstammung, die in Israel leben und denen aus anderen Ländern. Die Juden sind Juden, und die Jeckes sind Jeckes.» Die in Israel bis zum heutigen Tag noch fühlbare Distanz zwischen Jeckes und anderen Juden, die mit diesen Worten angedeutet wird, fasst Dan Diner von der Ben Gurion-Universität des Negevs in Beerschewa, Direktor des Simon Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, folgendermassen zusammen: «In Israel wie im vorstaatlichen Jischuw wurden die Jeckes, die aus Deutschland stammenden Juden, mit ambivalenten Gefühlen bedacht. Zum einen wurden sie ihrer sprichwörtlichen Ordnungsliebe, ihres Fleisses und ihrer Pünktlichkeit belobigt - allesamt Sekundärtugenden; primär gaben sie zum anderen eine geradezu ideale Projektionsfläche dafür ab, wie der zukünftige Israeli, der hebräische Jude nicht sein sollte. Sie waren gleichsam das innere Andere, von dem es sich abzusetzen galt. Insofern waren die deutschen Juden in Israel kollektiven Erwartungen ausgesetzt, sich ihrer deutschen Anteile ganz besonders gründlich zu entledigen...».
Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis sind die Interviews mit den Menschen, die einerseits über einen gemeinsamen kulturell-soziologischen Hintergrund verfügen, andrerseits aber die verschiedensten Lebensgeschichten durchgemacht haben, spannend-schmerzliche Zeugnisse einer langsam aber sicher versinkenden Welt. Nicht wenige der Gesprächspartner durften das Erscheinen des Buches nicht mehr erleben. Die anderen verbringen ihren Lebensabend in Kibbuzim, Moschawim, in Altersheimen oder auch in eigenen Wohnungen, die sie nicht selten schon seit ihrer Ankunft im «Mandat Palästina» bewohnen. Die mustergültige Einrichtung, die Kunstwerke und Möbel, die bei der Flucht aus Deutschland mitgenommen werden konnten, sind heute in manchen Fällen zu Rettungsankern aus der Vergangenheit geworden, an denen Leute sich festhalten, die es in der Gegenwart nicht geschafft haben, sich eine Zukunft in der neuen, auf ewig fremden Heimat zurechtzuzimmern. - «Die Jeckes - deutsche Juden aus Israel erzählen» ist ein Buch, das auch Nicht-Jeckes und Nicht-Israelis einen wertvollen Einblick in eine wertvolle Epoche des jüdischen Volkes gewährt, deren Tage gezählt sind.

Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen. Hrsg.: Gideon Greif, Colin McPherson, Laurence Weinbaum. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2000.





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