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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ein ahasverischer Dichter

von Walter Labhart, October 9, 2008
Er hiess Isaac Lang, nannte sich Iwan Lazang, Tristan Torsi und Johannes Thor, ging aber als Iwan Goll in die Geschichte der modernen deutschen und französischen Literatur ein, die er zu verschiedenen Zeiten mitschrieb. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, der am 27. Februar 1950 in Paris erfolgte, nachdem Leukämie die letzten Lebensjahre im amerikanischen Exil überschattet hatte, ist von seinem umfangreichen Schaffen im Buchhandel kaum mehr etwas lieferbar.
«Diese Füsse des ewigen Juden»: Iwan Goll gezeichnet von Marc Chagall. - Foto Archiv Labhart

Mit Gedichten, die auf Paul Celan und jüngere Autoren starken Einfluss ausübten, mit pazifistischen Manifesten und Romanen, mit Bühnenstücken wie dem auf das absurde Theater vorbereitenden satirischen Drama «Methusalem oder Der ewige Bürger» (1922) und mit Erzählungen, die er teilweise mit seiner Frau Claire Goll (Studer) schrieb, trug er nacheinander zum Expressionismus, Kubismus und Surrealismus bei.
Als Sohn des Elsässer Tuchhändlers Abraham Lang und der lothringischen Mutter Rebecca Lazard am 29. März 1891 in St. Dié (Vogesen) zur Welt gekommen, setzte Iwan Goll sein in Strassburg begonnenes Jurastudium von 1915 bis 1918 an der Universität Lausanne fort, nachdem er als engagierter Pazifist bei Kriegsausbruch nach Zürich gezogen war. Dort verkehrte er im Kreise von Arp und Jawlensky,Joyce, Werfel und Zweig, gab das «Requiem für die Gefallenen von Europa» (1917) heraus und wirkte an den «Weissen Blättern» mit.Als ihn Kurt Pinthus aufforderte, eine Selbstdarstellung für die expressionistische Anthologie «Menschendämmerung» (1919) zu verfassen, schrieb er: «Iwan Goll hat keine Heimat: durch Schicksal Jude, durch Zufall in Frankreich geboren, durch ein Stempelpapier als Deutscher bezeichnet.» Ein eminent unruhiger Dichter und ruheloser Geist, übersiedelte Iwan Goll mit seiner Frau nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris. Dort zog er aus dem Lager der Expressionisten aus und wurde mit dem als «Überdrama» bezeichneten Bühnenstück «Die Unsterblichen» (1920) zwar nicht unsterblich, doch immerhin zum Mitbegründer des «Überrealismus», dem er mit der Zeitschrift «Surréalisme» zum Namen verhalf.
Im Zentrum des autobiografischen «Jean sans Terre», einem epischen Gedichtzyklus (1936, 1938 und 1939), steht der ahasverische Mensch, wie schon im «Neuen Orpheus» (1918) und in anderen Dichtungen das Schicksal des unbehausten Künstlers thematisiert worden war: «Wie es in meinen Füssen zuckt und zappelt: diese Füsse des ewigen Juden, die die Wanderschaft nicht vergessen können! Wie es in meinen Augen unruhet, zwischen zwei Heimaten ewig der Heimatlose, zwischen Mädchen und Mann, zwischen Glaube und Fäulnis, zwischen Sehnsucht und Langeweile.»
Was er in Worten vorankündigte, wurde 1939 wahr: Goll musste mit seiner Gattin die Pariser Wahlheimat verlassen und als Mitarbeiter beim amerikanischen Informationsdienst in New York eine neue Existenz aufbauen. 1947 nach Paris zurückgekehrt, starb Iwan Goll drei Jahre später «mit französischem Herzen, deutschem Geist, jüdischem Blut und einem amerikanischen Pass».


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