Eidtkuhnen, Wien, Kilchberg
Im Oktober 1936 heiratet der Zürcher Obergerichtssekretär Dr. Kurt Ehrlich die Wiener Medizinstudentin Eva Mittler, Tochter des 1931 aus dem Leben geschiedenen, aus Ungarn stammenden Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Hans Mittler und der in Eidtkuhnen/Ostpreussen geborenen Rosa Mittler-Schidorsky. Diese Heirat ist, wie später die Enkelin Marthi Pritzker-Ehrlich schreiben wird, «eine glückliche Fügung»: Tochter und Schwiegersohn werden der Mutter die Emigration in die Schweiz ermöglichen und ihr damit das Leben retten. Das junge Paar hat sich 1935 am Wörthersee kennen gelernt - zufällig und in den Ferien. Keine Ehevermittlung war am Werk gewesen. Herkunft und Familienverhältnisse des jungen Mannes hätten das auch nicht zugelassen.
Politisches Taufen
Geboren ist Dr. Kurt Ehrlich noch in Prag, von wo er mit Eltern und Schwester 1906 nach Zürich übersiedelte. Sein Vater Alois, Sohn des böhmischen, jüdischen Kaufmanns Philipp Ehrlich-Ehrlich, wird als Bauingenieur bei der Stadt Zürich angestellt. Er hat sich vor seiner Heirat mit der lutherischen Martha Hoevel aus Wiesbaden, und als Bedingung für diese Ehe, taufen lassen. Die jüdische Herkunft des Vaters wird den Nachkommen lange verschwiegen und gilt als Familiengeheimnis. 1922 bekommt die Familie Ehrlich-Hoevel das Schweizer Bürgerrecht. Und das «politische» Taufen geht weiter: Dr. Kurt Ehrlich verlangt 1936 von seiner Verlobten Eva Mittler ebenfalls als Vorbedingung für die Heirat, dass diese sich taufen lässt. Das Paar wird vom Zürcher Neumünster-Pfarrer Karl Zimmermann getraut. Die zweite, 1944 geborene Tochter des Ehepaars Ehrlich, die promovierte Historikerin Marthi, wird sich ihrerseits mit einem ebenfalls aus getaufter jüdischer Familie geborenen Mann, dem Physiker und Schriftsteller1 Andreas Pritzker, Sohn des aus Bessarabien stammenden Psychiaters Dr. Boris Pritzker, verheiraten.
Jüdisches Emigrantenlos
Fast 60 Jahre später geht diese Enkelin, Marthi Pritzker, aufgrund eines «unauffälligen» (so die Verfasserin) Briefpakets im Familienarchiv der Ehrlichs den Spuren der Emigrationsgeschichte ihrer Grossmutter Rose Mittler-Schidorsky vom «angeschlossenen Wien» ins «gefährlich-gefährdete Asyl» in Kilchberg am Zürichsee nach. Die weitläufigen und ausserordentlich ergiebigen Nachforschungen fördern die Familien- und Emigrationsgeschichte einer zum Schluss über alle Kontinente verbreiteten weit verzweigten Verwandtschaft - einschliesslich jener, die keine Emigration schafften und in der Schoah umkamen - zu Tage. «Jüdisches Emigrantenlos» heisst es im Titel des Buches, das den Briefwechsel zwischen Wien und Kilchberg als Quelle dieser Forschungen vorlegt.2 Das Buch ist versehen mit einem historischen und familiengeschichtlichen Anhang. Es ist im Herbst 1998 erschienen, ein halbes Jahr nach dem allzu frühen Krebstod der Autorin.
«Du sollst nicht beunruhigt sein»
«Gestörte Bürgerlichkeit» setzt die Historikerin Pritzker als Motto für die auf rund tausend Briefseiten und andern Schriften dokumentierten Quellen zur Familiengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Wohl zwei Dingen ist es zu verdanken, dass die in erstaunlichem Ausmass schriftlich und mündlich überlieferte «Reise- und Schreibtätigkeit» rege und reich ausgefallen ist: den weit auseinanderliegenden Wohnorten der Familienmitglieder und dann dem gutbürgerlichen Leben mit seiner Schreibtradition dieser Kaufleute, Advokaten und Ärzte. Die Briefe der Mittlers und Ehrlichs und ihrer Verwandten dokumentieren im emanzipierten Bildungsbürgertum wurzelnde gesellschaftliche und kulturelle Normen, Formen und Neigungen. Bücher, Musik, Kunst, Politik und «Haltung» in allen Lebenslagen gehören dazu, und in der schlimmen Zeit nach der Annexion Österreichs durch Deutschland findet die immer mehr vom konkreten kulturellen Leben ausgeschlossene jüdische Anwaltswitwe Rose Mittler-Schidorsky Trost und Kraft in der Lektüre alter und neu erschienener Werke. Die Briefe Rose Mittlers an Tochter und Schwiegersohn in der Schweiz sind geprägt von Stoik und gleichzeitig von der Mühe, den immer beängstigenderen Alltag zu überstehen. Im April 1938 schreibt sie der Tochter: «Sei nicht böse und verstehe es doch, dass ich Dir keinen Brief schreibe, es hätte gar keinen Zweck - obgleich ich dir ein \"Buch\" schreiben könnte! Briefe gehen vielfach \"verloren\" (in der Zensur, KK). - Auf unser Wiedersehen, das wer weiss wann sein wird, kann ich mich vorläufig daher noch nicht freuen! Die Gegenwart erfordert alle seelischen Kräfte!» Und am 9. November 1938, am Nachmittag vor der Reichspogromnacht, beruhigt eine Freundin der Familie aus Wien Eva Ehrlich: «...dass Du beunruhigt warst. Das sollst Du nicht. In schweren Lebenslagen wächst der Mensch. Hoffentlich haben wir alle keine Gelegenheit, uns heroisch zu zeigen. Man verkriecht sich in sein Heim, vertieft sich in ernste Bücher, hält Umschau bei den guten Freunden und ist dankbar zufrieden, wenn man Gesundes und Starkes feststellen kann. Man lebt und erlebt derzeit Ungeahntes, aber man muss es mit stoischer Ruhe ertragen. Endlich hat ja alles ein Ende, und bis dahin soll alles Gute mit Freudigkeit genossen werden. Die Innerlichkeit kann einem nicht genommen werden, auch das gute Gewissen nicht.»
Die «Störung» kommt, wie die Briefe zeigen, sowohl schleichend wie plötzlich. Die mütterliche Verwandtschaft Mittler-Schidorsky-Schereschewsky-Kraus-Silberstein-Meyerowitz lebt in Ostpreussen und in Berlin. In ihren Briefen wird die existenzielle Einschränkung und die Verfolgung der Juden in Deutschland spürbar. Das, obwohl die konkreten Hinweise sparsam und verdeckt sind, und dies nicht nur wegen der Zensur und weil regierungskritische Äusserungen verfolgt werden. Wer kann, emigriert. Die meisten versuchen es - viele vergeblich.
Gesuch bewilligt
Mit den nationalsozialistischen Unruhen in Österreich ab Februar 1938 wird die Lage für die Mutter Eva Ehrlichs, die von einer Anwaltsverbandspension in Wien lebende Rose Mittler-Schidorsky, immer bedrängter. Nach dem Reichspogrom vom 9. auf den 10. November 1938, der «Kristallnacht», beschliesst die 57-Jährige, zu ihrer Tochter in die Schweiz zu emigrieren. Am 14. November stellt der Schwiegersohn Kurt Ehrlich, unterstützt von politisch und religiös prominenten Bekannten, bei der Zürcher Fremdenpolizei ein Gesuch um eine «unbefristete oder doch für unbestimmte Zeit verlängerbare Aufenthaltsbewilligung». Dem Gesuch wird innerhalb von genau vier Wochen entsprochen. Es dauert aber noch bis fast Mitte Juni 1939 - am 15. Juni wäre die FREPO-Bewilligung erloschen -, bis der Reisepass für Rose Mittler von der deutschen Administration in Wien ausgestellt wird. Die Briefe legen Zeugnis ab von den vielen mühseligen Gängen der Petentin zu den nationalsozialistisch geführten Ämtern und von den Plagen der Wohnungsauflösung und vor allem des Abschieds von der autonomen Wiener Existenz. Die Briefe aus der Schweiz nach Wien zeugen von der nur unvollkommen verborgenen Angst um die Mutter im besetzten Österreich und - was nicht Verschwiegen werden darf - von der unerschrockenen, tadellosen Haltung und effizienten Hilfestellung des Schwiegersohns Kurt Ehrlich. Die von da an offengelegte jüdische Verwandtschaft und Herkunft des Getauften soll ihn später die Nominierung als Zürcher Oberrichter durch die Demokratische Partei gekostet haben.
Die Emigration der Mutter gelingt. Der jetzt umsorgten, aber nicht mehr selbständig lebenden Rose Mittler-Schidorsky sind noch lange Lebensjahre in der schliesslich verschonten Schweiz vergönnt. 99-jährig stirbt sie im Jahr 1980 in Zürich.
Triumph über das Vergessen
Das Buch ist ein ausserordentliches Dokument und ein Triumph über das Vergessen und die Zerstörung. Und über das «Geheimnis» der Familie Ehrlich, die ihr abgelegtes Judentum, wie viele, verborgen halten wollte. Wie der Münchner Geschichtsdozent Konrad Feilchenfeldt in einem analytisch-erhellenden Vorwort zum Buch Marthi Pritzkers darlegt, beleuchtet «das jüdische Schicksal» dieser Familie und vor allem der Rose Mittler-Schidorsky «das Leben und die einzelnen individuellen Lebensläufe von Menschen, für deren Verfolgung und Ausrottung es keine, von welcher Stelle auch immer formulierte, Entschuldigung geben kann». In der öffentlichen Meinung werde das Einzelschicksal der von der antisemitischen Verfolgung Betroffenen «grundsätzlich ausser Betracht gelassen». «Nur im anonymen Kollektiv der Masse der Verfolgten und Ermordeten scheint die ebenfalls anonyme Öffentlichkeit ein partnerschaftliches Gegenüber akzeptieren zu können, mit dem sie sich solidarisieren kann.»
1 Andreas Pritzker: Filberts Verhängnis. Roman. Benziger Verlag. Zürich 1990.
2 Marthi Pritzker-Ehrlich: Jüdisches Emigrantenlos 1938/39 und die Schweiz. Eine Fallstudie. Reihe Exil Dokumente Nr. 1. Peter Lang Verlag. Bern 1998. 324 Seiten, Fr. 68.-.
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Persönliches Gedenken an Marthi Pritzker-Ehrlich
Als Historikerin war sie mir schon lange bekannt. Sie war spezialisiert auf die Thematik der Emigration und der gesellschaftlichen Gewalt. So ging sie in ihrer Dissertation von 1981 einer Schweizer Auswanderung nach Amerika nach,1 und später befasste sie sich mit der beklemmenden Suche nach einem Scharfrichter, dem «letzten Aargauer Henker» im «Fall Irniger» von 1938/39 und dem Einfluss der Gattinnen und Partnerinnen auf die letzten Scharfrichterkandidaten in der Schweiz. Diese Scharfrichter-Studien beruhten auf Material ihres Schwiegervaters, des Psychiaters und Oberarztes in der aargauischen Nervenheilanstalt Königsfelden, Boris Pritzker, der diese Scharfrichteranwärter psychiatrisch untersucht hatte. Das Material allerdings musste in absurder Weise erkämpft werden: Die Familie Pritzker hatte es zusammen mit anderen Dokumenten dem damals äusserst suboptimal geführten Aargauer Staatsarchiv als Legat übergeben; als die Historikerin Pritzker Schriften aus dem Legat für eigene historische Studien benutzen wollte, wurden ihr diese mit fadenscheinigen Gründen vorerst verweigert.
Gerade diese Staatsarchiv- und sonstigen Archivprobleme begründeten unsere leider allzu kurze Freundschaft. Diese beruhte auf gemeinsamen politischen, historischen und literarischen Interessen. Zuerst aber auf verwandten, wenn auch nicht konkret verwandten, lebensgeschichtlichen Gemeinsamkeiten. Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Aargauer Mief in Politik und Gesellschaft hatte Marthi aus ihrer Gymnasiallehrereinstellung und mich in die Politik getrieben. Missverständnisse waren da kaum möglich, und vom Verdrängen hielten wir beide nichts.
Marthi Pritzker-Ehrlich wohnte mit ihrem Mann Andreas Pritzker, dem Physiker am Paul-Scherrer-Institut, in Brugg. Ihre frühmorgendlichen Telefonate, wenn im Aargau wieder etwas Rassistisches oder sonstwie politisch oder gesellschaftlich Unsauberes passiert war oder wenn sie es für nötig hielt, mich in meinen Tätigkeiten zu bestärken, kamen regelmässig: besorgt, klug und unterstützend, selbst in schlimmen Zeiten ihrer heimtückischen Erkrankung. Auch für das «Netzwerk schreibender Frauen» , das ihr ein kulturelles und feministisches Anliegen war, war sie eine tatkräftige Stütze.
Im Juli 1997 versammelte sie ihren Freundinnen- und Bekanntenkreis zu einem langen Fest in ihrem Haus. Gefeiert wurde der erfolgreiche Abschluss einer Therapie und ihre, wie sie meinte, Gesundung. Am 9. April 1998, am Sederabend und Vorabend des christlichen Karfreitags, starb sie 44-jährig. Ihre postum erschienene Familiengeschichte in Briefen (siehe nebenstehende Besprechung) hat ihren Schwerpunkt in einer Wiener Emigration. Ich widme Marthi Pritzker-Ehrlich deshalb ein Zitat aus Barbara Honigmanns kurzer Prosa «Der Untergang von Wien»:2«Wie so viele Juden habe ich meine Herkunft aus fast allen Ländern Europas, und ich bin darauf, manchmal ein bisschen stolz, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt, denn die meisten dieser Herkünfte sind ja längst verlöscht. Sie ragen in der Erinnerung auf, wie Inseln im Meer des Exils. Wanderungen, Vertreibungen, Entdeckerlust oder einfach Geschäftsinteresse haben meine Vorfahren von einer dieser Inseln zur nächsten gebracht, und dort ist es ihnen gut oder schlecht gegangen, solange, bis die Zeit auch auf dieser Insel des Exils aufgebraucht war. Manchmal haben sie die Zeit genutzt, um unauffällig, aber aufmerksam ihre Insel zu vermessen und zu erforschen, und haben auch selbst Spuren hinterlassen, und sei es nur in Ausdrücken und Redewendungen der spanischen, polnischen oder ungarischen Sprache, die meistens nichts Gutes bedeuten. Fast alle diese Inseln sind also schon in einer fernen Vergangenheit untergegangen und existieren nur noch in Legenden und Erzählungen oder Fragmenten von Erzählungen über frühere Generationen in einer früheren Zeit. Einige aber dieser Inseln ragen noch deutlich in die Gegenwart oder wenigstens in eine sehr nahe Vergangenheit, in die Lebensgeschichte meiner Eltern und in mein eigenes Leben.»
1- Marthi Pritzker-Ehrlich: Michael Schlatter von St. Gallen (1716-1790), eine biographische Untersuchung zur schweizerischen Amerika-Auswanderung des 18. Jahrhunderts.
2 - Barbara Honigmann: Der Untergang von Wien. In: Damals, dann und danach. Hanser Verlag. München 1999, Seite 89 ff.


