Dualismus und Gegensätze
Die Reaktionen auf den Fall der Ghettomauern fielen sehr unterschiedlich aus. Einerseits gab es - vor allem in Osteuropa - Kreise, die jeden Kontakt und Austausch mit der nicht-jüdischen Umgebung völlig ablehnten. Wir bezeichnen diese Kreise und deren heutige Nachfolger meist als Ultraorthodoxie. Andererseits gab es - anfangs vor allem in Westeuropa - Kreise, die den Wunsch hatten, sich vollkommen an ihre christliche Umwelt zu assimilieren, und dabei ihr Judentum entweder ganz verliessen oder zumindest stark «reformieren» wollten. Zusätzlich zu diesen beiden extremen Reaktionen entwickelte sich eine dritte, dazwischenliegende Position, die versucht, einen Weg zu finden, einerseits die jüdische Tradition beizubehalten, andererseits aber auch Kontakt und Austausch mit der nicht-jüdischen Kultur und Gesellschaft zu pflegen. Diese Position wurde anfangs als Neoorthodoxie bezeichnet und wird heute - vor allem in Amerika - moderne Orthodoxie genannt.
Es war und ist immer recht einfach, eine der beiden extremen Positionen einzunehmen. Es ist leicht, alles Westliche völlig undifferenziert abzulehnen oder sich uneingeschränkt daran zu assimilieren. Im Gegensatz dazu erfordert die Mitteposition eine äusserst intensive und sorgfältige Auseinandersetzung sowohl mit der jüdischen Tradition wie auch mit der westlichen Kultur, um das Verhältnis der beiden zueinander richtig definieren zu können. Denn häufig, und das ist der zentrale Kern des Problemes, häufig scheint die eine Seite die andere zu negieren, und es entsteht dadurch eine Spannung zwischen den beiden, die ihre Verträglichkeit miteinander sehr in Frage stellt. Diese Spannung führt dann zu einer Dialektik zwischen den beiden Seiten, bei der sich jede Seite gegenüber der anderen abgrenzen und behaupten muss, die aber gleichzeitig einen interessanten und produktiven Austausch mit sich bringt. Das ganze Leben und Denken von Raw Joseph Baer Soloveitchik war von dieser Dialektik und ihren Folgen geprägt. Widersprüche und Spannung, Dualismus und Gegensätze waren seine dauernden Begleiter und sind das zentralste Charakteristikum seiner Gedankenwelt.
Moderne Orthodoxie
Die hauptsächliche Bedeutung von Raw Soloveitchik beruht auf seinem prägenden Einfluss als Wegweiser der modernen Orthodoxie in Amerika von den 40er Jahren bis zu seinem Tod und darüber hinaus. Er hat das amerikanische Judentum dieser Zeit geformt und gefördert und hat ihm beigebracht, auch in Amerika jüdisch zu leben und auch jüdisch zu lernen. Die grosse Wirkung von Raw Soloveitchik ging vor allem von seiner Lehrtätigkeit an der Yeshiva University in New York aus, wo er Generationen von jungen Rabbinern ausgebildet hat, die danach in Amerika, aber auch in Israel und der ganzen Welt ihre rabbinische Tätigkeit aufgenommen haben und zum Teil bis heute ausüben. Er hat diesen angehenden Rabbinern, die alle auch eine akademische Ausbildung absolvierten, neben vielem anderem auch beigebracht, ihr talmudisches und halachisches Wissen und Denken mit ihren weltlichen und wissenschaftlichen Gedankengängen zu verbinden. Auf diese Art gelang es ihnen dann, mit allen Mitgliedern der Gemeinden, in denen sie tätig wurden, eine gemeinsame Sprache zu finden, unabhängig davon wie gross das jüdische Wissen der Mitglieder war. Während vieler Jahre hat Raw Soloveitchik selbst auch jüdische Philosophie an der Graduate School for Jewish Studies der Yeshiva University unterrichtet und so auch dem akademischen Teil der Institution, die so sehr von ihm geprägt wurde, seinen persönlichen Stempel aufgesetzt.
Reb Chajim Brisker
Doch die Lehrtätigkeit von Raw Soloveitchik begann schon vor seinen Jahren als Rosch Jeschiwa in New York. Er war es, der in den 30er Jahren die erste jüdische Tagesschule in Boston gründete, zu einer Zeit, wo so eine Schule in New England noch etwas vollkommen Unbekanntes war und deshalb viel persönlichen Einsatz von ihm erforderte, Eltern zu überzeugen, ihre Kinder in eine solche Schule zu schicken. Die Schule, die bis heute existiert, hat zur Gründung vieler anderer Tagesschulen in ganz Amerika geführt und auch deren Unterrichtsinhalt und -art entscheidend geprägt. Raw Soloveitchik hat seinen Wohnsitz in Boston immer beibehalten und ist während 45 Jahren jeweils Anfang der Woche nach New York gereist - anfänglich mit dem Zug, später per Flugzeug -, um Ende der Woche für Schabbat wieder nach Boston zurückzukehren. Er hatte dort in den Räumlichkeiten der von ihm gegründeten Schule eine eigene Synagoge, wo er über das Wochenende immer mehrere Schiurim gab, die ein breites Publikum ansprachen und anzogen und integraler Teil des jüdischen Lebens von Boston waren. Ausserdem war es auch seine jahrzehntelange Position als Ehrenpräsident der Misrachi und als Präsident des Halacha-Komitees des Rabbinical Council of America, die ihn zu dem machten, als der er sich selbst sah und definierte und als welcher er in die Geschichte eingehen wird: Raw Soloveitchik war der Rabbiner, the Rav, der die moderne Orthodoxie in Talmud und Philosophie unterrichtete und sie halachisch und politisch geführt hat. Die geistige Entwicklung von Raw Soloveitchik hat sozusagen schon vor seiner Geburt begonnen. Sein Vater war ein Sohn des berühmten und bedeutenden Rabbi Chajim ha-Levi Soloveitchik (1853-1918), in der Welt der Jeschiwot «Reb Chajim Brisker» genannt, da er einige Jahre als Rabbiner in Brisk (Weissrussland) amtierte. Die Wirkung von Reb Chajim ging vor allem von der grossen Jeschiwa von Volozin aus, wo er einige Jahre unterrichtet hat. Seine Bedeutung liegt darin, dass er eine neuartige Lernmethode entwickelt hat, die zuerst in Volozin selbst und dannach in vielen anderen Jeschiwot zu einer Revolution des Talmud-Studiums geführt hat. Raw Soloveitchik wurde schon als Kind von seinem Vater in die Lernmethode seines Grossvaters eingeführt, und seine Lern- und Denkart war dadurch von allem Anfang an von diesem neuartigen Brisker Lernen geprägt. Die Brisker Lernart unterscheidet sich von bisher üblichen und verbreiteten G’mara-Lernen durch ihre Methodik und zeichnet sich durch ihre scharfe Analyse, verbunden mit einer exakten, abstrahierenden Kategorisierung und Klassifizierung aus. Reb Chajim hat dazu auch eine passende Terminologie entwickelt, die zwar grösstenteils schon existierende talmudische Ausdrücke verwendet, ihnen aber eine ganz bestimmte, von ihm genau definierte Bedeutung gibt. Am berühmtesten sind die zwei Begriffe «Chefza» und «Gawra», die auf Deutsch am ehesten als «Objekt» und «Subjekt» oder «Ding» und «Mensch» widerzugeben sind. Es gelang Reb Chajim, viele talmudische und halachische Fragen und Widersprüche zu klären und zu lösen, indem er auf zwei unterschiedliche Aspekte des Problems, die bisher nicht beachtet und nicht voneinander getrennt wurden und so zu Missverständnissen und vermeintlichen Widersprüchen geführt haben, aufmerksam macht und sie scharf voneinander trennt. Er weist dabei oft auf den kategorischen Unterschied der zwei Aspekte hin und erteilt den Kategorien Namen, wie beispielsweise Chefza und Gawra. Durch die von ihm eingeführte Unterscheidung kommt es sehr häufig zu einer klärenden Dialektik zwischen den zwei Aspekten, indem jeder der beiden Aspekte durch die klare Trennung vom anderen jetzt besser definierbar und besser verständlich wird, wobei sich durch die klare Trennung der beiden Aspekte auch der ursprüngliche Widerspruch bzw. die ursprüngliche Frage klären.
Die Brisker Lernmethode zeichnet sich ausserdem dadurch aus, dass in Kombination mit dem Talmud-Studium grosses Gewicht auf ein äusserst sorgfältiges und vertieftes Studium der Mischne-Thora, des halachischen Kodex des Maimonides, gelegt wird. Die Brisker konzentrieren sich so sehr auf den Rambam, weil sie ihm in ihrem Denken sehr ähnlich sind. Der vollkommen systematische Aufbau der Mischne-Thora und ihre scharfen, klaren und eindeutigen Formulierungen sind Merkmale, durch die sich auch das Brisker Lernen auszeichnet. Raw Soloveitchik wurde also von seinem Vater in diese Brisker Lernmethode eingeführt und von jüngstem Alter an in seinem Denken und Lernen durch sie geformt und geprägt. Auch er selbst hat als Lehrer in der Jeschiwa dann all seinen Schülern beigebracht, auf diese Brisker Art zu lernen, wobei es ihm durch seine grosse Begabung als Talmud-Lehrer zudem auch gelang, bei seinen öffentlichen Schiurim ein breiteres, weniger gelehrtes Publikum in der Brisker Methode zu unterrichten. Sein Erfolg basierte dabei vor allem auf seinem grossartigen Talent, auch schwierigste und sehr komplexe Gedankengänge auf klare und leicht verständliche Art darzustellen und zu erklären. Auf diese Weise hat Raw Soloveitchik die Lernmethode von Reb Chajim Brisker sowohl Generationen von jungen, modern-orthodoxen Rabbinern beigebracht, wie auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.
Halacha und Philosphie
Doch die einzigartige Bedeutung von Raw Soloveitchik und sein innovativer persönlicher Beitrag zur jüdischen Geistesgeschichte ist vor allem in der einmaligen Kombination von Halacha und Philosophie zu finden. Raw Soloveitchik hat als junger Mann Osteuropa verlassen, um in Berlin ein Universitätsstudium zu absolvieren. Er hat dort Philosophie, Logik und Mathematik studiert und mit einer Dissertation über Hermann Cohen promoviert. Von besonderer Bedeutung für das spätere Wirken von Raw Soloveitchik war, dass er an der Universität in Berlin das wissenschaftliche Denken seiner Zeit und die - viele andere auch unter den dortigen Juden - sehr verbreitete neokantianische Ethik kennen lernte und in sich aufnahm. Dadurch ist es in ihm zu einer Begegnung von Brisk und Berlin, Reb Chajim und Kant, halachisch-talmudischem mit philosophisch-wissenschaftlichem Denken gekommen, die er in einer für ihn einzigartigen Weise miteinander verarbeitet hat. Raw Soloveitchik wird vor allem als ein Denker, der eine vollkommen neue, kreative und originelle Verbindung von Halacha und Philosophie erzeugt hat, in die jüdische Geschichte eingehen. Raw Soloveitchik hat die Halacha philosophiert und die Philosophie halachisiert. Er hat seine talmudische Denkart und die Brisker Methode und Terminologie angewendet, um philosophische Probleme zu lösen und hat sein philosophisches und wissenschaftliches Denken verwendet, um eine neuartige Weltanschauung der Halacha zu entwickeln.
So hat er beispielsweise das obenerwähnte Brisker Begriffspaar «Chefza-Gawra» verwendet, um das alte, schwierige Problem von Ijow (Hiob), das Problem von Zadik w’ra lo, vom leidenden Gerechten, zu lösen, indem er erklärt, der Mensch könne das Problem in den Griff bekommen, wenn es ihm gelingt, nicht als Chefza, nicht als Objekt, sondern als Gawra, als Subjekt, zu leben. Als Chefza zu leben, so erläutert Raw Soloveitchik, bedeutet, sich nur als Opfer zu sehen und passiv sein schweres Schicksal zu erleiden. Als Gawra zu leben hingegen heisst, sein Leben aktiv in die Hand zu nehmen, es selbst zu gestalten und zu bestimmen. Solange ein Mensch, der unverständliches und unbegründetes Leid erfährt, ein Chefza bleibt, wie ein Ding, wie ein Gegenstand den Schmerz über sich ergehen lässt, so lange wird sein Leid endlos weitergehen. Es wird aber erleichtert, wenn es ihm gelingt, trotz seines Leides wieder ein Gawra zu sein, zu lernen, aktiv und bewusst mit seinem Leid umzugehen, sein Leben wieder selbst zu führen, es in eine Richtung zu lenken, auf Ziele hinzusteuern und ihm wieder Inhalt und Zweck zu geben. Raw Soloveitchik nimmt hier also zwei ursprünglich rein halachische Begriffe und verwendet sie zur Lösung eines philosophischen Problemes. Es ist dabei zu bemerken, dass hier eine sehr entscheidende und charakteristische Eigenschaft der Philosophie Raw Soloveitchik zum Ausdruck kommt. Er betont in seiner Diskussion des Ijow-Problems nämlich ausdrücklich, dass der Schlüssel zur Lösung des Problems nicht im metaphysischen Verständnis des Leidens liegt. Es geht nicht darum, das Leiden zu verstehen, es zu ergründen. Dazu ist der Mensch gar nicht fähig. Vielmehr ist der Zugang zum Problem ein ganz anderer, nicht ein metaphysischer, sondern ein existenzieller. Das Ziel ist zu lernen, trotz und mit dem Leiden zu leben, es ertragen zu können, um es auf diese Art zu überwinden. Da dieser existenzielle Aspekt eine durchaus wichtige und zentrale Komponente der Philosophie von Raw Soloveitchik ist, wird er als Philosoph meist als Existenzialist und sein Denken als existenzialistisch bezeichnet. Es ist aber zu ergänzen, dass diese philosophiegeschichtliche Etikettierung der Gedankenwelt von Raw Soloveitchik in ihrer umfassenden Gesamtheit wohl kaum gerecht wird. Noch charakteristischer und noch viel typischer als diese existenzialistische Komponente im Denken von Raw Soloveitchik ist hier der einleitend erwähnte, bei ihm omnipräsente Dualismus. Auch das Ijow-Problem geht er dialektisch an, indem er hier Chefza und Gawra als zwei Lebenseinstellungen darstellt und sie einander gegenüberstellt, um sie durch die Gegenüberstellung genau voneinander unterscheiden und so genau beschreiben und charakterisieren zu können. Diese Dialektik steht im Mittelpunkt des ganzen Denkens von Raw Soloveitchik und findet sich in fast allen seinen Gedankengängen. Der Einfluss der Brisker Methode ist natürlich auch hier unverkennbar, zeichnen sich doch auch die philosophischen Schriften von Raw Soloveitchik durch ihre scharfe Analyse, ihre exakte, abstrahierende Kategorisierung und Klassifizierung und durch ihre eigene Terminologie aus. So hat Raw Soloveitchik in seinen beiden berühmten Schriften je einen Menschentypen beschrieben, den er selbst kreiert und je mit einem Terminus, mit einem Namen versehen hat: Den «Isch ha-Halacha» und den «Lonely Man of Faith». Beiden ist eine permanente innere Dialektik als wichtigste und charakteristische Eigenschaft ihrer Persönlichkeit gemeinsam. Beide sind voller innerer Gegensätze und dauernder innerer Spannung und reflektieren damit direkt das Leben und Denken von Raw Soloveitchik selbst, der durch seinen immanenten und omnipräsenten Dualismus selbst mit Herz und Seele ein «Isch ha-Halacha» und ein «Lonely Man of Faith» war.
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Joseph Soloveitchik
Geboren wird Rabbiner Joseph Baer Soloveitchik 1903 in Prosna, Polen. Sein Grossvater ist der berühmte Rabbi Chaijm Soloveitchik, der Brisker Reb. Für seine Ausbildung ist vor allem sein Vater besorgt. Etwa ab dem Jahr 1920 erhält Joseph Baer Soloveitchik privaten Mittelschulunterricht. Von 1925 bis 1931 folgt ein Philosophie-, Logik- und Mathematik-Studium an der Universität in Berlin, das Soloveitchik mit einer Promotion über Hermann Cohen abschliesst. In dieser Zeit fällt auch die Heirat mit Tonya Lewit. 1932 emigrieren die beiden in die USA, wo Joseph Baer Soloveitchik eine Rabbinatsstelle in Boston antritt. 1937 begründete er die erste jüdische Tagesschule in Boston - sie trägt den Namen Maimonides. Ab 1941 wird er Rosch Jeschiwa an der Yeshiva University (New York) als Nachfolger seines Vaters. Dort lehrt er auch jüdische Philosophie. Ab 1946 ist Joseph Baer Soloveitchik Ehrenpräsident der Misrachi Amerika, ab 1953 Präsident des Halacha-Kommitees des RCA. 1993 verstirbt Rabbi Soloveitchik im Alter von 90 Jahren und wird in Boston beerdigt. Seine wichtigsten Veröffentlichungen sind: Isch ha-Halacha (1944), Kol Dodi Dofek (Jom ha-Azma’ut-Rede 1956), The lonely Man of Faith (1965) und The Halakhic Mind (1986).


