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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Die Völker sind in uns gestellt»

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Im Alter, da andere Autoren ihr Spätwerk schreiben, verfasste Gerson Stern (1872-1956) seinen Romanerstling «Weg ohne Ende». In seinem Erscheinungsjahr 1934 machte er ihn unter den Juden Deutschlands über Nacht berühmt, während die gleichgeschaltete offiziöse Kritik ihn totschwieg. Mit der Vertreibung und Vernichtung der deutschen Juden verschwand auch das Buch aus dem öffentlichen Bewusstsein. Von den zehntausend Exemplaren, die einst gedruckt wurden, überlebten nur wenige den Krieg - meist solche, die emigrierte Juden ins Exil genommen hatten. Ein solches Exemplar, das einer neuseeländischen Bibliothek übergeben worden war, gab Anlaß zu einem Neudruck.
Juden längst vertrieben: Prager «Judenstadt». - Foto PD

Wie die meisten Germanisten hatte auch Friedrich Voit, Professor an der Universität von Auckland, nie etwas von Gerson Stern gehört, als er den Roman in der dortigen Universitätsbibliothek fand. Die Lektüre bewegte ihn dazu, den Roman über sechzig Jahre nach dessen Erscheinen der deutschen Öffentlichkeit endlich zugänglich zu machen. Nicht nur «die unbestreitbare literarische Qualität» sei es gewesen, die ihn dazu veranlasste, schreibt er dazu im Nachwort, sondern auch «die Einblicke in die vergangene und heute dem historischen Bewusstsein fast entschwundene, weil zerstörte Welt des jüdischen Lebens in Mitteleuropa».
Tatsächlich besitzt das Buch aus der heutigen Sicht eine doppelte historische Perspektive: Diejenige, die ihm als historischem Roman (einer gängigen Gattung der Zeit) eingegeben ist und die historisch gewordene Aussage für die Zeitgenossen, die darin zu finden ist. Die Handlung des Romans zieht sich über knapp ein Vierteljahrhundert, vom Jahresanfang 1722 bis zur Vertreibung der Juden aus Prag durch die Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1745. Stern hat aus den dürren Lebensdaten und -stationen eigener Vorfahren, die er bei Archivstudien fand, eine Familiengeschichte gebaut, in der das Schicksal der deutschen Juden der beginnenden politischen Aufklärung und Voremanzipationszeit sich als historische Parallele der Entwicklung vor 1933 gezeichnet wird. Angetönt wird dies vor allem durch die Worte eines alten Juden, Verfasser des «Buchs des Weges» und als Kind überlebender der Chmielnitzky-Pogrome, der in einem Gespräch bemerkt: «Wir sehen, wie Juden zu viel bedacht sind auf ihren Handel, auf Verbindung mit Fürsten, als ob sie glaubten, sie bauten auf festen Boden. Jud ist Jud.»
Die Familie des Itzig, der Leitfigur, deren wegen der erste Teil des Buches nachgezeichnet ist, bevor die Handlung nach seinem Sohn Perez von Norddeutschland nach Prag folgt, diese Familie lebt nie in der Illusion, auf festem Boden zu stehen, obwohl sie recht wohlhabend und deshalb von den harten Judengesetzen der Zeit nur teilweise betroffen ist. Es sind aber die emotional und geistig besonders hochstehenden Perez und sein Onkel Abraham, beides begnadete Kantoren, die die ganze Tiefe der jüdischen Tradition und die Gewissheit um die Ewigkeit des Volkes in den Roman einbringen. Dank diesen sehr stark gezeichneten Personen und auch dank seiner Gabe, die Vorpogromstimmung in Prag enorm dicht wiederzugeben, gelingen Stern längere Passagen, in denen es schlicht unmöglich ist, das Buch aus der Hand zu legen.
Die 1934 noch in Berlin erscheinende zionistische Jüdische Rundschau, deren Rezension Voit in seinem Nachwort abdruckt, wies insbesondere auf den «gesunden jüdischen Stil» Sterns hin: «gescheit, aber nicht übertüftelt, derb, aber zärtlich, herzhaft, sinnenfroh, aber nie schwül sinnlich, traurig, aber vertrauend, übertreibend, aber nicht prahlerisch, fromm, aber nie bigott.» Stern war es, so die Jüdische Rundschau, gelungen, eine jüdische Sprechweise der Vergangenheit wiederzugeben, ohne in Klischees zu verfallen, und überdies eine für das jüdische Volk spannungsgeladene Situation einzufangen. «Aber nicht nur darum», so schloss der zeitgenössische Rezensent, «ist der historische Roman von 1740 zugleich unser Roman von 1934. Sein Autor heisst Gerson Stern, ein neuer Name für die Literatur, ein Gewinn nicht bloss für die Literatur.»Gerson Stern gelang noch 1939 mit seiner Frau und seinem spätgeborenen Sohn die Flucht nach Palästina, wo er bis zu seinem Tod lebte. In Jerusalem verkehrte er mit den dortigen Vertretern deutsch-jüdischer Kultur – er war es auch, der mit Samuel Josef Agnon zusammen 1945 auf dem Grab Else Lasker-Schülers (die er schon von Kindheitstagen her kannte) den Kaddisch sprach. Das «Buch des Wegs», das in Sterns Roman eine versteckte, aber dennoch zentrale Rolle spielt, hat Stern selbst für die Juden Deutschlands mit diesem Roman geschrieben. Ein Buch das gegen die Schmähfigur des «Ewigen Juden» die Erhabenheit des unzerstörbaren jüdischen Volkes setzte und in welchem Gott aus dem tiefen Glauben der Menschen dieses 18. Jahrhunderts plötzlich wieder zu den Zeitgenossen sprach. «Es ist schon so», sagt der Protagonist Perez an einer Stelle, «wir lassen den andern die Macht. Seit zweitausend Jahren lassen wir den andern die Macht und das Recht unterzugehn. Ihre Macht versank, und sie versanken, und wir leben. (...) Aber nicht deshalb sage ich, die Völker sind in uns gestellt. Sie haben die Macht. Und was haben wir?» Wir haben das Buch, die Schrift. Wir haben es nicht. Wir leben es, oder wenigstens: wir wollen es leben. Das, was dieses Buch an die Himmel schreibt als ehernes Gesetz, was dieses Buch ausstrahlt als unabänderliche Voraussetzung für das Glück alles Lebendigen, dieses Buch, das uns ist, das wir sind oder täglich werden, das ist es was die Völker in uns stellt.»

Es wurde zitiert aus: Gerson Stern: Weg ohne Ende. Ein jüdischer Roman. Hrsg mit einem Nachwort und einem Glossar von Friedrich Voit. Carl Bösche Verlag, Siegen 1999.

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Zur Serie

In der Serie «Texte aus der jüdischen Moderne» werden regelmässig kurze, intensive Betrachtungen zu Texten jüdischer Autoren vorgestellt und besprochen. Bereits erschienen sind: «Als Schlemihl nach Warschau ging (Text von Isaac B. Singer, INside Nr. 6), «Gehe hin und lerne Hebräisch» (Text von Gershom Scholem, JR Nr. 9), «Franz Kafka - Die Brücke» (JR Nr. 12), «Heimat im Text» (Georg Steiner zur Idee des Staates im Judentum, JR Nr. 15), «Das ‘Nu wenn schon’» (Text zu Saemy Gronemann, JR Nr. 18), «Gegen die Verleumdung von Juden» (Brief an Else Lasker-Schüler, JR Nr. 21), «Bekenntnis zur Auserwählung» (Der Theologe und Judaist Schalom Ben Chorin, JR Nr. 24), «Israels Prophet» (Der zionistische Vordenker Achad Haam, JR Nr. 27), «Gegen die Entmenschlichung» (Margarete Susmans Nachruf auf Gustav Landauer, JR Nr. 35), «Wer schwach ist, zieht den Blitz herbei» (Alfred Döblin und Birobidschan, JR Nr. 39), «Ein Israel ohne Religion ist nicht interessant» (Ein Gespräch mit Josef Burg, JR Nr. 44), «Untilgbare Kränkung» (Ein Brief Karl Wolfskehls an Emil Preetorius, JR Nr. 48), «O Wiederkehr! O Wiederkehr! («Quartetsatz von Schönberg - frühe Erzählungen von Arnold Zweig, JR Nr.3). «Der unsichtbare Kain» (Zu einem Gedicht von Dan Pagis, Jr. Nr. 6)


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