Die virtuelle Rekonstruktion einer zerstörten Architektur
1994 beginnt in einem Seminar unter dem Titel «Die Rekonstruktion des Zerstörten» die Arbeit, deren Ergebnisse nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In der Reichspogromnacht 1938 werden über 1400 deutsche Synagogen und Bethäuser von den Nationalsozialisten systematisch zerstört. Wenn Architektur «steingewordene Gesellschaftsordnung» ist, nimmt die Zerstörungswut jener Nacht voraus, was später Realität werden sollte: wie die Synagogen und Bethäuser als jüdische Zeichen aus der deutschen Gesellschaft getilgt worden sind, war es Programm, auch die Jüdinnen und Juden selbst spurlos zu vernichten - nicht einmal Grabstätten sollten an ihr Leben erinnern.Nur wenige Tage nach dem Pogrom wurde das, was noch von den Gebäuden übriggeblieben war, endgültig geschleift - auf Kosten der Jüdischen Gemeinden, die so gezwungen waren, einen Ausdruck ihrer Identität zu «beseitigen». Vielfach sind die Standorte heute nicht mehr erkennbar - nur in wenigen Städten wird in der einen oder anderen Form an sie erinnert. Diejenigen Menschen, die noch Auskunft geben können, werden immer seltener. Um so wichtiger ist eine Arbeit, wie sie die Technische Universität Darmstadt leitet. Mit den Synagogen wurden oftmals auch die Bauakten und Dokumente vernichtet, teils von den Nationalsozialisten, teils durch den Krieg. So sind nur Fragmente geblieben, um den Versuch einer Rekonstruktion zu stützen - Fragmente und die schwierige und schmerzhafte Erinnerung von Überlebenden.Rekonstruktion bedeutet in diesem Projekt nicht, «den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen oder nachzubilden». Die Beteiligten haben aus zahlreichen Quellen Informationen zusammengetragen - dabei taten sich natürlich auch Widersprüche und Lücken auf. Man kann diese Lücken entweder als solche stehenlassen, oder man versucht aus der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, der Denkweise des Architekten und mit anderen Aspekten die Lücke zu schliessen. Dieses Vorgehen war für die Ausstellung erforderlich.
Mit Hilfe der CAD-Technik (Computer Aided Design), einem aufwändigen Verfahren, das verschiedenste Stufen umfasst, ermöglicht die jahrelange Arbeit aller Beteiligten nun einen Einblick (auch im wörtlichen Sinne) in verschiedenste deutsche Synagogen, von denen z. T. allenfalls noch Fotos oder Bilder bestehen. Von Synagogen im neo-islamischen Stil (Köln, Glockengasse), über Synagogen im neo-romanischen (Hannover) Stil bis hin zu Synagogen im Stil der Neuen Sachlichkeit (Plauen) kann der Besucher Bauwerke entdecken, die durch die Anstrengung vieler noch einmal zum Leben erwacht sind. Zeitgeist und Tendenzen spiegeln sich ebenso in den Bauwerken wie der Versuch, in der Veränderung das Ewige festzuhalten. «Synagogen in Deutschland» ist eine faszinierende Ausstellung - für historisch wie architektonisch Interessierte ein Leckerbissen.
Katalog: «Synagogen in Deutschland - Eine virtuelle Rekonstruktion».


