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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Die Verhandlungen können nicht ewig andauern»

October 9, 2008
Man könne nicht von Verhandlungsrunde zu Verhandlungsrunde, von Gipfel zu Gipfel schreiten, denn die Zeit sei beschränkt. Diese Ansicht vertrat Shlomo Ben-Ami, der amtierende israelische Aussenminister, vor der Auslandspresse in Jerusalem. Ben-Ami warnt auch davor, sich wegen des Tempelbergs in einen Religionskrieg hineinziehen zu lassen. Für die JR nahmen Jacques Ungar und Edgar Asher (Isranet) am Gespräch mit dem Minister teil.
Schlomo Ben-Ami: «Wir sind bestrebt, Jerusalem als Israels Kapitale zu haben – als das grösste jüdische Jerusalem in der Geschichte des jüdischen Volkes.» - Foto Isranet

Jüdische Rundschau: Wie beurteilen Sie die Situation nach Camp David?
Shlomo Ben-Ami: Wir stehen an einer Wegkreuzung. Was die wichtigsten Themen betrifft, hat Camp David einige Fortschritte erbracht. Das gilt für Komplexe wie Grenzen, Sicherheit und Siedlungen. Zudem haben wir mit unseren palästinensischen Partnern die besonders heikle Frage Jerusalem in Angriff genommen. Aus der Perspektive von Premierminister Ehud Barak war das kreativ und kühn.

Jüdische Rundschau: Wie geht es nun weiter?
Shlomo Ben-Ami: Wir müssen sehen, ob wir imstande sind, die kollektive Erinnerung an Camp David in eine Art Vor-Abkommen umzumünzen, damit Präsident Clinton, der Vorsitzende Arafat und Premierminister Barak abschätzen können, ob die Basis für einen neuen Gipfel, vielleicht noch im September gegeben ist. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass wir diesen Punkt noch überhaupt nicht erreicht haben, obwohl wir laufend mit den Amerikanern, Palästinensern und auch den Ägyptern Ansichten über Jerusalem austauschen.

Jüdische Rundschau: Umschreiben Sie bitte Ägyptens Rolle im Friedensprozess.
Shlomo Ben-Ami: Israel sieht in Ägypten eine wesentliche Komponente für die regionale Stabilität im Nahen Osten. Ägypten ist ein freundlicher Staat, mit dem wir einen laufenden Dialog führen.

Jüdische Rundschau: Trotz der zahlreichen Kontakte scheint es aber keine konkreten Fortschritte zu geben.
Shlomo Ben-Ami: Der Friedensprozess und die Verhandlungen können nicht unbegrenzt weiter gehen. Der Zeitrahmen ist beschränkt, und Jerusalem ist nicht das einzige Thema, das einer Lösung harrt. Wir müssen uns gleichzeitig auch anderen Themen widmen.

Jüdische Rundschau: Arafat, Sie selber und andere Vertreter der beiden Seiten haben in den Wochen nach Camp David intensive Reisen rund um die Welt geführt. Wozu das?
Shlomo Ben-Ami: In Verhandlungen kann niemand seine Träume vollkommen verwirklichen. Wenn dies jemandem gelingt, dann heisst das, die andere Seite ist total frustriert, und es kommt zu keinem Abkommen. So gesehen, denke ich, dass Arafat auf seinen Reisen eine Idee von den Grenzen dessen bekommt, was er erreichen kann, vor allem in Bezug auf Jerusalem. Nach Camp David war es sowohl für Arafat als auch für uns wichtig, mit verschiedenen Staaten Kontakte zu haben, damit wir den Handlungsspielraum beider Seiten abwägen konnten. Wir sind nun, so denke ich, in einer besseren Position, um Entscheidungen zu fällen. Die Reisen waren keine touristischen Unternehmen, doch die Palästinenser und wir wissen heute besser, wo wir international stehen.

Jüdische Rundschau: Die Palästinenser haben es klar gemacht, dass sie aus der Westmauer ganz Ost-Jerusalem bekommen wollen. Welches ist Israels Position in dieser Frage?
Shlomo Ben-Ami: Jerusalem sollte eine offene Stadt sein. Wir sind bestrebt, Jerusalem als Israels Kapitale zu haben - als das grösste jüdische Jerusalem in der Geschichte des jüdischen Volkes. Ich glaube, es ist möglich die legitimen Rechte der Palästinenser und den israelischen Wunsch nach diesem grössten jüdischen Jerusalem in der jüdischen Geschichte als unsere Hauptstadt zur Deckung zu bringen.

Jüdische Rundschau: Wird Israel die Souveränität über den Tempelberg je aufgeben?
Shlomo Ben-Ami: Dies ist eine sehr komplizierte Frage, denn wir beginnen hier Vehandlungen über ein Thema, das im Grunde genommen eine Liegenschaftsangelegenheit ist. Die Palästinenser glauben effektiv, dass der Tempel sich nicht am Tempelberg befunden hat, und die Diskussion rutscht auch nach über dreissig Jahren der israelisch-palästinensischen Kontakte ins theologische ab. Hier widerspiegelt sich eine Art kulturellen oder religiösen Sprengstoffes, was natürlich bedauerlich ist. Wir haben aber nicht die Absicht, diesen Konflikt bzw. diesen Prozess in einen Religionskrieg zu wandeln. Wir müssen die Tatsache respektieren, dass die Moslems auf dem Tempelberg einen heiligen Ort haben, und ich bin sicher, dass die Palästinenser inzwischen begreifen, welch einen zentralen Platz der Tempelberg in der Geschichte des jüdischen Volkes, in unserer kollektiven Identität einnimmt. Es ist eine Tatsache, dass genau an diesem Fleck sich die Überreste der beiden Tempel befinden. Wenn man erst einmal die Wichtigkeit des Ortes für die andere Seite begreift, dann kann man sich auch besser mit seinen Gefühlen auseinander setzen. Wir sind bereit, die Gefühle der Palästinenser, und der ganzen modernen Welt, in Bezug auf den Tempelberg zu berücksichtigen, und ich habe den Eindruck, die Palästinenser verstehen heute unsere Gefühle in dieser Sache schon viel besser.

Jüdische Rundschau: Wäre Israel einverstanden, die Suche nach einer Lösung in der Jerusalem-Frage zurückzustellen?
Shlomo Ben-Ami: Wenn einmal in allen anderen Fragen Einigkeit herrscht, sind wir bereit, die Suche nach einer Lösung in der Jerusalem-Frage zurückzustellen. Das war in Camp David auch die Ansicht der US-Administration. Die Palästinenser jedoch wiesen diese Variante kategorisch zurück. Trotz Clintons Aufforderung, statt alle seine Vorschläge rundweg abzulehnen, solle er Gegenvorschläge unterbreiten, kam in dieser Hinsicht nichts Konstruktives von Arafat, und so endete Camp David mit einer Reihe von palästinensischen «Neins».

Jüdische Rundschau: Was schlagen Sie als nächsten Schritt vor?
Shlomo Ben-Ami: Wir müssen nun versuchen, mit unseren Partnern und der Hilfe der Amerikaner den Geist von Camp David wiederzubeleben. Wir können nicht länger von Konferenz zu Konferenz, von Gipfel zu Gipfel gehen. Der Moment der Entscheidungen ist da. Wir müssen harte Entscheidungen treffen, die keine Seite voll zufrieden stellen wird, doch dies ist das Wesen eines Friedens. Wo totale Gerechtigkeit herrscht, da ist kein Friede. Manchmal ist totale Gerechtigkeit gleichbedeutend mit der Zerstörung der anderen Seite. Wir müssen gerecht und gleichzeitig vernünftig sein und einsehen, dass wir nicht alle unsere Träume verwirklichen können. Ich hoffe wirklich, dass Yasser Arafat, der nun schon seit über dreissig Jahren eine sekulär-nationalistische Bewegung anführt und sie an die Tore einer möglichen politischen Lösung gebracht hat, die Gelegenheit zum Frieden nicht verpasst.





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