«Die Tragikomödie der jüdischen Demokratie»
«Weder der Antisemitismus noch die Antisemiten, weder der Hass noch die Hasser dürfen Gegenstand unserer Betrachtung sein. Es gibt nur einen Feind, der vernichtet werden muss, vernichtet um jeden Preis. Aber wer ist dieser Feind? Dieser stärkste, unbedachteste, gefühlloseste, törichteste, dümmste und unnachgiebigste Feind?» Arnold Schönbergs Antwort auf die selbstgestellte Frage lautete: Die jüdische Uneinigkeit. Entsetzt über das Unvermögen, sich einer bestimmenden Führung zu unterstellen und die Kräfte zu bündeln, rief Schönberg selbst zur Bildung einer «Neuen Jüdischen Partei der Einheit» auf.
Schon sieben Jahre früher, in einer vergleichsweise ruhigen Zeit, hatte Schönberg das Drama «Der biblische Weg» verfasst, das allerdings nie zur Aufführung kam und erst 1994 in einer vollständigen Druckfassung ediert worden ist. Darin schon hatte ein charismatischer Führer, bekämpft von allen möglichen Strömungen des Judentums, ausserhalb des Gebiets von Palästina einen Staat namens Neupalästina ins Leben gerufen, dessen Gründung er zwar nicht mehr erlebte, weil er umgebracht wurde, die er aber durch seinen unerschrockenen Einsatz erst ermöglicht hatte. Schon dort hatte Schönberg die Freiheit des Kollektivs vor äusserem Druck höher gewichtet als die des Individuums zur freien Meinungsäusserung.In der Rede von 1933 bezeichnet Schönberg das Recht jedes einzelnen Juden, seine Meinung zu sagen, geradezu als «Tragikomödie der jüdischen Demokratie», als Selbstzerfleischung des jüdischen Volkes, von dessen ausserordentlichen Begabung und Ausgewähltheit er überzeugt war. «Ein Mann eines anderen Volkes kann sich der besseren Meinung, der Theorie eines anderen Mannes anschliessen oder Prestigeverlust aufgrund der Überzeugung, dass die Treue zu einer gewählten Partei genügt, den Wert eines Mannes zu bestimmen: Hingegen hat ein altes Volk wie das jüdische so viel gelernt und ist in seiner Geisteskultur so weit fortgeschritten, dass jeder seinen Wert nur beweisen kann, indem er eine eigene Meinung äussert. Diese Umstände haben eine Sucht nach Originalität hervorgebracht, die im wissenschaftlichen Bereich vielleicht nützlich, jedoch in nationalen Fragen verderblich ist!»
Es ist verständlich, dass heutigen Forscherinnen und Forschern dieser Ansatz suspekt ist. Die amerikanisch-jüdische Literaturwissenschaftlerin Bluma Goldstein ortet bei Schönberg Einflüsse totalitärer und faschistoider Ideen seiner Zeit, die sie selbst noch in der dominanten Moses-Person seiner Oper «Moses und Aron» durchscheinen sieht, die, noch vor 1933 entworfen, im Exil weiter ausgestaltet wurde. Ob Letzteres korrekt ist, bleibe dahingestellt. Tatsache bleibt, dass Arnold Schönberg, seit Mitte der zwanziger Jahre ein Verehrer Zeev Jabotinskys (allerdings ohne dessen Fixierung auf das Land Israel) war und besonders die Uneinigkeit im zionistischen Lager beklagte. In der Rede «Die jüdische Situation» nimmt er den Zionismus sogar als Beispiel für die innerjüdische Zerstrittenheit. «Natürlich sind alle Völker in viele Parteien gespalten. Aber die zionistische Bewegung weist zunächst schon viele Parteien auf, die sich lediglich mit den Wegen, Bedeutungen, politischen Linien usw. der zionistischen Idee befassen. Jede dieser Parteien ist selber wiederum in genau so viele Parteien unterteilt wie anderwärts eine ganze Nation. Wenn zum Beispiel ein anderes Volk in sieben Parteien gespalten wäre, so müsste entsprechend die Jüdisch-Zionistische Partei in sieben Mal siebenundsiebzig Parteien aufgeteilt sein. Nun, alle diese Parteien wollen das Beste für das jüdische Volk, so gut sie es eben verstehen. Ausserdem gibt es noch Parteien, die sich nicht damit zufrieden geben, das Glück der Juden zu begründen, sondern sie fühlen sich auch dazu berufen, das soziale Los fremder Nationen zu verbessern. Wir kennen den Erfolg dieser edelgesinnten Reformer: Unruhen brachen aus mit dem Ziel, die Einwanderung einzudämmen.»
Indem Schönberg die Juden einerseits dafür lobte, dass sie «in fünfzig Jahren eine solche Zahl bemerkenswerter Männer hervorgebracht hatten wie andere Völker nicht in einem Vielfachen dieser Zeit», forderte er zugleich, sie sollten sich nach dem Beispiel anderer Völker politisch organisieren. Das Hauptproblem aber sah er darin, dass die Juden sich selbst zu sehr in den Dienst dieser anderen Völker und zu wenig in den Dienst der eigenen Sache gestellt hatten.
Im Rückblick betrachtet, waren in der sich rapide verschlechternden Situation der Juden seit 1933 solche Reden und auch die von Schönberg erwähnte «heilige Aufgabe», «eine nationale jüdische Musik zu schaffen», illusorische Mittel eines aussichtslosen Kampfes. Für Schönberg selbst, der einige Monate früher mit einer formellen Rekonversion in einer liberalen Synagoge in Paris seinen Übertritt zum Protestantismus von 1898 rückgängig gemacht hatte, manifestierte sich darin eine bedingungslose Zugehörigkeit zum Judentum. In einem Brief an Max Reinhardt vom Mai 1933 hatte Schönberg schon vorgeschlagen, den «Biblischen Weg» zur Propaganda in verschiedenen Sprachen aufzuführen und unter die Juden zu bringen. Bis zum Ausbruch des Krieges sollte Schönberg vergeblich versuchen, eine Partei zu schaffen, mit welcher die Juden zur Selbsthilfe schreiten könnten.
Alle Zitate stammen aus: Arnold Schönberg: Die jüdische Situation, in Ders.: Stil und Gedanke. Aufsätze zur Musik, hrsg. v. Ivan Vojtech, Frankfurt a.M. 1976, S. 328-332.


