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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Die Torah, Wegweiser für ein sinnerfülltes Leben

von Rabbiner Roland Gradwohl, October 9, 2008
Pessach hat dem Volk Israel die körperliche Freiheit gebracht, Schawuot die geistige. Die Freiheit im Zeichen Gottes, der die Fesseln sprengt, die Menschen Menschen anlegen, und den Freigewordenen zuruft: Wirklich frei seid ihr dann, wenn ihr meine Lehre, die Lehre der Mitmenschlichkeit und der Menschenwürde euch zu eigen macht.
Schweigen der Natur: «Nur in ihm vollzieht sich die Offenbarung, nicht im Lärm. - Foto JR

Die Freiheit, die den Israeliten an Pessach geschenkt wurde, war keine volle Freiheit. Die ägyptischen Fesseln waren gesprengt, das Zeichen der Leibeigenen - durch die Kleidung sichtbar - war ihnen genommen. Im Denken und Fühlen, in ihrer Mentalität und in ihrem Reden aber war noch kein Unterschied zu bemerken. Wie König Pharao sie verfolgt und sie wieder in die Leibeigenschaft zurückführen möchte, sind sie völlig entmutigt. Zu Moses sprechen sie (2. B.M. 14,11): «Hat\'s nicht genug Gräber in Ägypten, dass Du uns zum Sterben in die Wüste hinausnehmen musstest? Was hast Du uns angetan, dass Du uns aus Ägypten herausgeführt hast? Dies ist es doch, was wir Dir in Ägypten immer gesagt haben: \"Lass ab von uns, und wir werden den Ägyptern dienen; denn es ist für uns besser, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben\".»
Keine Bereitschaft zum Risiko, kein Wille, die Strapazen, die jede Freiheit mit sich bringt, zu erdulden. Bei der ersten Gefahr ein Ringsumkehrt, ein Zurück in die Sicherheit, auch wenn diese Sicherheit auf Kosten der Menschenwürde zu erkaufen ist. Moses lässt die Rückkehr nach Ägypten zwar nicht zu, doch die Freigewordenen werden lange brauchen, ehe sie den Sinn der Freiheit begreifen lernen.

Die Freiheit von der Fessel

Die Freiheit von der Fessel müsste einmünden in die Freiheit des Geistes, der Seele. Daher führte der Weg von Ägypten nicht in direkter Route ins Land der Verheissung, sondern in die Einöde der Halbinsel Sinai hinein. Ins Niemandsland, gleichsam in eine Quarantäne für das von den schädlichen Bakterien der Knechtschaft infiszierte Israel. Der Talmudgelehrte Rabbi Jitzchak stellte fest: «Die Israeliten hätten die Torah gleich in der Stunde des Auszugs aus Ägypten erhalten sollen. Da sagte der Ewige: Sie sind noch nicht gesundet. Eben haben sie die Knechtschaft von Lehm und Ziegelsteinen verlassen und sind nicht in der Lage, die Torah allsogleich zu empfangen. Das gleicht einem Königssohn, der von einer Krankheit aufgestanden ist. Der Lehrer sagt zu ihm: Geh in die Schule, doch der König entgegnet dem Lehrer: Er sieht noch so schlecht aus. Soll er sich zwei, drei Monate bei guter Nahrung erholen und ganz gesund werden, dann kann er wieder zur Schule gehen.» So geschah es auch dem «krank gewordenen» Israel. Es gelangte in die Wüste, nährte sich vom Manna, den Wachteln und dem reinen Quellwasser, und erst dann - sieben Wochen nach dem Auszug - wurde ihnen an Schawuot die einzigartige Gottesoffenbarung zuteil.
Der Ort der Offenbarung am Gottesberg des Sinai lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Der Djebl Mussa, der Mosesberg mit dem Katharinenkloster im südlichen Granitgebirge, den Sinaifahrer heute besuchen, ist vermutlich nicht der richtige Punkt. Die Tradition, die die Offenbarung mit diesem Berg verbindet, ist rund tausend Jahre alt. Das Ereignis selbst hat aber vor über 3000 Jahren stattgefunden. Eine andere Ansicht will den Berg Sinai im Norden der Halbinsel lokalisieren, aber auch sie steht auf schwachen Beinen. Manche Forscher haben gar an einen Ort östlich von Eilat am Roten Meer gedacht und verlagern den Berg Sinai in ostjordanisches Gebiet.
Die Geografie ist letztlich nicht massgebend. Für den Glauben zählt nicht der Ort, sondern das Ereignis. Gott hat mit Israel gesprochen und ihm Seinen Willen kundgetan. Die Gottesstimme vom Sinai ist bis heute für jeden vernehmbar, der sie hören will.
Durch die Offenbarung am Sinai, durch Schawuot, gewinnt Israel die Freiheit des Geistes. Was hat sich damals eigentlich ereignet, in der grössten Sternstunde der jüdischen Geschichte? Israel steht am Fuss eines mit schwerem Gewölk umhüllten Berges; es hört den gewaltigen Ton des Widderhornes, vernimmt Donnerschläge und sieht zuckende Blitze. Das sich mit grosser Wucht entladende Naturereignis, das einer Vulkaneruption gleicht, jagt dem Volk einen Schrecken ein. Es bildet aber nur das Vorspiel der Offenbarung. Denn wie diese beginnt, herrscht völlige Ruhe. Der Midrasch erzählt: «Plötzlich, da der Herr sprechen wollte, wurde es still auf der ganzen Welt. Kein Ochse brüllte mehr auf der weiten Erde. Kein Vogel zwitscherte mehr unter dem weiten Himmel. Das Wasser hörte auf zu rauschen, das Feuer auf zu knistern. Der Donner verstummte, das Echo verlor seine Stimme. Die Flügel der Engel flatterten nicht mehr, ihr Mund sang nicht mehr, auf dass - wie Rabbi Abbahu sagt - im Schweigen aller alle erkennen, dass ausser Gott nichts ist.» Die Offenbarung vollzieht sich nicht im Lärm, sondern im Schweigen von Mensch, Tier und Natur. Jahrhunderte nach dem Sinai-Geschehen widerfährt Entsprechendes dem Propheten Elia, der auf der Flucht vor den Häschern König Ahabs an den Berg Sinai gelangt. Elia steht vor einer Höhle. «Siehe, da ging der Herr vorüber», heisst es in Könige I (19,11), «ein grosser, gewaltiger Sturm, der Berge zerriss und Felsen zerbrach, war vor dem Herrn. Doch ER war nicht im Sturm. Nach dem Sturm ein Erdbeben, doch ER war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben ein Feuer. Doch ER war nicht im Feuer. Nach dem Feuer der Ton eines sanften Säuselns. Als Elia dies hörte, verhüllte er sein Angesicht mit dem Mantel!» Jetzt weiss Elia, dass ihm Gott erscheint. Wie einst Moses am Dornbusch, bedeckt der Prophet sein Gesicht aus Scheu und aus Furcht davor, zu sehen, was einem Sterblichen zu sehen vorenthalten ist.

Das versteinerte Gotteswort

Nicht zufällig ist es Israel, das am Fusse des Sinaiberges steht, untersagt, den Berg zu besteigen und einen Blick hinter den dichten Wolkenschleier zu tun. Es gibt nichts zu sehen, weil Gott nicht sichtbar ist. Er offenbart sein Wort, sein Gebot, doch nicht sich selbst. Was Gott ist, wird kein Mensch wissen. Dass ER ist, muss ihm genügen. Nur Moses darf den Weg zum Gipfel beschreiten. Als Einziger, und ihm ist es später aufgetragen, das in zwei Tafeln eingehauene Gotteswort dem Volke zu übergeben.
Womit beginnt die Gottesrede an Israel, was steht am Anfang der Zehn Gebote? Das Wort «Ich»: «Ich bin der Herr, Dein Gott.» Hebräisch: «Anochi Haschem Elokecha.» Die Weisen deuten den Sinn: «Die Zehn Gebote beginnen mit \"anochi\", um dich zu lehren, dass die Übergabe der Torah vor Gott wichtiger ist als die Weltschöpfung.» «Anochi» beginnt nämlich mit einem Aleph, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, der Schöpfungsbericht mit einem Bet, dem zweiten Buchstaben: «Bereschit bara Elokim» (am Anfang schuf Gott Himmel und Erde). Aleph hat den Zahlenwert eins. Anochi ist der Eine-Einzige, dem nichts zu vergleichen ist. Er war, ehe irgendetwas geschaffen war, und ER wird sein, wenn alles vergeht. Der Anfang des Zehngebotes - ich bin der Herr, dein Gott - deutet auf die Einzigartigkeit Gottes hin und zugleich auf die Einzigartigkeit seines im Gebot enthaltenen Willens. Und wenn die Weisen betonen, dass die Übergabe der Torah wichtiger sei als die Weltschöpfung, so möchten sie damit sagen, dass ohne die Torah die Schöpfung keinen Bestand hat. Die Torah mit ihrer Ethik ist VOR der Welt vorhanden gewesen, sie ist gleichsam der Plan, nach dem Gott seine Schöpfung gebildet hat. In der Formulierung des Talmuds: «Gäbe es die Torah nicht, Himmel und Erde vermöchten nicht zu bestehen.» Wenn die materielle Welt mit ihrem steten Kampf zwischen Gut und Böse nicht zerfallen soll, so muss das Gute stärker sein. Und das heisst für den Juden: Die Torah muss die Welt durchdringen können. Eine Welt ohne Torah zerfällt.
«Ich bin der Herr, dein Gott». DEIN Gott, nicht EUER Gott. Die Zehn Gebote sind an den Einzelnen gerichtet, nicht an die Gemeinschaft. Jeder Einzelne ist angesprochen, muss sich angesprochen fühlen, kann sich von der ihm aufgetragenen Aufgabe nicht drücken. Und wenn der Einzelne strauchelt, dann schadet er nicht nur sich, sondern der ganzen Gemeinschaft. Die Verantwortung, die auf jedem lastet, wird zu einer «Bürgschaft» für die anderen.

Die persönliche Verpflichtung

«Ich bin der Herr, dein Gott.» Der erste Vers des Zehnwortes, des Dekalogs, nennt den Grund, der den Herrn zu deinem Gott werden lässt: «Der ich dich aus Ägypten herausgeführt habe, aus dem Haus der Knechte.» Für Israel, das sich am Fusse des Sinaiberges aufhält, liegt der Auszug aus Ägypten sieben Wochen zurück. Das mag als lange erscheinen, und viel hat sich in dieser Zeit ereignet. Nach dem Auszug die Verfolgung durch Pharao, der Durchzug durchs Schilfmeer, der Israel die Rettung, den ägyptischen Soldaten jedoch den Tod brachte, die Entbehrungen der Wüste, die Unsicherheiten eines ungewohnten Lebens. Wenn der seine Gesetze gebietende Herr auf den Auszug aus Ägypten hinweist, so wird damit das Aussergewöhnliche dieses Geschehens hervorgehoben. Nicht als Schöpfer des Universums fordere ich von dir, befreiter Sklave, den Gehorsam, sondern als dein Retter und damit als dein Schöpfer, der dich sozusagen zum zweiten Male erschaffen hat. Der Bezug auf die Geschichte ist stärker und verbindlicher als es der Bezug auf die Erschaffung von Himmel und Erde wäre. Das persönliche Erlebnis wird zur Grundlage für die persönliche Verpflichtung.
Zugleich erweist sich damit die von Gott Israel erlassene Weisung als eine nationale Verpflichtung. Nicht die Menschen schlechthin sind angesprochen, sondern die Glieder des befreiten Volkes. Wie Pessach das Fest Israels ist, so ist es auch Schawuot.
Bedeutet das nun, dass die Zehn Gebote nur für Israel Geltung besitzen? Keineswegs. Die Weisen haben den erdumspannenden Charakter des Dekalogs wiederholt und nachdrücklich betont. Sie erzählen die Legende von den Völkern, denen Gott seine Lehre anbietet. Die Edomiter lehnen die Torah ab, weil in ihr das Verbot steht: «Morde nicht», und sie als Bewohner der Wüste morden müssen, um leben zu können. Ammonitern und Moabitern sagt das Verbot des Ehebruchs nicht zu, den Ismaeliten missfällt jenes des Diebstahls. Wie der göttliche Gesetzesgeber erfolglos einem Volk nach dem anderen dieselbe Frage gestellt hat: «Wollt ihr meine Torah annehmen?» und jeweils eine abschlägige Antwort erhält, wendet er sich an Israel. Und Israel spricht: «Wir wollen tun und hören.» Israel ist zum Tun bereit, ehe es den Inhalt des Gebots kennt. Die Torah wird zu seinem Eigentum; allerdings nicht zu seinem ausschliesslichen.
Die jüdischen Gelehrten betrachten es nicht als Zufall, dass die Offenbarung in der Einöde stattgefunden hat. «Wäre die Torah im Lande Israel gegeben worden», sagen sie, so hätten die Völker der Welt ausgerufen: «Wir haben keinen Anteil an ihr.» Gott hat sie daher im Niemandsland erlassen und jeder, der sie empfangen will, kann kommen und sie nehmen.» Die Torah ist nicht exklusiver Besitz Israels. Durch Israels Zusage auf das Angebot ist sie zum Besitz der Menschheit geworden.

Die 70 Sprachen der Völker

In Jeremias (23,29) steht der Vers: «Ist nicht mein Wort wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der den Felsen zerschlägt?» Der Talmud bemerkt dazu: «Wie der Fels durch den Hammer in viele Splitter zerteilt wird, so wurde auch jedes Wort, das aus dem Mundes des Heiligen, gelobt sei Er, hervorging, in siebzig Sprachen zerteilt». Siebzig Sprachen - das sind die Sprachen der 70 Völker, die es (nach alter Vorstellung) auf der Erde gibt. Deutlicher kann man in bildhafter Weise die universale Bedeutung der Torah nicht ausdrücken. Die höchst bedeutsame Einleitung - «Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten herausgeführt habe, aus dem Haus der Knechte» - enthält ein Gebot: Gott als den Einen-
Einzigen Herrn anzuerkennen. Auf dieses Gebot folgen die weiteren neun Vorschriften des Dekalogs.«Das Buch dieser Torah soll nicht aus deinem Munde weichen. Denk darüber nach Tag und Nacht, damit du genau nach dem handelst, was darin geschrieben steht.» So lautete einst Gottes Befehl an Josua, Moses\' Nachfolger. Unzählige Juden unterziehen sich diesem Befehl. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Weil ohne Torah ihr Leben leer und sinnlos wäre. Sie «lernen, um zu lernen, sie bewahren, um auszuüben», wie spätere Formulierungen es ausführen. Die Lehre darf nicht Theorie bleiben, sondern muss im Alltag erfüllt werden. Ist die Torah eine Last, die der fromme Jude allzu gerne von sich abschütteln würde, sich aber nicht getraut? Gewiss ist sie eine Last, aber sie wird nicht als solche empfunden. Sie schränkt die Bewegungsfreiheit ein, wie vergleichsweise die vielen Tafeln, Gebote und Verbote, die den Verkehr auf unseren Strassen regeln. Ohne die Tafeln bräche ein Chaos aus. Wenn wir fahren wollen, bedürfen wir der Anweisungen. Sie sind Hilfsmittel, nicht mehr. Auch die Vorschriften der Torah zeigen die Richtung an, sie sind Wegweiser für ein sinnerfülltes Leben, sind Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst. - Gäbe es die Torah nicht, sie müsste noch erlassen werden.


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