«Die Nationalmannschaft ist für mich das Wichtigste»
Jüdische Rundschau: Zurzeit jagen sich die Gerüchte über Transferangebote von den spanischen Spitzenclubs. Haben Sie solche Angebote von Barcelona oder Real Madrid erhalten?
Chaim Revivo: Ich bekam wirklich einige Angebote letztes Jahr. Es ist aber sehr schwierig, das Team zu wechseln wegen der 40 Millionen Dollar Transfersumme, die zu zahlen sind. Das ist viel zu viel Geld für einen Israeli. Wäre ich ein Brasilianer, wäre es einfacher, diese Summe aufzubringen. Ich bin aber ein Israeli und dazu noch ein ausländischer Spieler, von denen es ja in einer Mannschaft nur vier geben darf. Ich bin noch nicht einmal Europäer, und es ist sehr viel schwieriger, für soviel Geld einen Spieler zu kaufen, der aus Israel oder Jugoslawien kommt.
Jüdische Rundschau: Für den Moment bleiben Sie also bei Ihrem Verein Celta Vigo?
Chaim Revivo: Ja, im Moment bleibe ich. Ich habe aber Angebote, in eines der grossen Teams zu wechseln, und ich hätte dies fast getan.
Jüdische Rundschau: Barcelona oder Real Madrid?
Chaim Revivo: Ja, ich hatte Angebote von diesen Mannschaften.
Jüdische Rundschau: Wäre es für Sie überhaupt interessant, zu einem dieser Clubs zu wechseln? Diese haben ja sozusagen zwei Kader, eine Reservemannschaft und eine, die wirklich spielt.
Chaim Revivo: Ja, aber wenn ich wechsle, gehe ich in die Mannschaft, die wirklich spielt. Überall, wo man hingeht, muss man zuerst darum kämpfen, wirklich spielen zu können. Das ist nirgendwo einfach.
Jüdische Rundschau: Bei Celta Vigo haben Sie die Chance, nach dem Weggang von Lubo Perret dessen Platz einzunehmen.
Chaim Revivo: Nein, ich würde nicht Perrets Platz einnehmen. Ich spiele hier schon seit drei Jahren in der Mannschaft, und ich spielte praktisch alles Spiele, ich hatte also nicht das Problem, ob ich spielen würde oder nicht. Andere Spieler hatten dieses Problem. Dieses Jahr wird für mich ein noch besseres Jahr sein, weil man nach drei Jahren im gleichen Club mehr Vertrauen zueinander hat und leichter etwas erreichen kann.
Jüdische Rundschau: Israelischer Fussball wird besser und besser. In der Vergangenheit kannte man den einen oder anderen Basketball-Spieler, mittlerweile kennen wir Berkovits, Tikva und Revivo. Weshalb?
Chaim Revivo: Der Grund liegt darin, dass wir eine Menge zusammen spielen und viele Spieler nun im Ausland spielen. So kommen sie zu mehr Erfahrung, und sie trainieren hart. Es ist kein grosser Unterschied, ob man in der Nationalmannschaft oder in seinem eigenen Team spielt. Aber ein Spiel mit der Nationalmannschaft und dann ein Spiel in der israelischen Liga zu spielen, ist ein grosser Unterschied, denn die Spiele hier in Europa sind härter und schneller. Das ist der Unterschied, wenn du gehst und mit Celta Vigo spielst und dann zurückkommst und mit der Nationalmannschaft spielst, ist das sehr ähnlich.
Jüdische Rundschau: Zurzeit sind Sie der erfolgreichste israelische Fussballspieler aller Zeiten.
Chaim Revivo: Ich glaube, dass es alle zwei oder drei Jahre einen Spieler gibt, der mehr kann als man selbst. Deshalb höre ich nicht auf, versuche, mehr zu erreichen, in ein anderes grösseres Team zu wechseln oder mit meinem Team besser zu spielen. Ich bin erst 27 Jahre alt und habe noch einige Jahre, um zu spielen. Ich möchte noch einiges tun für den israelischen Fussball und für mich selbst.
Jüdische Rundschau: Wie fühlen Sie sich als israelischer und jüdischer Fussballspieler in Europa? Als praktizierender Jude muss dies für Sie ein einschneidender Balanceakt sein.
Chaim Revivo: Ich bin wie ein Botschafter, wenn ich ausserhalb Israels Fussball spiele. Dies ist zwar ein grosses Wort, aber jeder schaut und spricht über Fussball, und wenn man anders ist als die anderen, dann sprechen sie über einen auch anders. Die Leute sind in Spanien sehr nett zu mir, sie haben keine Probleme meiner Religion wegen, und so habe ich auch keine Probleme, nicht wie in anderen Ländern, wo die Leute mehr gegen Juden sind oder gegen Schwarze oder gegen was auch immer. In Spanien sind die Leute sehr gut zu mir. Ich kann essen, wie ich will, ich kann meine Religion ausüben, wie ich will, man lässt mich tun, was ich will, und niemand kümmert sich darum, ob ich jüdisch oder christlich bin. Ich bin stolz darauf, jüdisch zu sein, und möchte dies um nichts in der Welt ändern. In Spanien kann ich auf die Strasse gehen und den Leuten sagen, dass ich jüdisch bin, ich brauche dies nicht zu verheimlichen.
Jüdische Rundschau: Spürten Sie Reaktionen nach dem Regierungswechsel in Israel?
Chaim Revivo: Ja, die Leute sprechen über Politik, niemand weiss, was genau geschehen wird, auch mit den Arabern. Wenn sie über Israel sprechen, sprechen sie immer über Probleme, über Religion oder Kämpfe, ich kann dies auf CNN und anderen Fernsehstationen genauso hören. Über die guten Dinge, die wir haben, sprechen sie nie, und das ist ein Problem. Alle sprechen nur darüber, was mit den Arabern geschehen wird, dass Leute sterben und solche Dinge. Sie wissen einfach nichts über uns. Ich glaube, dass die Leute, die die Touristen in Israel rumführen, keinen guten Job machen, denn offenbar zeigen sie ihnen die besten Dinge nicht.
Jüdische Rundschau: In Spanien spielen Sie in einer der anspruchsvollsten Ligen, und im September haben Sie in Israel einige harte Spiele mit der Nationalmannschaft vor sich, gegen Zypern, San Marino und Spanien. Israel wird vielleicht das erste Mal überhaupt an der Europameisterschaft teilnehmen.
Chaim Revivo: Ja, wir haben Chancen, und ich hoffe, dass wir es schaffen. Es wird allerdings sehr schwierig für uns, weil wir auf der zweiten Stufe sind, und in allen Spielen der letzten Jahre im Weltcup oder Europacup hatten wir gegen zwei grössere Nationalteams zu spielen. Es kommen ja immer zwei Teams aus der ersten, zwei aus der zweiten und eine oder zwei aus der dritten Stufe.
Jüdische Rundschau: Wo sehen Sie Ihre persönliche Priorität zwischen Ihrem jetzigen Team und dem israelischen Nationalteam? Was ist Ihnen wichtiger?
Chaim Revivo: Das Wichtigste ist für mich die israelische Nationalmannschaft, denn wenn ich nach Israel zurückkehre, werde ich nach meinen Leistungen für die Nationalmannschaft bewertet und nicht nach denen für Celta Vigo. Natürlich will ich für zwei Mannschaften spielen, aber die Nationalmannschaft ist mir wichtiger. Ich hoffe, dass wir mit dem Nationalteam diesmal werden gewinnen können, denn bis wir die nächste Chance dazu hätten, wäre ich fast dreissig, und so möchte ich die Chance zum Erfolg jetzt nicht verpassen.
Jüdische Rundschau: Glauben Sie, dass es in zehn Jahren eine palästinensische Nationalmannschaft geben wird?
Chaim Revivo: Ja, das glaube ich, wie es auch einen palästinensischen Staat geben wird. Auf CNN und anderen Stationen hörte ich, dass sie schon darüber sprechen, wer Präsident des Palästinenserstaates sein wird, und so muss es doch auch einen Palästinenserstaat geben.
Jüdische Rundschau: Zur Zeit sind Sie mit Ihrem Verein Celta Vigo auf Initiative des Sportmanagement Isma&Partner in der Schweiz im Trainingslager. Sie haben ja hier einen engen Freund, nämlich Avi Tikva vom Grasshoppers Club.
Chaim Revivo: Ich sah Avi vor ein paar Minuten.
Jüdische Rundschau: Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?
Chaim Revivo: Er ist ein guter Freund von mir. Ich kenne ihn auch von der Nationalmannschaft her, er ist jünger als ich, aber er ist ein guter Spieler. Er ist einer der besten israelischen Fussballspieler. Ich denke, dass es gut für ihn ist, dass er so jung hierher gekommen ist, und es bietet ihm viel Herausforderung. Ich sah sein letztes Spiel, er spielte von Beginn weg, und ich glaube, dass er einen guten Platz hat unter den anderen, zum Teil stärkeren Spielern und dass dies gut ist für ihn.
Jüdische Rundschau: Können Sie sich vorstellen, selbst in der Schweiz zu spielen?
Chaim Revivo: Ich wäre eigentlich fast in die Schweiz gekommen, ich hatte ein Angebot von Grasshoppers, bevor ich zu Celta Vigo ging. Wir hatten ein Spiel gegen Grasshoppers und sie wollten mich engagieren. Sie kamen sogar zum Flughafen, weil sie wollten, das ich sofort unterschreiben würde. Mein Manager sagte ihnen aber, sie sollen ein Fax-Angebot machen. Das taten sie, und alles war soweit arrangiert, dass ich herkommen würde. Dann kam das Angebot von Celta Vigo, und ich nahm das Flugzeug dorthin, um rauszufinden, was sie mir genau anbieten würden. Es war ein sehr gutes Angebot, und ich wollte schon die ganze Zeit in der spanischen Liga spielen. Ich dachte erst, wenn ich zuerst in der Schweiz spiele und gut bin, erhalte ich ein Angebot für die spanische Liga, aber dann kam dieses Angebot direkt.
Jüdische Rundschau: Stimmt es, dass Barcelona 23 Mio. Dollar für Sie angeboten hat?
Chaim Revivo: Nein.
Jüdische Rundschau: Was ist denn Ihr aktueller Marktwert?
Chaim Revivo: Mein Wert ist 14 Mio. Dollar, 14 Mio. Das hängt von der Klasse ab, in der man spielt. Ich hatte Angebote aus England und anderen Ländern, die 10 Mio. Dollar zahlen wollten, aber meine Mannschaft wollte mich nicht verkaufen.
Jüdische Rundschau: Was sind Ihre Zukunftsperspektiven?
Chaim Revivo: Zuerst mal die beiden Jahre so spielen, wie ich die zwei vorherigen Jahre gespielt habe, oder hoffentlich besser. Wenn ich besser bin, kann ich danach aussuchen, wo ich spielen möchte. Ich hoffe dies sehr.
Jüdische Rundschau: Was war für Sie persönlich Ihr wichtigstes Spiel?
Chaim Revivo: Ich denke, mit meinem Team war das Liverpool im Uefa-Cup.
Jüdische Rundschau: Sie waren dort der Match-Gewinner.
Chaim Revivo: Ja, und es war ein gutes Spiel, und jedermann sprach über mein Tor, weil es ein 1:0-Sieg war, und das half mir viel. Es ist jedesmal eine gute Sache, wenn man auf diese Weise ein Tor machen kann.
Jüdische Rundschau: Welchen Stellenwert hat Fussball heute in Israel?
Chaim Revivo: Ich denke, Fussball ist in Israel der wichtigste Sport überhaupt.
Jüdische Rundschau: Wichtiger als Basketball?
Chaim Revivo: Ja, wichtiger als Basketball.
Jüdische Rundschau: Sprechen wir von Politik. Wie bewerten Sie den Regierungswechsel in Israel?
Chaim Revivo: Ich habe noch nie über Politik gesprochen. Ich kümmere mich nicht darum. In der Politik ist es doch immer dasselbe. Alle Zeitungen sind voll davon. Meine Meinung zur Politik habe ich aber noch nie gedruckt gesehen, weil ich nichts davon verstehe. Ich will davon auch nichts verstehen, weil ich diesen Leuten nicht vertraue. Politiker versuchen doch immer, zuerst das Beste für sich selbst rauzuholen, bevor sie an die Leute in Israel denken. Nur einige wenige versuchen, etwas für die Leute in Israel zu tun, während alle anderen in erster Linie an sich selbst denken.
Jüdische Rundschau: Aber sehen Sie einen Unterschied im Wechsel von Netanyahu zu Barak?
Chaim Revivo: Ich weiss nicht, das hängt doch davon ab, wie die Dinge nun verlaufen. Ob die Leute ein gutes Leben führen können, oder ob gewisse Dinge besser laufen. Dann wird jeder sagen, dass Barak besser ist als Netanyahu. Wir werden das in Zukunft sehen, aber ich glaube vor allem, dass die meisten Leute jetzt Frieden wollen und keinen Krieg mehr. Wir alle möchten doch Frieden, und ich denke dabei auch an meine Kinder. Ich möchte Frieden, damit mein Sohn einst gut in unserem Land leben kann, in Israel. Ich hoffe, dass alles besser wird. Es ist jetzt schon besser als die frühere Geschichte Israels mit den Kriegen. Da ist es jetzt doch schon besser. Aber wie gesagt, ich verstehe nichts von Politik, und ich glaube weder an den Likud noch an Maarach.
Jüdische Rundschau: Haben Sie Militärdienst gemacht?
Chaim Revivo: Ja. Ich war in der Armee, drei Jahre, wie jedermann sonst auch. Das ist etwas, was ich für mein Land tun musste, nicht für die Politik.
Jüdische Rundschau: Lebt Ihre Familie jetzt in Spanien?
Chaim Revivo: Ja, meine Frau und meine zwei Kinder.
Jüdische Rundschau: Was für eine Erziehung erhalten Ihre Kinder?
Chaim Revivo: Sie können keine jüdische Schule besuchen, weil es keine gibt. Ich bin ja der einzige Jude dort. Sie werden in eine gewöhnliche spanische Schule gehen und Spanisch sprechen, und das ist ja soweit gut, aber ich möchte nicht, dass es immer so bleibt.
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Fussball und Israel
Tel Aviv / Wüthrich. - In Israel tragen sie alle das hellblaue Trikot der spanischen Spitzenmannschaft Celta Vigo mit der Nummer 9 und dem Namen Revivo stolz herum. Der Absatz in den Sportswear-Geschäften ist reissend. Man kommt kaum noch mit den Lieferungen nach. Denn die Nachfrage ist enorm. Nach dem 5:0-Sieg über Österreich, der Israel in einen wahren Taumel versetzte, stieg Revivo endgültig zum Star auf. Er schoss zwei Tore, davon eines mit einem wunderschönen Freistoss. Nun hat es Israel in der Hand, aus eigener Kraft mindestens den zweiten Rang und damit die «Barrage» zu erreichen. Somit wären sie berechtigt, in zwei Entscheidungsspielen um einen EM-Startplatz gegen einen anderen «Dauphin» einer anderen Gruppe (evtl. die Schweiz) zu kämpfen. Klammheimlich hat sich Israel, seit Jahren ein Geheimtip unter Fussballexperten, in der Fussball-Welthierarchie nach vorne geschoben. Die Mannschaft spielt speziell vor heimischem Publikum begeisternden Fussball. Die hohen Heimsiege und Auswärtsremis bei starken Gegnern lassen aufhorchen. Nicht zuletzt macht Israel einen vergleichbaren Werdegang wie zu Beginn der 90er Jahre die Schweiz. Immer mehr Spieler wechselten ins Ausland und reiften bei europäischen Topteams zu Führungspersönlichkeiten.


