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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Die Macht des Fleisches

von Karen Bischof, October 9, 2008
Anlässlich des 10-Jahre-Jubiläums zeigt das Jüdische Museum Wien eine umfassende Ausstellung über den französischen Maler Chaim Soutine. Kurator Tobias G. Natter, der in den letzten Jahren für das Museum bereits mehrere grosse Kunstausstellungen (Max Liebermann, Max Oppenheimer, Tina Blau) erarbeitete, hatte in Österreich Pionierarbeit zu leisten, um diese Schau vorzubereiten. Eine Ausstellung, die gefangen nimmt.
Verspielt klar: Chaim Soutines «Rote Treppe von Cannes», 1923/24. - Foto PD

«Es ist die erste Ausstellung über Chaim Soutine, die in Österreich zu sehen ist. Eine Soutine-Ausstellung hat es weder zu Lebzeiten des Künstlers noch nach 1945 gegeben. Sein Werk ist auch in keiner privaten oder öffentlichen Sammlung des Landes vertreten. Nach 1945 waren es dann einige der jungen Vertreter der heute anerkannten Avantgarde wie Maria Lassnig, Markus Prachensky oder Hermann Nitsch, die nach Paris gefahren sind, um dort die Moderne zu studieren, wobei sie auch Chaim Soutine kennen gelernt haben», erläutert Tobias G. Natter im Newsletter des Museums. «Interessanterweise berichten die meisten, dass sie sein Werk aus Postkarten kennen gelernt haben, aus Reproduktionen und wenig aus Originalen.»

Malen wie ein Rasender

Im Mittelpunkt der Ausstellung in Wien stehen das Werk und die Person Chaim Soutines. Es ist dem Jüdischen Museum nach ungewöhnlich aufwändigen Vorbereitungen gelungen, an die 40 hervorragende Werke von Soutine darin zu vereinen, Werke, die alle drei für Soutine wichtigen Werkgruppen umfassen - das Portrait, die Landschaft und die Stilleben.
Soutine war arm und seines ungehobelten Wesens und seiner nicht unbedingt attraktiven Erscheinung wegen nicht gerade mit jenen Eigenschaften ausgestattet, die einen künstlerischen Erfolg garantiert hätten. Er stammte aus Litauen, wo er 1893 als Sohn eines jüdischen Flickschneiders geboren wurde. 1913 kam er nach Paris, wo er Unterschlupf in einem Haus «La Ruche» fand, wo er auf Chagall, Léger, Zadkine und Archipenko traf. 1915 befreundete er sich mit Amedeo Modigliani, der ihm half, und dessen Tod, fünf Jahre später, ihm sehr nahe ging. Soutine war impulsiv, nervös, direkt - einer, der nach dem Zeugnis des Bildhauers Jacques Lipschitz malte «wie ein Rasender» immer schwankend zwischen Euphorie und Depression. Eines Tages entdeckte er im Louvre Rembrandts «Geschlachtete Ochsen» - was ihn zu seinen Kadaver-Bildern inspirierte, die zwischen 1923 und 1925 entstanden, wie auch seine lebenden Tiere, als er zwischen Paris und Cagnes-sur-Mer pendelte.
Entdeckt wurde Soutine vom amerikanischen Erfinder und Millionär Albert Barnes, der ihm durch den Ankauf von 52 Werken, die der sogenannten «Céret»-Periode zu verdanken waren, fast über Nacht zu Berühmtheit und Geldruhm verhalf. Céret, ein Nest in den Pyrenäen, war bekannt durch die Anwesenheit Picassos und Braques und auch Soutine lebte von 1919 bis 1922 hier. Dieser Aufenthalt wurde ihm vom polnischen Dichter und Kunsthändler Léopold Zborowski ermöglicht.
In der Zeitschrift «Menorah» (Wien-Berlin) war im Jahr 1929 über Soutine folgendes zu lesen: «Er ist ein Barbar. Wild und ungebändigt. Von roher primitiver Kraft! Er stammt aus einem fernen Land an der äusseren Grenze europäischer Zivilisation.»
Einzelausstellungen ab 1927 in Frankreich und in der Folge besonders in den USA machten Soutine international bekannt. Nach der Besetzung Frankreichs durch Hitlerdeutschland wurde Soutine als Jude verfolgt, musste sich verstecken und starb unter dramatischen Umständen nach einer zu spät erfolgten Magenoperation 1943.
Soutines Bilder sind Spannung pur und drücken seine Aggressionen, seine Unruhe und innere Getriebenheit für den Betrachter fast physisch spürbar aus, was gerne auf seine frühe Kindheit und dem Leben im Stetl von Smilowitschi und der dort herrschenden und schier unerträglichen Armut zugeschrieben wird. Doch dafür gibt es keine gesicherten Quellen, denn es sind weder Tagebücher noch Briefe vorhanden, die das belegen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Biografie immer wieder neu erzählt, rekonstruiert und aus unterschiedlichen Perspektiven auch immer wieder neu und anders interpretiert wird. Doch eines ist verbrieft: Die Soutine- Ausstellung ist mehr als sehenswert.
Und wer nach der Soutine-Ausstellung, der Dauerausstellung über das Jüdische Wien - einer holographischen Annäherung - im zweiten Stock sowie der Judaica aus der Sammlung Eisenberger «möcht’ ich ein Österreicher sein» der Eindrücke müde geworden ist, kann sich bei einem wunderbaren Mohnstrudel und einem Kaffee im «Café Teitelbaum» aufs Feinste entspannen.

Jüdisches Museum der Stadt Wien, I., Dorotheergasse 11; bis 7. Juni; Sonntag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr geöffnet.


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