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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Die Kehrseite des Schmitta-Jahres

von Joseph Canaan, October 9, 2008
Der Auftakt des Schmitta-Jahres 5762 hat in Israel viel Staub aufgewirbelt und auf Anhieb zu harten Differenzen zwischen den Gemeinden charedischer Juden und den Vertretern der Landwirtschaft geführt. Es regnete gegenseitige Anschuldigungen, es gab rhetorische Feuerwerke und sogar Drohungen mit Cherem (Bann) gegen den sefardischen Oberrabbiner Elijahu Bakschi-Doron, der deshalb auch mit Rücktritt drohte. Es war ein blanker Versuch religiöser Eiferer, ihre Vorstellungen mit Druck und Einschüchterung durchzusetzen.
Die Grenzen der Religion: Im nächsten Jahr müssen Etrogim aus dem Ausland nach Israel importiert werden. foto wzps

Diese Entwicklung hat in religiösen Kreisen nicht nur für Aufsehen, sondern vor allem für Betroffenheit und Bedauern gesorgt und die überwiegend säkularen Kreise in Israel zur Behauptung veranlasst, in der religiösen Bevölkerung seien die Ultras und Scharfmacher auf dem Vormarsch, indem sie mit ihren provokativen Vorstössen die ohnehin besorgniserregende Kluft in der jüdischen Gesellschaft Israels noch vertiefen. Laut Halacha ist im Schmitta-Jahr die Bestellung der eigenen Felder untersagt. Jedoch unter Rücksichtnahme auf die Landwirte ermöglichte ein Heter (Erlaubnis) den rein technischen Verkauf von Feldern und Anbauflächen an Nichtjuden. Darüber hinaus einigte man sich unter der Berücksichtigung ultra-orthodoxer Kreise über die Aufstockung der Importquoten von Gemüse- und Obstsorten.
Zur allgemeinen Überraschung wollten ultra-orthodoxe Kreise diese seit Jahrzehnten geltende Regelung nicht länger anerkennen und verlangten die massive Aufstockung der Importquoten nicht nur aus halachischen Überlegungen, sondern wahrscheinlich auch unter dem Einfluss interessierter Importeure. Gleichzeitig forderten sie das Verbot der Vermarktung von Früchten und Gemüsesorten, die im Rahmen der Heter-Regelung im Inland gezüchtet werden. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, drohten sie den von orthodoxen Juden frequentierten S-Märkten und Einkaufszentren mit dem Entzug des Koscher-Siegels und Boykottaufrufen, falls sie entsprechend den Gepflogenheiten in der Vergangenheit den Konsumenten die Wahl zwischen importierten und im Inland gezüchteten Produkten ermöglichen. Die Ultras begnügten sich nicht mit allgemein gehaltenen Appellen, sondern schreckten selbst vor unkonventionellen Druckmethoden nicht mehr zurück.
Dazu befragt, sagte Schlomo Leschem, Vorsitzender des Verbandes der Landwirte in Israel gegenüber der JR, die aggressiven Forderungen und unverhüllten Drohungen ultra-orthodoxer Kreise sorgten für Überraschung und harten Reaktionen bei den heimischen Bauern, deren wirtschaftliche Lage ohnehin recht problematisch ist. Die Erfüllung der Importwünsche charedischer Kreise hätte zu Ertragseinbussen geführt, die Experten auf 220 bis 250 Mio. $ schätzen. Die in der Vergangenheit vereinbarte Importquote von 15% im Schmitta- Jahr war schon ein materielles Zugeständnis der Landwirte.
In den letzten Wochen versuchte das federführende Fachressort die hohen Wogen zu glätten und Kompromisse auszuhandeln, jedoch die Landwirte seien, laut Schlomo Leschem, fest entschlossen, sich gegen jeden Versuch zu wehren, ihre Produkte zu boykottieren, oder durch Hechscher-Entzug zu diskriminieren. In diesem Fall werden die Bauern nicht zurückschrecken, ihre Produkte auf offenen Märkten oder sogar auf dem Bürgersteig den Konsumenten anzubieten. «Ich hoffe, es wird dazu nicht kommen», sagte der Sprecher, «und die Vernunft wird siegen.» Ultraorthodoxe, die die Gesetze sehr streng auslegen, werden im Rahmen der Importregelung ein breit gestreutes mit der Halacha kominformes Sortiment von Gemüse- und Obstsorten vorfinden. Über das Preisniveau wollte sich Leschem nicht äussern, jedoch laut der Handelskammer Tel Aviv werden die Verbraucher importierter Produkte tiefer in ihre Taschen greifen müssen. Der Getreideanbau im Süden des Landes wird auch im Schmitta-Jahr erfolgen, sagte Leschem, laut der Vereinbarung, dass die Ernte entweder exportiert oder verfüttert wird und die öffentliche Hand die Landwirte für eventuelle Einbussen entschädigt. Ähnlich ist die Regelung bei Baumwolle und anderen Kulturen. Die Bauern sehen keine Veranlassung, auf die Ernte reifer Früchte zu verzichten oder sie an die verarbeitende Industrie zu Schleuderpreisen zu verramschen. Es wäre einfach unzumutbar, dass Plantagenbesitzer, deren Existenz von der Apfel-, Birnen- oder Zitrusernte abhängt, in einem Schmitta-Jahr leer ausgehen.


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Auf nach Zürich
tel aviv / j.c. - Das auf medizinische Dienstleistungen spezialisierte Unternehmen Schachal aus Israel plant im kommenden Monat eine Aktienemission an der Börse in Zürich. Ein diesbezüglicher Registrierantrag wurde bereits gestellt. Konsortialführer ist die Bank UBS-Warburg. Vor dem Neujahrstag teilte der niederländische Konzern Philips mit, er habe für 40 Mio. $ ca. 22% des Aktienkapitals von Schachal erworben. Demzufolge repräsentiert die Firma einen Wert von etwa 200 Mio. $. Schachal beabsichtigt seine spezifischen Dienstleistungen im medizinischen Bereich auch in einigen europäischen Ländern anzubieten.

Unbefleckter Talles
tel aviv / j.c. - Die Firma Mischkan Hatchelet in Israel hat vor dem Neujahrsfest einen neuen Talles (Gebetsschal) auf den Markt gebracht, der Befleckung durch Speisereste, Wein und sonstige Getränke bei Hochzeiten, Britot (Beschneidungen), Kiddusch und anderen Veranstaltungen verhindert. In die Entwicklung dieses Talles wurden ca. 430 000 Fr. im Verlauf von 18 Monaten investiert. Der Preis des neuen Produkts liegt bei 100 Fr. Der Jahresumsatz des Marktes für Gebetschals wird von Experten auf 125 Mio. Fr. geschätzt. Die Zusammensetzung des neuen Talles entspricht den halachischen Auflagen und wurde von Rabbinern überprüft.

Österreich zahlt
wien / jta. - Die österreichische Regierung hat ihre Bereitschaft erklärt, Holocaust-Überlebenden eine erste Zahlung von 150 Mio. Dollar zu entrichten. Im Jahre 2001 werden nach Angaben der Claims Conference rund 21 000 österreichische Überlebende - die Hälfte von ihnen wohnen heute in den USA - je 7500 Dollar erhalten. Ferner hat die amerikanische Regierung einem Vorschlag Österreichs zugestimmt, eine Stiftung im Umfang von 380 Mio. Dollar für Zwangsarbeiter aus der Nazi-Periode zu errichten. Mindestens 90% dieser Personen sind nicht jüdisch.





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