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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Die jahrelange Tragödie der Quara-Juden

von Elli Wohlgelernter, October 9, 2008
Die offensichtlich alarmierende Situation, in welcher die rund 3000 Juden in der nordäthiopischen Provinz von Quara leben und auf ihre Alijah warten, hat Aussenminister Ariel Sharon bewogen, die sofortige Durchführung einer Luftbrücke zu fordern, mit welcher diese Juden nach Israel gebracht werden könnten. Beobachter glauben allerdings, dass es sich hier um eine eher politisch als praktisch motivierte Initiative handelt.

Dessen ungeachtet leben die Juden von Quara unter schwierigsten Bedingungen. Aufgrund von Berichten von Juden, die in der Provinz Gondar eingetroffen sind, leiden die meisten von ihnen an Unterernährung, und die Kindersterblichkeit soll 20 Prozent betragen. In einem Brief an den scheidenden israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu schreibt Sallai Meridor, Vorsitzender der für die Einwanderung nach Israel zuständigen Jewish Agency: «Trotz der positiven Entscheidungen der Regierungen unter Ihrer Leitung und ungeachtet der Tatsache, dass die Jewish Agency alle benötigten Geldmittel überwiesen hat, sind in den Monaten April und Mai nur gerade 87 Juden aus Quara in Israel eingetroffen.» Meridor bezeichnet die Situation aus «menschlicher, jüdischer und zionistischer Sicht» als «intolerabel». In seinem Schreiben macht Meridor indirekt die schleppende Arbeit des israelischen Innenministeriums bei der Ausstellung von Visa für die Juden von Quara für die skandalöse Situation verantwortlich. Der Premierminister müsse hier einschreiten, fordert der JAFI-Chef, der hinzufügt, das Ministerium für Immigration und Absorption habe seine Bereitschaft bekundet, sich für die Bewältigung dieser Einwanderung einzusetzen.
Die Juden von Quara sind eine relativ kleine Gruppe äthiopischer Juden, die in den nun 15jährigen Bemühungen, diese Gemeinde nach Israel zu bringen, sozusagen vergessen worden sind. 1984 waren im Rahmen von «Operation Moses» die ersten äthiopischen Juden nach Israel gekommen, und 1991 folgten in «Operation Shlomo» weitere 14 000, die sich in der Hauptstadt Adis Abeba eingefunden hatten. Damals dachte man, dass die Aufgabe damit beendet sei, doch verblieben noch Tausende in zwei Gruppen in Äthiopien: die Falash Mura und die Juden aus der Region Quara.
Das Problem der Falash Mura lag in ihrem Übertritt zum Christentum, während die Quara-Juden in einer durch den Bürgerkrieg vom Rest des Landes abgeschnittenen Region lebten. Entgegen der Verlautbarung der Regierung nach Operation Shlomo, es gebe in Äthiopien keine Juden mehr, sind seither weitere 12 000 - sowohl Falash Mura als auch Quara-Juden - in Israel eingetroffen.

Die Statusfrage

Ein weiterer Grund für die Kompliziertheit der Situation ist in einem Wettstreit zwischen Fürsprechern der beiden Gruppen betreffend die Frage zu suchen, welche der Leute nun in einer verzweifelteren Lage sind und als erste gerettet werden sollten. Manche glauben, die Quara-Juden sind in den letzten fünf Jahren vernachlässigt worden, weil die Behörden sich voll auf die Falash Mura konzentrierten.
Vor einigen Jahren hatte das israelische Oberrabbinat einen Rabbiner nach Äthiopien geschickt, der die Falash Mura in Judentumskunde unterrichtete. Da diese Gruppe von Juden abstammte, mussten sie gemäss einem Beschlusse des Rabbinates keinen eigentlichen Übertritt mehr vollziehen, sondern nur eine Prozedur, die als «Rückkehr zum Judentum» bekannt wurde. Dessen ungeachtet ist die Frage der Beziehungen der Falash Mura zum Judentum immer noch offen, und nicht wenige Personen sprechen ihnen das Recht ab, nach Israel einzuwandern.

Spaltung der Quara-Gemeinde

Quara ist eine alte äthiopisch-jüdische Gemeinde. 1985 spaltete sie sich aus unklaren Gründen in zwei Gruppen. Der Konflikt soll, so heisst es, durch einen politisch-religiösen Machtkampf zwischen zwei Sektionen des gleichen Clans entstanden sein. Die Juden zerfielen also in die Gemeinden von Ober- und Unter-Quara. Letztes liegt zu Füssen einer ca. 1000 Meter hohen Felsenklippe, welche die beiden Regionen trennt. Wer von Ober- nach Unter-Quara wandern will, muss einen dreitägigen beschwerlichen Fussmarsch auf sich nehmen.
Weil die Guerillas die Region kontrollierten und niemanden fortziehen liessen, konnte keiner der Quara-Juden an Operation Shlomo teilnehmen. Der Krieg endete aber kurz nach dieser Aktion, und ein Emissär der Jewish Agency in Äthiopien arrangierte ein Treffen mit den Kessim (geistigen Führern der jüdischen Gemeinde) und den Anführern der Gemeinde von Quara. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Mitgliederliste der Gemeinde zusammengestellt.
Die Gemeindeältestens registrierten die Namen von 3500 Juden aus Ober-Quara, vergassen aber die 2500 Juden von Unter-Quara. Einige Beobachter vertreten die Ansicht, dies sei absichtlich geschehen, als eine Art Rache für verschiedene Zwischenfälle, welche die Beziehungen zwischen den zwei Gemeinden noch mehr getrübt hatten. Viele liessen sich in der nördlichen Provinz von Gondar nieder, wo sie eine Flüchtlingsgemeinde errichteten, die jener glich, die in Adis Abeba bestanden hatte. Heute befinden sich rund 3000 Flüchtlinge in Gondar.

(c) Jerusalem Post - JAFI - JR





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