Die Gretchenfrage - Lernen und/oder arbeiten?
An der Spitze der Gegner des Unterrichts in allgemeinen Fächern in Mittel- und Hochschulen Israels steht der litauische Zweig der Ultra-Orthodoxie. Als vor einigen Jahren eine ultra-orthodoxe Jeschiwa namens «Ma’arava» in ihr Lernprogramm auch allgemeine Fächer einschloss, lancierte Rabbi Eliezer Shach, der damalige Chef von Degel Hatorah, eine scharfe Attacke gegen die Jeschiwa.
In den USA ist die Situation grundlegend anders. Schulen der litauischen Ultra-Orthodoxie bereiten ihre Schüler nicht nur auf die offiziellen Eintrittsexamen der Colleges vor, sondern erzielen auch einige der höchsten Noten im Lande. In Israel ist es praktisch undenkbar, dass der Absolvent einer litauischen Jeschiwa einen akademischen Titel erwirbt. In den USA dagegen ermöglichen einige der Jeschiwot ihren Studenten, am Abend für ihren Universitätstitel zu lernen. Besonders strikte Talmud-Hochschulen wie Mir und Lakewood verleihen selber einen «Bachelor’s»-Titel (in talmudischem Gesetz), was ihren Absolventen erlaubt, direkt die Studien für den Master’s-Titel aufzunehmen. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass fast alle Ultra-Orthodoxen in den USA die Jeschiwot im Alter zwischen 20 und 30 Jahren verlassen und anfangen, sich um den Lebensunterhalt für ihre Familien zu kümmern.
Diese Ergebnisse finden sich im Artikel «From the World of the Yeshivas to the Work Force», den Prof. Amiram Gonen, Direktor des Floersheimer Instituts für Politik-Studien an der Fakultät für Geografie der Hebräischen Universität geschrieben hat. In den letzten zwei Monaten weilte Gonen in den USA und interviewte dutzende von Jeschiwa-Rektoren, Direktoren von Berufsausbildungs-Institutionen sowie ehemalige und gegenwärtige Jeschiwa-Schüler. Gonen glaubt, das von ihm präsentierte Modell der amerikanischen Ultra-Orthodoxie könnte als eine Art Test-Labor dienen, in dem die erfolgreiche Verwirklichung der Empfehlungen des Berichts der Tal-Kommission zur Aufschiebung des Militärdienstes für Jeschiwa-Schüler geprüft würden. Gonen weist darauf hin, dass im Gegensatz zu Israel «in den USA und anderen Ländern nur wenige Jeschiwa-Schüler ihre Studien nach dem 25. Altersjahr fortsetzen. Junge Ultra-Orthodoxe in den USA lernen in Jeschwot und Kollelim (wo Erwachsene den Talmud studieren und in der Regel ein Stipendium erhalten), gesellen sich nach einigen Jahren aber den Erwerbstätigen hinzu.» Als Hauptgrund für diese Tatsache weist Gonen darauf hin, dass in den USA der Militärdienst nicht obligatorisch ist und die Studenten nicht in den Jeschiwot verweilen müssen, um der Armee aus dem Wege zu gehen. In der ultra-orthodoxen Gemeinschaft der USA existieren laut Gonen zwei Normen nebeneinander: Die Verpflichtung, in einer Jeschiwa zu lernen, und die Verpflichtung, die eigene Familie zu ernähren. Auf den ersten Blick dominiert die Verpflichtung, zu lernen die Norm des Arbeitens. In der Praxis begnügen die meisten jungen Männer sich nach der Heirat mit ein paar wenigen Jahren auf der Jeschiwa. Einmal streben sie einen hohen Lebensstandard an. Zweitens aber erwarten die Eltern des Paares, dass der Ehemann sich um die Ernährung der Familie kümmert.
Position wie Immigranten
Zu den hervorstechendsten Ergebnissen von Gonens Studie zählt der gewaltige Altersunterschied zwischen Chassidim und «Litwischen» (Mitnagdim) hinsichtlich des Eintritts in die Bevölkerung der Erwerbstätigen und hinsichtlich der Beschäftigung. Chassidische Männer pflegen zwischen 18 und 20 zu heiraten und beginnen 2 bis 3 Jahre später zu arbeiten. In der Regel gibt es in chassidischen Primarschulen keine profane Erziehung. Sogar so elementare Fächer wie Englisch und Mathematik werden oft nur auf sehr niedrigem Niveau unterrichtet. Das erschwert den Absolventen dieser Schulen die berufliche Ausbildung oder die Suche nach Stellen, welche Englischkenntnisse voraussetzen. In dieser Hinsicht lässt sich die Situation der Chassidim, wie etwa der Satmarer, mit jener von Immigranten vergleichen, die die Sprache ihres Gastlandes nicht beherrschen. Als Folge müssen Chassidim sich oft mit einfachen Jobs bescheiden, wie als Träger, in Warenhäusern, als Verkäufer oder Ausläufer. Sogar die traditionellen ultra-orthodoxen Industrien in New York wie Diamanten oder Elektronik offerieren neuen, nicht ausgebildeten Arbeitern selten mehr als Mindestlöhne.
Andere Gebiete, in denen Chassidim oft Arbeit finden, sind Kleinunternehmen im Textil- oder in jüngster Zeit vermehrt auch im Reisesektor, etwa beim Verkauf billiger Flugtickets via Internet. Da die Verdienstmöglichkeiten hier gering sind, betreibt ein Mann oft mehrere Internet-Agenturen und bietet seinen Kunden seine Dienste gleichzeitig auf Gebieten wie Reise, Versicherung und Hypotheken an.
Angriff auf das Internet
Vor allem in den USA haben ultra-orthodoxe Rabbiner in den letzten Jahren das Internet als Medium scharf angegriffen, das die verschiedensten Unreinheiten ins Haus bringen würde. Dennoch hat sich das Internet als wichtige Einnahmensquelle unter den Ultra-Orthodoxen entwickelt. Der Computer ist ein relativ günstiges Arbeitsinstrument, das dem Benutzer gestattet, zuhause zu flexibeln Stunden zu arbeiten und die «unsichere» nicht-jüdische Umgebung zu meiden. Zudem gelten Computer-Berufe als die Art der «leichten und sauberen», für einen Jeschiwa-Studenten passende Arbeit.
Die Kombination eines niedrigen Einkommens mit einer hohen Kinderzahl sind Voraussetzungen für ein geringes Pro-Kopf-Einkommen. Entsprechend leben in den USA viele chassidische Familien unter der Armutsgrenze. Gonen bemerkt, dass die Existenz einer grossen jüdischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze die amerikanische Öffentlichkeit überrascht, die bisher an den Mythos geglaubt hatte, alle Juden seien reich. Hinzu kommt eine starke Einkommenskluft zwischen den mehrheitlich der Mittelklasse angehörenden litauischen Juden einerseits und den Chassidim andrerseits. Die litauischen Jeschiwot vermitteln ihren Schülern eine breite Allgemeinbildung auf hohem Niveau, was ihnen das Erlernen gesuchter Berufe ermöglicht. Darüber hinaus lernen litauische Studenten in der Regel viel länger in den «Kollelim» als die Chassidim. Die Kluft zwischen den beiden Gruppen gelangt daher nicht nur in einer besseren Allgemeinbildung und einem höheren Einkommen zum Ausdruck, sondern auch in einer breiteren religiösen Bildung.
Verbindung von Lernen und Arbeit
Die Absolventen litauischer Jeschiwot in den USA, die sich nicht für einen Beruf auf religiösem Gebiet entscheiden, können zwischen zwei Berufsoptionen wählen: Einmal können sie eine kurzfristige Berufsausbildung, normalerweise in einer ultra-orthodoxen Institution durchlaufen. Diese Institutionen befolgen einen strikt orthodoxen Lebenswandel: Trennung der Geschlechter, züchtige Kleidung, Fächer, die der Halacha (jüdischer Gesetzeskodex) nicht widersprechen und natürlich Berücksichtigung des jüdischen Kalenders. Der grösste Vorteil dieser Institutionen ist die kurze Dauer der Kurse. Das gestattet dem ultra-orthodoxen Manne, schon nach einer kurzen Zeit mit der Arbeit zu beginnen und seine Familie selber zu ernähren. COPE, das älteste dieser Institutionen, wurde von der Agudat Israel gegründet. In erster Linie werden dort Computer und Buchhaltung unterrichtet. Die Rabbiner bewilligten den Gedanken der Berufsausbildung für Jeschiwa-Studenten, machten aber gewisse Bedingungen: Das Institut darf in den Jeschiwot keine Werbung betreiben, und die Studenten dürfen nicht aktiv rekrutiert werden. Der Leiter der Jeschiwa muss zudem die Bewilligung für jeden Studenten erteilen, der eine Berufsausbildung absolvieren will. Der Direktor des Instituts betont, dass in der ganzen Geschichte der Schule noch nie ein Jeschiwa-Schüler, der einen Beruf erlernen wollte, die Bewilligung nicht erhalten hat. Die amerikanischen Rabbiner würden, so erklärt Gonen, die Notwendigkeit der Studenten verstehen, eine Arbeit zu ergreifen. Letztenendes kommen ihnen ehemalige Schüler mit einem hohen Einkommen auch zugute, würden diese doch die Jeschiwa später finanziell unterstützen.
Die Leiter der litauischen Jeschiwot sind sich auch im Klaren darüber, dass viele ihrer Studenten sich nicht mit einem kurzen Kurs begnügen, sondern sich um eine akademische Ausbildung bemühen wollen. Hier stossen wir auf zwei miteinander konkurrierende Ansichten. Die älteren Jeschiwot gestatten ihren Schülern, am Abend akademische Studien zu verfolgen. Etwa 75% der Studenten an der Jeschiwa «Ner Israel» in Baltimore lernen gleichzeitig an einem der Colleges in der Gegend. Im Vordergrund stehen dabei Computer-Wissenschaften, Buchhaltung, Business Management, sowie die Vorstufen zum Medizin- oder Jus-Studium. Wie Colleges in anderen Gegenden mit einer starken orthodox-jüdischen Bevölkerung, sind auch die Institutionen in Baltimore gewillt, die Jeschiwa-Studien teilweise (meistens zu einem Viertel) anzurechnen. Die neueren litauischen Jeschiwot, die in den letzten Jahren stark aufgekommen sind, nehmen demgegenüber eine striktere Position ein und vertreten die Ansicht, akademische Studien sollten erst nach Beendigung der Ausbildung an den Jeschiwot in Angriff genommen werden.
Verschiedene Bildungsmöglichkeiten
Interessanterweise bereitet die erste Stufe des Studiums (Bachelor) den Jeschiwa-Leitern mehr Probleme. Erstens schliesst der Unterricht viele allgemeine Fächer ein, wie Philosophie und Literatur, was für viele Rabbiner ketzerische Lehren beinhaltet. Dann leiden viele Rabbiner noch immer unter dem Trauma der Generation der «Blumenkinder» (Flower Children) und fürchten sich vor wilden Studenten-Kulten.
Den Ultra-Orthodoxen stehen zwei Lösungen zur Umgehung der Studien am College offen. Einmal wäre da das ultra-orthodoxe Touro College in Flatbush, im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Der Unterricht findet dort nach Geschlechtern getrennt statt, es gibt keine Fächer, die der Halacha widersprechen und die Lehrer sind religiös. Dieses Jahr lernen am Touro College tausend Studenten, gleichmässig nach Männern und Frauen aufgeteilt.
Die zweite Lösung ist paradoxerweise die Anerkennung der Studien an den extremeren Jeschiwot wie Lakewood und Mir als Bachelor’s-Grad in jüdischem Gesetz. Diese Jeschiwot gestatten ihren Schülern nicht, gleichzeitig einen akademischen Grad zu erlangen. Diese Anerkennung rührt vom amerikanischen Pluralismus in Bezug auf die akademische Ausbildung her. Sie gestattet den Absolventen dieser Jeschiwot, unter Auslassung des Bachelor’s direkt die Studien für einen Masters-Grad anzustreben, der in der Regel mehr berufsorientiert ist.
Haaretz


