Die Geschichte des Kindertransports
90% der Buben und Mädchen, die vor Ausbruch des 2. Weltkrieges im so genannten «Kindertransport» per Eisenbahn von Deutschland nach England gebracht wurden, sahen ihre Eltern nie wieder. Rund 60 Jahre später wurde dieses wenig bekannte Kapitel in der Geschichte der Rettung von Menschenleben im Dokumentarfilm «Into the Arms of Strangers: Stories of the Kindertransport» (Warner Brothers) festgehalten. Letzte Woche fanden Premieren des Films in New York, Los Angeles, Toronto, Boston und Washington statt.
Im Jahr des Kriegsausbruchs fanden die Juden, die verzweifelt einen Weg aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei hinaussuchten, die meisten Türen der Welt verschlossen. 1938 erklärte Grossbritannien seine Bereitschaft, vorwiegend jüdische Kinder im Alter von 2 bis 17 Jahren aufzunehmen. Kein 18-jähriges Kind, und auch nicht die Eltern der Kinder, wurden reingelassen. Die in Long Island aufgewachsene Filmproduzentin Deborah Oppenheimer lernte schon früh, ihre Mutter nicht nach ihrer Kindheit zu fragen. «Immer, wenn ich versuchte, das Thema anzuschneiden, begann meine Mutter zu weinen, und dann weinte ich auch, und das war das Ende der Unterhaltung», erinnert sie sich. Als die Mutter 1993 starb, ging Deborah der Sache auf den Grund. Sie las alte Briefe und Tagebücher und verbrachte Nächte und Wochenenden am Telefon mit den wichtigsten Zentren noch lebender «Kindertransportler» in England, Israel und New York. Die meisten der «Kinder», wie sie im Film genannt werden, waren zu ersten Telefon-Interviews bereit. Vor zwei Jahren stiess Mark Jonathan Harris, der mit seinem Film «The Long Way Home» über Holocaust-Überlebende einen Oscar gewonnen hatte, als Drehbuchautor und Regisseur zum Team. «Ich wusste wenig über den Kindertransport», sagte er, «doch nach den ersten Studien begriff ich, dass dies kein Holocaust-Film werden würde. Hier ging es vielmehr um das universelle Thema Eltern-Kinder, ihre Trennung und Erinnerungen, und vor allem um den erstaunlichen Lebenswillen von Kindern.» Oppenheimer und Harris lagen in einem Wettlauf mit der Zeit, waren die meisten der ehemaligen Evakuierten doch schon in ihren 70er Jahren, und jedes Jahr starben ein paar von ihnen. Im Sommer 1999, als die Kindertransport-Vereinigung ihre 60-Jahr-Versammlung abhielt, begannen die Filmarbeiten ernsthaft. Es kam zu rund 300 Gesprächen, dann wurden 23 «Kinder» zu ausführlichen Interviews eingeladen, und im 117 Minuten langen Dokumentarfilm erscheinen schliesslich 16 Schicksale. Auch nach den vielen Jahrzehnten, in denen die «Kinder» Karriere machten, Familien gründeten und Grosseltern wurden, nehmen sich die Ängste der Jugend immer noch wie frische Wunden aus. Lory Cahn war 14, als sie 1939 von Breslau aus den Kindertransport mitmachen sollte. Der Zug begann schon, sich in Bewegung zu setzen, als ihr Vater, der den Abschiedsschmerz nicht ertragen konnte, sie zum Fenster hinaus auf die Plattform zurückzog. Lory überlebte Theresienstadt und Auschwitz; die Eltern kamen um. - Hedy Epstein konnte sich nicht vorstellen, warum ihre Eltern sie nach England schicken wollten. «Ein paar Tage vor der Reise warf ich meinen Eltern vor, sie wollten mich loswerden», erinnert sie sich.
In England fanden einige der Kinder sorgsame Adoptivfamilien, die sich um sie kümmerten, während andere als Haushaltshilfen ausgenutzt wurden, oder in Transitlagern mit wöchentlichen «Viehmärkten» darauf warten mussten, adoptiert zu werden. Buben, die 1940 ihr 16. Altersjahr erreichten, wurden als «feindliche Ausländer» verhaftet und nach Australien deportiert. Viele von ihnen kehrten ein Jahr später nach England zurück, um in der britischen Armee zu dienen. «Alle hörten auf, Kinder zu sein und wurden gezwungen, Erwachsene zu werden», sagt Harris. «Sie mussten froh sein, gerettet zu sein und durften weder Zorn noch andere Emotionen zeigen. Trotzdem führten später alle \"Kinder\" ein produktives, volles Leben. Zwei gewannen einen Nobel-Preis. Leider folgte kein anderes Land dem Beispiel Englands.»
Der Film beginnt mit einer bedrückenden Montage von Gegenständen, die jedes deutsche Schulkind Ende der 30er Jahre kannte. Federn, Bleistifte und auch der traditionelle, mit Süssigkeiten gefüllte Schulsack, den die 6-Jährigen an ihrem ersten Schultag erhielten, fehlen nicht. Auch Kinderlieder wie «Hänschen klein» oder «Wenn ich ein Vöglein wär...» sind zu hören. Begleitet wird der Film durch ein gleichnamiges von Harris und Oppenheimer sowie durch eine Ausstellung im Washingtoner Holocaust-Museum.
JTA


