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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Die Erforschung des Alltäglichen

von Ellen Presser, October 9, 2008
Berühmt geworden ist Alphons Silbermann als Soziologe und Kommunikationswissenschaftler, genauer gesagt als Begründer der Massenkommunikationsforschung. Konsequenterweise wurde er darum auch schlagfertiger Altersstar in Fernsehtalkshows. Die «Erforschung des Alltäglichen» von der Wohn-, Schlaf- und Badezimmerkultur der Deutschen bis zur «Soziologie des Antisemitismus» war sein ganz eigener Versuch, das Wesen einer Nation auszuloten, die ihn einst radikal ausgestossen hatte. «Glücklich und bedeutend sein» - das war sein Lebensmotto. Der Tenor der Nachrufe auf den am 4. März 90-jährig Verstorbenen spricht dafür, dass es doch wahr geworden sein dürfte.
Alphons Silbermann. - Foto Keystone

Rechtzeitig zu seinem 90. Geburtstag am 11. August 1999 legte Alphons Silbermann zu seiner Autobiographie «Verwandlungen» unter dem Motto «Flaneur des Jahrhunderts. Rezitative und Arien aus einem Leben» eine Selbstreflexion in dreizehn Kapiteln vor über Werte, Erfolg, Glück, Arbeit und Vergnügen, Soziologie, Freundschaft und Liebe, Vereinsamung und Alter (erschien ebenfalls im Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach).In neun Jahrzehnten, den bewegtesten des 20. Jahrhunderts, hatte er «je nach den Umständen Vorsicht, Verachtung oder Mitleid» erfahren. Silbermann aus gutbürgerlichem jüdischen Elternhaus in Köln stammend, gehörte zu einer so gut wie vollständig ausgelöschten Spezies, jener der deutschen Staatsbürger mosaischen Glaubens. Als frisch promovierter Jurist war er 1934 aus Deutschland geflohen, schlug sich durch als Barpianist und Kellner in Paris, kam im fernen Sydney als höchst erfolgreicher Begründer einer Fast food-Kette wieder auf die Beine. Seine musiksoziologischen Arbeiten führten ihn Anfang der 50er Jahre nach Europa und in den hiesigen Wissenschaftsbetrieb zurück, den er als Doyen der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung sowie als Musikwissenschaftler nachhaltig prägen sollte. Silbermann war sich immer bewusst, dass er - was immer er erdacht oder veröffentlicht habe - «von Geburt, Herkunft, Erziehung, Lebensweise, Erfahrungen, Leiden oder Freuden her unumgänglich als Jude» sprach. Er definierte sich als «typischen Fall für einen gläubigen, aber nicht religiösen Juden». Dazu gehörte, dass er sein Leben lang das «von den Eltern zur Hand gegebene Gebetbuch der Israeliten» täglich benützte und die Jahrzeit der Eltern einer der regelmässigen Termine seiner Synagogenbesuche in seiner Heimatstadt Köln war. Unkonventionell in seinem Lebensstil, gelegentlich rücksichtslos offen im Umgang mit nervenden Zeitgenossen, legte Silbermann selbst Wert auf den ihm gebührenden Respekt. Immer bestand er auf der Anrede ’Herr Professor’. Schliesslich hatte er sich diesen Titel - gegen alle Widrigkeiten - redlich erarbeitet. Auch den würdigen Abgang für sein Lebensende hat er genauestens vorgeschrieben, bis zuletzt alles soweit als möglich unter Kontrolle haltend und seinem Sinn gemäss bedacht. Männliche Trauergäste wurden in der Traueranzeige an die notwendige Kopfbedeckung für den jüdischen Friedhof erinnert, statt Blumengebinden wünschte er sich Spenden für das gerade im Bau befindliche neue Jüdische Wohlfahrtszentrum in Köln. Als Soziologe hat Silbermann die Juden in Deutschland als «ethnische Minorität» betrachtet und eine Gefährdung durch den Verlust auch ihrer kulturellen Identität konstatiert. Mit seinem Reflexionen über «Schtetl-Mentalität» und seiner Kritik am religiösen und säkularen Establishment hat er sich trotz aller persönlicher Solidarität nicht gescheut, sich gründlich in die Nesseln zu setzen. Noch im Februar stellte der Rowohlt-Berlin-Verlag seine zusammen mit Manfred Stoffers erarbeitete Studie «Auschwitz: Nie davon gehört? Erinnern und Vergessen in Deutschland» vor. Was bei der Befragung heute 14- bis 50-jähriger im Nachkriegsdeutschland aufgewachsener Generationen an Wissen und Nichtwissen, Wertungen und Vorurteilen herauskam, ist Silbermanns letzte Mahnung geworden.


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