«Die Chancen für jüdisches Leben in Deutschland»
Jüdische Rundschau: Wie empfinden Sie sich als Nachfolger von Ignatz Bubis?
Paul Spiegel: In einer nicht leichten Situation, da die Erwartungshaltung nicht nur von jüdischer Seite aus gross gewesen ist. Ich habe nie versucht, Ignatz Bubis zu kopieren, es war vielmehr mein Anliegen, die Arbeit, die Bubis begonnen hat, fortzusetzen.
Jüdische Rundschau: Was war für Sie besonders positiv, was besonders negativ im abgelaufenen Jahr?
Paul Spiegel: Ich will mit dem Negativen anfangen. Nicht zu erwarten war insbesondere, dass in Deutschland Dinge passieren konnten, von denen nicht nur wir Juden glaubten, dass sie sich nicht mehr ereignen könnten. Diese Vorkommnisse mit rechtsradikalem antisemitischem und fremdenfeindlichem Hintergrund sind im vergangenen Jahr in erschreckendem Masse eskaliert. Besonders positiv war insbesondere der spontane Besuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder unmittelbar nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge. Er dokumentierte mit diesem Besuch, dass er nicht nur diese Tat verabscheute, er stellte sich hierdurch demonstrativ auf die Seite der jüdischen Gemeinschaft. Als weiteres positives Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang die harmonische und konstruktive Zusammenarbeit innerhalb der jüdischen Gremien hervorheben.
Jüdische Rundschau: Wie schätzen Sie den Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland ein?
Paul Spiegel: Extremismus und Antisemitismus finden sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Nur müssen wir feststellen, dass sich die Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund in Deutschland durch besondere Brutalität auszeichnen. Mit Sorge betrachten wir in letzter Zeit, dass antisemitische Klischees insbesondere in so genannten geistigen elitären Kreisen gepflegt werden und dies ist eine Neuheit.
Schwerpunktmässig finden zwar Rechtsradikalismus und Antisemitismus in Ostdeutschland statt, man muss jedoch stets dabei bedenken, dass die Keimzellen beider Erscheinungen in Westdeutschland liegen.
Jüdische Rundschau: Ist es sinnvoll, als Jude in Deutschland zu leben?
Paul Spiegel: Jeder Jude hat das Recht, dort zu leben, wo er es für richtig hält. Ich verstehe, dass ausländische Juden häufig kein Verständnis dafür aufbringen, dass Juden nach dem Holocaust auf dieser «verbrannten Erde» wieder leben können. Tatsache ist jedoch, dass es mittlerweile 83 jüdische Gemeinden mit insgesamt über 90 000 Mitgliedern gibt. Somit ist die jüdische Gemeinschaft die drittgrösste in Westeuropa nach Frankreich und Grossbritannien.
Jüdische Rundschau: Ist es sinnvoll, jüdische Gemeinden in Deutschland zu gründen?
Paul Spiegel: Da die Anzahl jüdischer Menschen in Deutschland in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen hat, war es zwangsläufig, dass neue Gemeinden in solchen Städten, in denen es bisher keine Gemeinden gab, neu etabliert wurden. Hiermit sollte den neu ankommenden Menschen das Gefühl einer geistigen Heimat vermittelt werden. Die Integration einer solch grossen Anzahl von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion stellt die etablierten jüdischen Gemeinden vor die grösste Herausforderung seit 1945. Daraus ergibt sich jedoch die Chance, jüdisches Leben in Deutschland zu konsolidieren und in den grösseren Gemeinden eine bedeutende Vielfalt jüdischen Lebens aufrechtzuerhalten.
Jüdische Rundschau: Wie ist Ihre Haltung zur liberalen Gemeinschaft?
Paul Spiegel: Ich bin nach wie vor ein engagierter Verfechter für den Gedanken der Einheitsgemeinde, bin jedoch der Auffassung, dass innerhalb der Einheitsgemeinde im Rahmen verschiedener religiöser Richtungen auch der liberalen ein Platz geboten werden muss. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen religiösen Gruppierungen im Judentum muss der gemeinsame Nenner die Halacha bleiben.
Jüdische Rundschau: Neben dem Zentralrat wollten sich in letzter Zeit noch andere Organisationen etablieren.
Paul Spiegel: Bei der doch insgesamt kleinen Zahl von 90 000 Mitgliedern sollte die jüdische Bevölkerung in Deutschland weiterhin durch eine einheitliche Organisation vertreten werden, dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Eine weitere Organisation halte ich nicht für sinnvoll, zumal dann eine abnehmende Effektivität nach aussen, insbesondere gegenüber den Behörden, zu erwarten wäre.
Jüdische Rundschau: Wie ist Ihr Verhältnis zu den einzelnen politischen Parteien?
Paul Spiegel: Zu allen demokratisch gewählten Parteien haben wir sehr gute Beziehungen, auch wenn mich einzelne Politiker nach meiner Berliner Rede vom 9. November 2000 besonders hart angegriffen haben. Hervorheben möchte ich das besonders gute Verhältnis zur Bundesregierung.
Jüdische Rundschau: Wie wirken sich die Ereignisse in Israel auf das innenpolitische Klima aus?
Paul Spiegel: Die Ereignisse im Nahen Osten haben selbstverständlich Einfluss auf die allgemeine Meinung der Bevölkerung. Die Politik in Israel wird bevorzugt von Menschen mit antisemitischen Klischees in der für sie typischen Weise interpretiert. Wir haben insbesondere die Sorge, dass es zu einer zunehmenden Kooperation zwischen islamischem Fundamentalismus und Rechtsradikalismus kommen könnte, dies insbesondere nachdem der Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge inzwischen aufgeklärt wurde.
Jüdische Rundschau: Was haben Sie von dem, was Sie sich vorgenommen hatten, inzwischen erreicht?
Paul Spiegel: Ich wollte mich mehr um die inneren Probleme der jüdischen Gemeinden kümmern, musste mich jedoch aufgrund der Ereignisse des vergangenen Jahres insbesondere Letzteren widmen. Ich hoffe jedoch, dass ich in den kommenden Jahren mehr Zeit für die innere Konsolidierung und den Aufbau jüdischen Lebens in Deutschland haben werde. Ein Judentum, wie es das vor 1933 gegeben hat, liegt m.E. in weiter Ferne. Aber die Tatsache, dass es wieder 83 jüdische Gemeinden in Deutschland gibt, ist für mich ein Wunder. Dies auf dem Hintergrund, dass erst vor 55 Jahren der grösste Völkermord der Geschichte in diesem Land stattgefunden hat.
Jüdische Rundschau: Wie sind Ihre Kontakte zum Schweizer Judentum?
Paul Spiegel: Inzwischen liegen mir aus der Schweiz einige Einladungen vor, ich konnte diese jedoch aufgrund des vollen Terminkalenders noch nicht wahrnehmen, habe aber den Wunsch, die Kontakte zu unserem Nachbarn zu pflegen und weiter auszubauen.
Im Rahmen des Europäischen Jüdischen Kongresses haben wir natürlich gute Kontakte zum SJG. Einer meiner Vizepräsidenten, Dr. Michel Friedman, pflegt diese Beziehungen besonders nachhaltig.
Jüdische Rundschau: Sie haben immer gesagt, Sie seien realistischer geworden, was meinen Sie damit?
Paul Spiegel: Bei meinem Amtsantritt war ich von grossem Optimismus getragen, auch heute noch bin ich Optimist, muss allerdings zugeben, dass mein Optimismus einige Dämpfer erfahren hat. Aber zur Resignation besteht keinerlei Anlass.
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Vertrauen erschüttert
Berlin / JTA - Seitdem er vor einem Jahr sein Amt als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland angetreten habe, sei sein Vertrauen in die BRD gesunken. Das erklärt Paul Spiegel gegenüber der Zeitung «Berliner Morgenpost». Die Menschen würden nicht mehr davor zurückschrecken, ihm ihre antisemitischen Gefühle direkt ins Gesicht zu schleudern. Zudem behauptet er, die deutschen Juden würden als «geldgierig», und der Fonds zur Kompensation von Zwangsarbeitern aus der Nazi-Zeit als «jüdische Ausbeutung» verschrien.


