Die bedeutungsvolle Umkehr eines Propheten
Jona ben Amital erhält von Gott den Auftrag, in eine heidnische, dem Götzendienst und der Sittenlosigkeit verfallenen Stadt zu ziehen und die Kunde auszurufen: Noch 40 Tage und Ninive wird zerstört. Wie Moses und Jeremia sucht auch Jona, sich dem Gotteswort zu entziehen. Doch nicht in einem Anflug der Bescheidenheit, im Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit. Er will nicht nach Ninive, weil er ahnt, dass seine Kunde zur Verkündigung werden wird. Anders als Moses und Jeremia, die sich letztlich dem Befehl unterwerfen, sucht Jona die radikale Lösung des Problems durch die Flucht. Er reisst aus - körperlich und geistig - besteigt in Yafo ein Schiff, um weit hinaus über das Mittelmeer bis nach Spanien zu fahren. Im Schiff fühlt er sich geborgen, wie einst im Mutterschoss, der ihn vor der Umwelt schützte. Hinab in den Rumpf steigt er, in die Lichtlosigkeit, in die Abgeschiedenheit. Doch vor Gott gibt es kein Entrinnen. Ein Sturmwind peitscht das Meer, Jona wird vom Kapitän aufgeweckt, die Matrosen suchen verzweifelt das Boot an den Strand zu bringen. Sie werfen Lose, um den am Sturm Schuldigen zu eruieren, und wie das Los auf Jona fällt und kein anderes Mittel mehr nützen will, werfen sie ihn - nach seinem eigenen Rat - ins Meer. Der bergende Schiffsleib, der ihn, der Mutter gleich, umgeben hat, gibt ihn preis. Er versinkt im feindlichen, todbringenden Wasser. Aus dem Dunkel des Schiffsrumpfs gelangt er für kurze Augenblicke ans Licht und ist abermals ins Dunkel der Tiefe gestossen.
Vor Gott gibts keine Flucht
Ein grosser Fisch, den Gott aufbietet, verschlingt den um sein Leben ringenden Mann. Im Dunkel des Fisches betet er zu Gott, lobt dessen Güte, weiss, dass von Ihm die Rettung kommen wird. Der Fisch speit ihn aus, Jona steht wieder im Licht, am Ufer des Meeres. Er ist wiedergeboren. Aber er ist nun anders. Noch nicht besser, nicht einsichtiger in seine wirkliche Aufgabe. Nur unterwürfiger, nachgiebiger, sich seiner Ohnmacht bewusster. Er weiss nun, dass er nicht einfach fliehen kann, nicht vor Gott und nicht vor sich selbst. Er muss sich seinen Pflichten stellen. Durch eigene Verfehlung ist er aus der schützenden Umhüllung des Schiffes in die gefährdende Wassertiefe hinaus geworfen worden. Durch eigenes Zutun, durch das Eingeständnis seiner Schuld ist er emporgestiegen. Was die Schrift uns durch Symbole andeutet - durch das Schiff, das Wasser, den Fisch, das Hinausgeschleudert- und wieder Hereingenommen werden Jonas - all das widerspiegelt einen seelischen Prozess, den man als den Prozess der Ich-Werdung, der Selbstfindung bezeichnen könnte. Im mythischen Bild wird unnachahmlich meisterhaft jene Phänomen gezeichnet, das nicht den frühen Propheten allein, sondern vielmehr auch den Menschen der Gegenwart angeht. Jonas Schicksal, selbstverschuldet, in der ganzen Tragik erlitten und durchgestanden, ist symptomatisch für jeden, der Probleme nicht lösen will, sie bis zur Neurose verdrängt, statt sich ihnen zu stellen. Aus der Verkrampfung, die durch die Flucht manifestiert wird, kann ihm nur die totale Konfrontation mit seinen Konflikten die Besserung, die Krampflösung bringen.
Prophet wider Willen
Der mit Gottes Wort Beladene ist nunmehr bereit, die Last zu tragen. Aber noch erkennt er den verborgenen Sinn dieses Wortes nicht, und es bleibt bis zum Ende des Buches fraglich, ob er ihn wirklich jemals erkennen wird. Von Jona wird aber auch nicht verlangt, dass er sich mit der Kunde identifiziert, dass er sie als seine eigene annimmt. Auch Bileam hat gegen seinen Willen sprechen müssen. Und selbst beim grössten aller Propheten, bei Moses, gibt es Passagen, die deutlich zeigen, dass er dem Inhalt seiner Aussage nicht zustimmt. Ein Prophet wider Willen ist Jona zweifellos. Aber er wehrt sich zumindest nicht mehr, Prophet zu sein. Mehr ist von ihm nicht gefordert.
Offen für einen Neubeginn
Wir aber, die jährlich am Jom Kippur zu Mincha das Buch Jona lesen, wir sollen das erkennen, was Jona verborgen geblieben ist: die dem Gotteswort entströmende Kraftfülle. Jona kündet in Ninive die bevorstehende Katastrophe an. Die Einwohner - keine Juden - verstehen diese Drohung als Aufruf, als Appell. Gott stellt keinen vor ein Fait accompli. Er lässt die Türe offen, die zum Neubeginn führt. Das will Jona nicht wahrhaben. Er ahnt es, aber er stemmt sich dagegen. In nationalistischer Verengung sieht er bloss sich selbst, vielleicht auch noch sein jüdisches Volk. Er sieht nicht die Heidenvölker, die nicht minder die Geschöpfe Gottes sind. Das Psalmwort «ewerachamaw al kol maasaw» (sein Erbarmen gilt all seinen Werken) nimmt er nicht wahr, weil er es nicht wahr haben will. Er leidet an einer Verengung des Gesichtsfeldes, an einer verkürzten Optik, die ihm den Blick in die Universalität versperrt. Deshalb ist er persönlich in seiner Ehre gekränkt, dass Gott Ninive nicht zerstört und die Verkündigung ein so erstaunliches Ergebnis bewirkt. Die Leute jener Stadt haben Gottes Wort nicht nur vernommen, sie haben es auch wirklich aufgenommen, als etwas, das sie persönlich angeht. Damit haben sie unendlich mehr getan als Jona. Er ist bloss gelöst von seiner Schuld der Selbstverweigerung, er ist neugeboren und damit fähig, Altes neu zu verstehen. Die letzte Konsequenz aber hat er nicht gezogen. Er ist kein neuer Mensch geworden, ist kein unbeschriebenes Blatt. Die Wiedergeburt führt nicht zu einem völlig unbelasteten Denken hin. Anders die Bewohner von Ninive. Sie haben die Stachel der Bosheit aus ihren Herzen gerissen und an seine Stelle die Menschlichkeit und Gottesliebe gesetzt. Ihre Umkehr ist vollkommen, weil sie bedingungslos, ohne Berechnung des Erfolgs verwirklicht wird. Sie setzen alles auf eine Karte, nachdem sie - wie Jona im Sturm - dem Untergang preisgegeben sind. Sie erkennen nicht bloss ihre Verfehlungen - das tut auch der Prophet - sondern sie lösen sich völlig von ihnen. Und darum werden sie gerettet.
Seelische Erneuerung
Jona war gewiss kein schlechter Mensch, nicht schlechter als einer von uns. Wie Jona reagiert hat, reagieren auch wir. Entweder schlagen wir blind zu oder wir fliehen, vor Feinden, vor unangenehmen Aufgaben. Wir errichten Umhüllungen, die uns Schutz bieten sollen und nur zu oft keinen bieten. Sie sind mit Scheinurteilen, mit imaginären Gedanken, mit Trugbildern durchwirkt und können der Bewährungsprobe nicht standhalten. Allzu oft schliessen wir die Augen, weil das Dunkel der Ungewissheit uns lieber ist als das grelle Licht der Wahrheit. Und dafür zahlen wir den Preis. Die Hüllen bersten, wir stürzen ins Wasser, in die Bodenlosigkeit. Rettung finden wir nur, wenn wir uns auffangen, wenn wir nicht fliehen, sondern uns stellen, wenn wir das Dringliche erkennen, das uns obliegt: Die Konfrontation mit den Problemen unseres Lebens. Eine seelische Erneuerung ist möglich, wenn sie ernst gemeint ist und ernsthaft erstrebt wird. Nur die Wahrheit, der wir ins Gesicht zu schauen bereit sind, kann unserem Dasein eine Wende bringen.
Es ist kein Zufall, dass die Geschichte vom fliehenden Propheten am Jom Kippur gelesen wird. Sein Erlebnis und das Aufhorchen der Leute von Ninive geben den Impuls, dessen wir bedürfen, um am Tag der Versöhnung und des neugeborenen Tuns den Weg in eine bessere Zukunft zu finden. Mögen wir die Kunde des kleinen biblischen Buches nicht überhören.
Die JR veröffentlicht regelmässig Texte aus dem Nachlass von Roland Gradwohl.


