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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Dialog-unfähig

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Die Zeit: Montag, kurz vor 18 Uhr. Der Ort: Der Zionsplatz im Zentrum von Jerusalem.
Ein dichter Strom von Menschen bewegt sich durch die Jaffa-Strasse in Richtung auf die Altstadtmauern, wo die Kundgebung für die Einheit der Stadt bevorsteht. Mit einem Male beginnen 20-30 Polizisten auf dem Platz vor dem Banken-Hochhaus Stellung zu beziehen, wo sie einen Kreis um eine Hand voll, meist jugendlicher Israelis bilden, die, ausgerüstet mit einem grossen Rabin-Bild, Transparenten mit Aufschriften wie «Auch vor 5 Jahren hat es so begonnen», und einigen Schlagstöcken eine Mini-Demo abhalten wollten.
Hauptaufgabe der Polizisten war es, jeglichen Kontakt zwischen den vorbeimarschierenden Jerusalem-Demonstranten und den Rabin-Nostalgikern zu verhindern. «Bleibt wachsam, aber lasst euch in keine Gespräche ein», rief der kommandierende Offizier seinen Leuten zu. Gruppen mit unterschiedlichen Meinungen sollen nicht mehr miteinander debattieren, sondern werden durch ein Polizeiaufgebot voneinander getrennt, und auch die Ordnungshüter erhalten Befehl, sich auf keine Diskussionen einzulassen. Israels Gesellschaft wird offenbar zusehends Dialog-unfähig.
Die Sicherheitskräfte waren derart in der Überzahl, dass man die Demonstranten nur entdeckte, wenn man stehen blieb und genau hinschaute. Ein Jüngling mit schwarzem Samtkäppchen auf dem Kopf und aus dem Hemd hängenden Zizit (Schaufäden) machte die «Gegner» aber aus. «Verschwindet doch», rief er in einem Gemisch aus amerikanischem Englisch und mangelhaftem Hebräisch. «Wer braucht euch hier, Nazis, Schweine?» Weil ich direkt neben dem Jüngling stand, fragte ich ihn, was dagegen einzuwenden sei, wenn Israelis ihre Mitbürger ermahnen, nicht zuzulassen, dass erneut eine Stimmung entsteht, die einem Yigal Amir Vorwand geben könnte, abzudrücken. Als der Glaubensgenosse weiterschimpfte, wollte ich wissen, ob er denn einverstanden sei, Differenzen mit politischen Morden zu bereinigen. «Ach, was solls?», fragt er und zieht vergnüglich an seiner Zigarette. Rabin sei ja auch ein Mörder gewesen, habe er doch das Leben von 35 Juden auf dem Gewissen. Dann entdeckt der Solo-Demonstrant das Käppchen auf meinem Kopf: «Was? Du bist einer von uns?» Dann überlegt er kurz: «Nein, du bist ein Verräter.» Für mich war der Moment gekommen, den Gesprächs-Versuch abzubrechen.
Einige Meter weiter stosse ich auf eine Familie aus der Nachbarschaft. Sie war auf dem Weg zur Kundgebung. «Weisst du», meint Debbie, die Mutter, «die Kinder brauchen mindestens eine Demo pro Woche, um Dampf abzulassen. Sie sind extrem gereizt und sprechen ständig von der Bildung eines Untergrundes, oder davon, arabische Läden zu stürmen und zu verwüsten.» Ob sie ihren Kindern erkläre, will ich wissen, dass weder mit einem Untergrund noch mit dem Verwüsten von Geschäften Lösungen zu erzielen seien. Debbie schaut mich stumm an, macht kehrt und setzt ihren Weg in Richtung Jaffator fort.
Israels Gesellschaft scheint effektiv Dialog-unfähig oder -unwillig zu werden.





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