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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der vermutete Schatz im Toplitzsee

von Anton Legerer, October 9, 2008
Der mehr als 100 Meter tiefe Toplitzsee im steirischen Salzkammergut übernimmt in diesem Sommer die Rolle des schottischen Loch Ness: mit finanzieller Beteiligung des US-Fernsehsenders CBS, der die gesamte Mission - exklusiv - in einem Dokumentarfilm für die Sendung «Sixty Minutes II» verarbeiten will, und des Wiesenthal-Centers in Los Angeles sucht die auf Tiefseebergungen spezialisierte Firma Oceaneering (prominentester Erfolg: die Titanic) nach Dokumenten, die jene bis in die allerletzten Kriegstage hier verschanzt gewesenen Nazi-Grössen versenkt haben sollen. Ziel der Suche sind vorrangig jene Dokumente, die Aufschluss über geraubtes jüdisches Vermögen auf Nazi-Konten in der Schweiz geben könnten.

Die Gerüchte wurden unter anderem von Augenzeugen genährt, die in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945 zwei Lastkraftwagen aus dem Konzentrationslager Ebensee beobachtet haben wollen. Die Fahrt soll in einer Sackgasse im Felskessel des Toplitzsees geendet haben, wo SS-Männer die unbekannte Fracht in Fischerboote verladen haben und in die Mitte des Sees gebracht haben sollen. Zurück wären sie mit leeren Booten gekommen. Seitdem hält sich die Vermutung, in diesen Kisten hätten sich die letzten Goldreserven des dritten Reichs oder zumindest Hinweise auf Vermögensdepots befunden. Zudem kamen nach der Entdeckung einer in russisch beschrifteten Kiste bei einer U-Boot-Suche Spekulationen auf, das berühmte Bernsteinzimmer wäre in den letzten Kriegstagen im Toplitzsee versenkt worden. Andere Zeugen traten auf und berichteten, dass eine seit 1942/43 am Toplitzsee gelegene Marineversuchsanstalt der Wehrmacht schon in den Monaten von März bis April 1945 Unterlagen über Geheimwaffen in den Bergsee versenkt hätte.
Schon unmittelbar nach Kriegsende sollen Scotland Yard und die amerikanische Abwehr Tauchexpeditionen durchgeführt haben, die allerdings erfolglos blieben. Die Gerüchte führten 1959 zu einer von einem deutschen Suchteam durchgeführten Tauchaktion, bei der Kisten mit im Rahmen des «Unternehmen Bernhard» gefälschten Pfundnoten sowie Kisten mit Papieren des Reichssicherheitsdienstes geborgen wurden. Weitere Suchaktionen 1963 und 1982 brachten weitere gefälschte Pfundnoten sowie die Druckplatten zum Vorschein. Es wurden auch gefälschte Briefmarken, Sprengstoff, Waffen und andere Kriegsrelikte, nie aber Gold sichergestellt. Der letzte genehmigte Tauchgang 1986 endete mit der Entdeckung eines bislang unbekannten Wurms. Dennoch ist die Spekulation um geheime Dokumente und einen Goldschatz im Toplitzsee nie ganz zum Erliegen gekommen.
Seit Beginn der jüngsten Suche sollen etwa 100 Gegenstände mit Hilfe der Sonarkartographie durch einen Roboter im See geortet worden sein. Sie sollen nun näher auf ihre Bergewürdigkeit untersucht werden. Die Bergung wird auch von Vertretern der steirischen Sicherheitsbehörden und des Entminungsdienstes beobachtet. Werden tatsächlich Dokumente gefunden, sollen sie nach Paris zur Konservierung gebracht werden. Geortete Kriegsmaterialien sollen in der Folge von den österreichischen Behörden geborgen werden.
Die ersten Bergungsversuche letzten Sonntag waren erfolglos. Jetzt ist das US-Forscherteam dabei, die Bergungsvorrichtung umzubauen. Ausserdem wird neues Gerät - ein so genannter bemannter Tauchanzug - aus den USA eingeflogen. Mittlerweile wird die Zeit knapp: die Bewilligung für das Suchunternehmen gilt nur bis 15. Juli.





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