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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der Mann hinter den Bildern mit den Geschichten

von Yves Kugelmann, October 9, 2008
Der Tod ist in den Medien oft nicht viel mehr als eine profane Information, wie so vieles andere. Nur selten schreckt ein Meldung, eine Story noch auf, nur selten werden Emotionen geweckt. Routine - nichts schlechtes - nennt sich das. Als jedoch die Meldung vom Ableben des Presseagenten Frank Dukas letzte Woche per Fax in die Schweizer Redaktionsstuben flatterte, war dies für viele abgebrühte Redaktoren ein Stich ins Herz. Für die meisten war er zwar nur die Stimme vom Telefon, über Jahrzehnte hinweg. Für ganz wenige ein Vertrauter, Berater und Freund. Doch alle wussten: ein wichtiger Zeuge, ein elementares Stück Schweizer Pressegeschichte, ein liebevoller Mensch mit Zivilcourage ist gegangen. Erinnerungen an eine unbekannte Geschichte.
Frank Dukas (1928-2000). - Foto Archiv JR

Abschied war seine Sache nicht. Am Telefon, wenn man sich traf, die Verabschiedung geriet zur Nebensache. So auch letzte Woche, und für alle wie aus heiterem Himmel, als Frank Dukas nach kurzer Krankheit verstarb. Abschied nahm er nicht, keine Trauerfeier, keine Todesanzeigen; er wollte dies nicht. Seine Zurückhaltung war keine falsche Bescheidenheit, er wollte sich nicht aufdrängen, liess sich nicht bedrängen.
Über Jahrzehnte war Frank Dukas eine der wichtigsten Bausteine der Schweizer Presselandschaft. Für die meisten äusserte sich dies als unsichtbare Stimme am Telefon. Presseagentur Dukas war oft die letzte Anlaufstation verzweifelter Redaktoren, um an Texte, Fotos, Journalisten oder gar Arbeit ranzukommen. «Ruf den Dukas an...». Auch bei der JR ein geflügeltes Wort im rauen Redaktionsalltag. Antwort gab er immer, nahm sich Zeit, wusste Rat. Wie oft geschah es, dass noch Tage nach einer nebensächlichen Anfrage Frank Dukas zurückrief. Er hatte sich kundig gemacht, lieferte Informationen, Namen, Ideen. Das Telefonat endete eben nicht beim Auflegen. Er nahm die Menschen und die Themen ernst.
Die Presseagentur Dukas ist in der Schweiz seit langem ein Begriff und eine Institution. Unmittelbar damit verbunden der Name Frank Dukas. Nicht wenige, die mit ihm zusammenarbeiteten und oftmals fast täglich mit ihm zu tun hatten, kannten ihn nur vom Telefon. Getroffen haben sie ihn nie. Mit der jederzeit aufgestellten Stimme am Telefon, mit viel Humor, dazwischen durchaus energisch, war Dukas im hektischen Zeitungsalltag das andere. Nie im Stress, aber kurz angebunden, war ein Gespräch mit ihm mehr als eine Bestellung. Immer - oft ein passender Witz (Dukas: «Kennen Sie den schon?») - waren es anregende und geistreiche Dialoge. Die leise Ironie in seiner Stimme, die zwischen Bass und Tenor hin und her hüpfend, blitzschnell agierte, reagierte, gehörte zum Redaktionsalltag, wie das Rattern des Telex, Fax oder Drucker.

Das «Wespennest»

Dukas brachte die Leute zum Lachen, zum Nachdenken. Sein Humor allerdings entstammte der ernsten Seite des Lebens. Der frühe Tod des Vaters zwang Dukas Mutter Lotte in den Vorkriegsjahren, die Familie - Tochter und Sohn - durchzubringen. Aufenthalte in Berlin oder Wien und in Kinderheimen prägten die Kindheit von Frank Dukas. Im Kreis 6 und später Zürcher Seefeld gründete die Mutter vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eine Schreibstube, die bald zum Treffpunkt von Journalisten und Immigranten wurde. «Das Wespenest», wie es genannt wurde, avanciert zum Geheimtreff der Intellektuellen, unter ihnen viele Juden. Schriftsteller und Journalisten, wie Robert Jungk, Frank Arnau, trafen sich dort, arbeiteten für Lotte Dukas, schrieben Artikel für Zeitungen, Zeitschriften und Agenturen. Bereits im Alter von 10 Jahren half der kleine Frank, Texte zu redigieren. Und so wurde die Pflicht zur Tugend. Täglich half er seiner Mutter nach der Schule bei der Arbeit. Frank Dukas war Autodidakt, alles was er tat, hatte er sich selbst beigebracht, alles selbst erarbeitet. Eine Universität hatte er nie besucht, aber er war ein Intellektueller. Sein Fundament war die Erfahrung und ein grandioses Gedächtnis. Heute würde Dukas in der Schule wohl als Hochbegabter eingestuft. Ein überaus sensibler, immer ein wenig kränkelnder Knabe, gross gewachsen, überaus musikalisch, dann ein eleganter Mann von Welt, mit viel Charme, Stil und dem typischen Lächeln, dem liebevollen, väterlichen Lächeln im stets jugendlich wirkenden Gesicht. Seine 72 Jahre hätte ihm niemand gegeben. Die Schule hatte ihn stets gelangweilt. Eigentlich hätte er nach dem Handelsabschluss eine akademische Laufbahn einschlagen wollen, Professor für Ökonomie wollte er werden. Doch die Situation in den Kriegsjahren, das fehlende Geld und die Arbeit, verschlug Dukas in die Presselandschaft. Seine Mutter und er bauten eine der wichtigsten Presseagenturen der Schweiz auf. Bis Ende der 80er Jahre betreute Dukas Korrespondenten in der ganzen Welt, vermittelte Texte, Journalisten, Rätsel, Comics, Karikaturen, war Schaltzentrale und Schnittpunkt für die wichtigsten Blätter und Auslandredaktionen der schweizerischen Medien. Die grossen Namen - Elias Canetti, Max Brod, Curt Ries - des Schweizer und Ausland-Journalismus vermittelte Dukas, minuziös bearbeitete er ihre Texte und war unfreiwilig Archiv und Informationszentrum. «Ruf den Dukas an...», er wusste Rat. Er wurde Berater und Agent von vielen grossen Namen. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Jean Améry, den er neben so vielen anderen über Jahrzehnte auch als Agent vertrat. In den letzten Jahren verlagerte er die Agenturtätigkeit zunehmend auf den Fotobereich.

Das andere

Ständiger Bezugspunkt in seinem Leben war seine Kindheit - auch die tragische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts - und die Zeit im legendären «Wespennest». Doch es war eine ambivalente Sehnsucht. Es war oft die Trauer über das, was ihn von anderen unterschied, die verpasste Kindheit, die Jugend in Armut und Krieg, die Trauer über den Jungen, der - kaum konnte er fliessend lesen - mit Worten und später Bildern zu arbeiten hatte. Es war nicht Selbstmitleid, auch nicht Stolz, vielleicht Schicksal. Dukas war anders. Er dachte schneller, war sensibler, lustiger und trauriger, substanzieller. Dukas war anders und er war Jude. Wie oft dauerten Gespräche mit ihm bis tief in die Nacht. Nicht nur, weil er ein begnadeter Geschichtenerzähler war. Was er sagte, war intelligent, und vor allem natürlich, oft kindlich. Dukas war ernster. All dies und die nicht unkomplizierte Beziehung zu seiner Mutter, mit der er bis zu ihrem Tod zusammenlebte, brachten Frank Dukas zur Psychoanalyse. Den zweiten Bezugspunkt in seinem Leben. Er begann zu sezieren, aufzuarbeiten, zu hinterfragen, zu begreifen. Der Kopf, der ständig dachte, begann Antworten zu finden, die ihm lange verschlossen waren. Er begann zu begreifen und vielen anderen zu helfen. Das Judentum war der dritte Bezugspunkt. Einen kulturellen Zugang, wie er immer wieder sagte, hatte er dazu. Eine Beschreibung, für das permanent Präsente bei ihm, für die Identität, die nicht auf Wissen sondern Fühlen gründete, die sich als Selbstironie, Zivilicourage und Ethik artikulierte. Das Judentum war letztlich immer wieder der unscheinbare Mittelpunkt in den Gesprächen, vor allem und immer unausgesprochen, die Frage nach der jüdischen Verfolgungsgeschichte. Sein bester Freund - er kannte ihn seit seiner Kindheit - der jüdische Arzt, war in den Gesprächen immer wieder der Ausgangspunkt für das Thema Judentum. Doch immer, wenn er über seinen Freund, den jüdischen Arzt, zu sprechen begann, redete er über sich selbst, über das, was ihm in dieser Art in seiner Kindheit fehlte.

Die einzige Erinnerung

Die Presseagentur in Zürich läuft weiter, auch ohne Frank Dukas. So wollte er es. Das Buch mit den Erinnerungen des Geschichtenerzählers wird es nicht geben. Die Kapitel waren besprochen, doch in Wirklichkeit wäre es nie geschrieben worden. Dukas war zu bescheiden und zu ehrlich, um die Wahrheit unverhüllt der Welt entgegen zu werfen. Er war der Mann im Hintergrund, der über so ziemlich alles informiert war. Die Erinnerungen an das «Wespennest», über das die Schweizer Behörden scheinbar bestens informiert waren und doch nie etwas dagegen unternahmen, wird es nicht zu lesen geben. Dukas erklärte immer wieder, jemand in der Verwaltung - und er wüsste bestimmt nicht wer (!) -, hätte die absolut «illegale Beschäftigung meiner Mutter» mit den schwarzen Mitarbeitern gedeckt. So wird nicht viel an Dukas erinnern, nicht einmal ein Grabstein. Doch, vielleicht etwas. Dukas schrieb auch. Jahrelang, nicht oft, dafür umso gezielter, schrieb er neben vielem anderen pointierte Leserbriefe. Hauptthema waren stets der Kampf gegen Ungerechtigkeit, der Einsatz für Minderheiten. In der JR schrieb er Kolumnen, die letzte hiess «Zivilcourage - oft ein Fremdwort». Und gerade in diesen Tagen schrieb er am stundenlang besprochenen Text, über jüdischen Humor. Letzte Woche rief er an und meldete, «ich bin fast fertig mit dem Text». - «Lassen Sie sich Zeit.» - «Ja, die brauche ich auch.»

*****

Dukas und die JR

Die JR arbeitete seit über zwei Jahrzehnten eng mit Frank Dukas zusammen. Für ihn war die JR kein grosses Geschäft, doch ein persönliches Anliegen, das er tatkräftig förderte. Mit den Jahren entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen der Verlegerfamilie Ungar-Abisch und ihm. Er stand jahrelang als Berater und Freund zur Seite und unterstützte die Zeitung mit Know-how und Ideen.


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