Der letzte IDF-Soldat hat Libanon verlassen
Nicht schlecht staunten die Bewohner von Metulla an der israelisch-libanesischen Grenze, als die Strassen ihres Ortes sich am Mittwochmorgen, kurz nach ein Uhr mit Tanks und anderen Militärfahrzeugen, aber auch mit Autobussen zu füllen begannen. Als sie sich der Fahrtrichtung der Kolonne - von Norden nach Süden - bewusst wurden, ging ihnen ein Licht auf: Der Rückzug aus der «Sicherheitszone» war in vollem Gange. Gegen vier Uhr dann war alles zuende. Erstmals seit 22 Jahren befand sich kein einziger IDF-Soldat mehr auf libanesischem Territorium. Obwohl die pro-iranische Hizbollah-Miliz die abziehenden Israelis mit Mörser- und Artilleriefeuer belegten, verlief die Operation ohne Verluste. Bei ihrem Abzug sprengten die Soldaten die meisten Stellungen in der «Zone», und die Luftwaffe vernichtete einen Grossteil der Waffen, welche die mit Israel verbündete «Südlibanesische Armee» (SLA) bei ihrer überstürzten Selbstauflösung in den letzten Tagen zurückgelassen hatte. Ironie des Schicksals und vielleicht Vorbote des zu erwartenden: Die Bewohner von Israels Norden erlebten die Heimkehr ihrer Soldaten in den Unterständen, wo sie sich wegen möglicher Katyusha-Angriffe der Hizbollah seit Dienstag befunden hatten.
Triumph der Hizbolla
Mit Schlagzeilen wie «Tag der Erniedrigung» oder «Mit eingezogenem Schwanz» begleiteten am Dienstag die meisten israelischen Medien den Zusammenbruch der südlibanesischen «Sicherheitszone» und den Triumph der Hizbollah. Auf den ersten Blick dürfte die israelische Armeeführung tatsächlich kaum mit Glücksgefühlen an die Geschehnisse der letzten Tagen an seiner Nordgrenze zurückdenken; von den Empfindungen der SLA ganz zu schweigen. Dem ersten, oberflächlichen Blick sollte gerade in diesem Falle aber ein zweiter, etwas tiefergehender folgen.Auf den ersten Blick präsentiert sich dem Beobachter in Südlibanon ein Paradebeispiel für das Hin- und Herschwingen des historischen Pendels, das sich in dieser Region zugegebenermassen in einem recht hohen Rhytmus bewegt. 1982, zu Beginn des Libanon-Krieges, wurden die israelischen Truppen von der libanesischen Lokalbevölkerung mit Jubel und Schulterklopfen begrüsst, hatten sie das Zedernland doch vom Joch der palästinensischen Präsenz befreit. Mit dem Aufkommen der Hizbollah-Miliz und deren Erfolgen bei der Unterstützung der Bevölkerung auf wirtschaftlich-sozialem Gebiet wandten die Südlibanesen (ausgenommen die SLA-Leute und deren Angehörige) sich aber sukzessive von den Israelis ab. Nun wird die Hizbollah beweisen müssen, dass sie reif genug ist, sich auf die politisch-gesellschaftlichen Anliegen des Südens konzentrieren zu können und die Waffen niederzulegen. Andernfalls könnte in der nun «befreiten» Sicherheitszone rasch ein Flächenbrand ausbrechen, und die Hizbollah würde die Sympathie der Zivilisten im Nu verlieren.
Abzug in «real time»
Natürlich sind die Geschehnisse vom Montag militärisch gesehen für Israel kein Ruhmesblatt. Ohne dass auch nur ein Schuss gefallen wäre, marschierten die Hizbollah, vorwiegend in Zivil, in über 20 südlibanesische Dörfer ein und übernahmen rund 30 Militärpositionen. Die pausenlose Präsenz libanesischer und ausländischer TV- und Radiostationen - eine taktische Meisterleistung der strategischen Planer bei der Hizbollah - führte zudem dazu, dass die ganze Welt in «real time» Kenntnis bekam von dem beinahe folkloristisch zu nennenden Einmarsch der Bevölkerung in die Dörfer, die sie teilweise vor vielen Jahren hatten verlassen müssen. Fast lächerlich nahmen sich dabei die Versuche von IDF und SLA aus, den Marsch der fahnenschwingenden Libanesen durch einige wenige Schreckschüsse aus Artillerie- und MG-Stellungen aufzuhalten. Dass den Israelis die Hände gebunden waren, konnten sie doch nicht vorsätzlich in Ansammlungen unbewaffneter Zivilisten hineinschiessen, nahm den übermittelten Bildern nichts von ihrer aus israelischer Sicht extremen Peinlichkeit. Auch die Szenen, in denen SLA-Angehörige ihre bisherigen israelischen Waffenbrüder anflehten, sie die Grenze nach Israel überschreiten zu lassen, festigten das Gefühl, der Hizbollah sei es, für einmal ohne Finger am Abzug, gelungen, den Gegner «mit heruntergelassenen Hosen» (Yediot Achronot) zu überraschen. Bis Dienstagabend hat Israel rund 3000 SLA-Leute und ihre Familienmitglieder aufgenommen. Innenminister Sharansky versprach ihnen zunächst einmal den Status von Touristen mit Arbeitsbewilligung.
Ein ruhige Leben in Frieden
Neben den oberflächlichen, sensationshaschenden Schlagzeilen konnte man aber auch differenziertere Stimmen zur Kenntnis nehmen. Die «Jerusalem Post» etwa schrieb am Dienstag, die massenweise Rückkehr libanesischer Zivilisten in den Süden (1982 lebten dort über 250000 Menschen, heute sind es noch rund 100000) könnte einen «verborgenen Segen» beinhalten. Die Hizbollah sieht sich nämlich unvermittelt (vielleicht aber nicht unvorbereitet) mit der Verantwortung für Menschen beladen, die nichts anderes wollen, als ein ruhiges Leben in Frieden zu führen. Will die Miliz dieser Verantwortung gerecht werden, muss sie ihre Prioritäten ganz klar von der militärischen auf die zivile Ebene verschieben. Davon könnte letztlich auch der Norden Israels profitieren, der sich nicht weniger als die Nachbarn auf der anderen Seite des Grenzzauns nach Ruhe und Stabilität sehnt. Als aber die Bewohner von Ortschaften wie Margaliot und Manara am Montag die jubelnden Hizbollah-Kolonnen keine 500 Meter vom Grenzzaun entfernt vorbeifahren sahen, gab es wohl keinen, der dieses physische Näherrücken des Erzfeindes nicht mit sehr gemischten Gefühlen verfolgt hätte. Nachdem aber die Schiiten-Miliz letztenendes nur ein kleines, von mächtigen Herren abhängiges Rädchen in der riesigen Maschinerie des Nahen Ostens ist, bleibt zu hoffen, dass die Aengste der Einwohner von Kiryat Shmoneh, Metulla usw. sich als grundlos erweisen, und dass die Hizbollah ihren Traum von einem Marsch auf Jerusalem ebenso begraben wie Israelis und Palästinenser ihre Träume von eigenen Staaten zwischen Mittelmeer und Jordanfluss begraben haben. Premierminister Ehud Barak jedenfalls gab sich am Dienstag recht optimistisch. «Wenn der Nebel sich einmal gelichtet hat, wird sich zeigen, dass wir die richtigen Massnahmen zu friedlichen Rückführung unserer Soldaten getroffen haben», meinte er und fügte hinzu, für die Handlungen der Hizbollah seien die Regierungen in Beirut und Damaskus voll verantwortlich. Mit seiner Warnung, Israel werde «mit aller Härte» auf Angriffe von jenseits der Grenze reagieren, wiederholte Barak Worte, die in der Vergangenheit schon oft zu hören gewesen waren. Die Menschen im Norden wurden dabei vom fast ebenso häufigen Ausbleiben einer dezidierten militärischen Antwort Israels derart enttäuscht, dass sie heute Probleme haben, in den Äusserungen Baraks mehr als nur leere Lippenbekenntnisse zu sehen. Schon mehr Gewicht dürfte die Warnung von Generalstabchef Shaul Mofaz haben, jeder Angriff auf israelisches Gebiet werde «härteste Reaktionen» Israels gegen libanesische und syrische Interessen zur Folge haben. Die Situation nach dem nun täglich zu erwartenden Abzug des letzten israelischen Soldaten aus der «Zone» wird insofern eine andere als bisher sein, als dass eventuelle Angriffe der Hizbollah sich dann gegen einen souveränen Staat richten würden, dem gemäss internationalem Recht alle Optionen der Reaktionen offenstehen würden.
Brief an die UNO
In einem Brief an die UNO und verschiedene Politiker der Welt beschuldigte Premier Barak zudem die Syrer, Israels Rückzug behindert und die Lage der Palästinenser in Libanon zynisch ausgenutzt zu haben und zudem Iran und die Terroristen im Zedernland nach Belieben schalten und walten zu lassen.Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Israels Abzug aus der «Sicherheitszone» ein Ende mit Schrecken bedeutet, oder ob er der Beginn eines Schreckens ohne Ende gewesen ist. Stellt man auf Hizbollah-Generalsekretär Scheich Hassan Nasralla ab, dürfte es für Israel noch zu früh sein, die Hände in den Schoss zu legen. Solange wie Israel nicht eine kleine Ortschaft an den Abhängen des Hermons dem Libanon zurückgebe und alle libanesischen Gefangenen freilasse, werde, so erklärte Nasralla an einer Massenkundgebung in Beirut, werde die Hizbollah den bewaffneten Kampf fortsetzen. Die Ortschaft Hawat Shabah gehört nach Angaben der UNO zu Syrien. Dessen ungeachtet tut Israel gut daran, die neuen Befestigungen und Positionen entlang der libanesischen Grenze möglichst rasch fertigzustellen.Das Ende der «Sicherheitszone» hat innenpolitisch in Israel zwei Folgen gehabt. Erstens gab die Shas-Partei, sie stelle sich angesichts der brenzligen Lage voll hinter die Regierung und lege die Differenzen (Finanzierung ihres Schulnetzes und den Streit mit Erziehungsminister Yossi Sarid und seiner Meretz-Partei) vorerst auf Eis. Auch die diversen Abstimmungen in der Knesset, u.a. über einen Vorschlag für vorgezogene Wahlen, wurden verschoben.
Die innenpolitische Konsequenz
Likud-Chef Ariel Sharon demgegenüber nutzte die «Gunst der Stunde» und warf Barak vor, mit seiner Politik den «Frieden in weite Ferne zu rücken». Vor dem Hintergrund der eigenen, mehr als zwiespältigen Haltung in der Anfangsphase des Libanon-Krieges und während des Massakers von Sabra und Shatilla, die letztlich Menachem Begin zum Rücktritt zwang, hätte man von Sharon etwas mehr Zurückhaltung erwarten dürfen.


