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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der Lapsus

von Yves Kugelmann, October 9, 2008

Es ist also ein kurzer Brief, den der SVP-Nationalrat Christoph Blocher mit viel Mediengetöse und noch mehr parlamentarischer Theatralik zu Fall bringen soll; notabene und wohl kaum zufälligerweise knapp eine Woche vor den Wahlen.
Noch nicht lange ist es her, da war es ruhig um Blocher, keiner bewegte sich, wenn die Züricher SVP mit der AUNS im Rücken nach rechts abdriftete. Viele Politiker und nicht wenige Medien benutzen das Thema nun als Trittbrett in eigener Sache. Die Regierungsparteien SP, CVP, FDP einigten sich nun geschwind zu einer gemeinsamen Inseratenkampagne; auch diese frohlockende überparteiliche Einigkeit stellt sich erst praktisch unmittelbar vor den Wahlen ein. Und, nicht nach dem Fall Fischbacher, nein, nach dem Fall Blocher, gibt die FDP gar eine Broschüre gegen Rechtsextremismus heraus. Ob da hinter alle dem die überparteiliche Moral oder vielleicht doch etwas anderes als Motiv steckt? Hauptsache, sollte man meinen, der Blocher ist endlich weg vom Fenster. Ist es aber wirklich so einfach? Holocaust-Leugner, Dankesbrief, Publizitätsrummel?
Nichts ist leichter, als jemanden mit dem Antisemitismus-Vorwurf zu Fall zu bringen. Blocher ist ein Populist, ein Demagoge und ein Opportunist, vor dem Hintergrund seiner SVP-Inseratekampagnen vielleicht sogar fremdenfeindlich. Ist er ein Antisemit? Und wenn dem gegen alle Zweifel so wäre, warum muss einer erst als Antisemit «geoutet» werden, damit die Gemüter sich zu regen beginnen. Ist die Sache wirklich so einfach oder machen es sich verschiedene Politiker so einfach?
Vielleicht oder sogar sehr wahrscheinlich ist der Graf-Brief tatsächlich nur ein «Lapsus». Dieser bereitet Blocher aber deshalb solche Schwierigkeiten, weil er es unterlassen hat, sich in der Vergangenheit gegen rechts, vor allem gegen das undemokratische Rechts abzugrenzen, mehr noch, weil er immer auch «rechts» für sich nutzen wollte. Wenn er sich nun also als Opfer einer Kampagne sieht, ist er höchstens eines seines eigenen Opportunismus.
Glauben wir Blocher sogar, wenn er in die Kamera haucht, er sei «kein Antisemit, kein Rassist, kein Holocaust-Leugner». Das wollen wir aber ebensowenig hören wie eine herbeigezwungene Entschuldigung. Wir wollen Taten sehen. Eine davon wäre, sich ganz unmissverständlich von rechtsextremistischen Einflüssen abzugrenzen. Und dann wäre da noch die AUNS, die ausserparlamentarische Lobby ohne Spielregeln, Forum allerlei Sorten Rechtsdenkender. Sie lässt so einiges an Fragen im Raum stehen. Die Fakten sind für die, die sehen wollen, schon lange bekannt (vgl. Artikel S. 6+7). Das jetzige Spektakel führt die Scheinheiligkeit bis zum Absurdum. Blocher ist Blocher, weil ihn alle gewähren liessen, weil alle seine Inserate (ausser der JR, vgl. Nr. 40) bis jetzt druckten. Blocher ist Blocher, weil die übrigen Regierungsparteien mehr als genug frustriertes Wählerpotenzial ihm überlassen haben.
Wem schadet das Ganze schliesslich und wem nutzt es. Nutzen tut es niemandem. Schaden tut es den Juden. Denn die Antwort von rechts kam schnell. Am Dienstag wurden in der SVP-Hochburg Zürich mehrere Wahlplakate einer jüdischen Kandidatin mit Hakenkreuzen und Davidsternen beschmiert.





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