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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der jüdische Biss der deutschen Kultzeitschrift «Simplicissimus»

von Hanna Rheinz, October 9, 2008
Was ist der Unterschied zwischen einem Mops und einer Bulldogge? Eine Ausstellung in München zeigt das Werk des grossen Malers, Zeichners und Majestätsbeleidigers Theodor Thomas Heine, dem Mitbegründer und Ideengeber der berühmten satirischen Zeitschrift «Simplicissimus», deren Signum, die rote Bulldogge, aus seiner Feder stammte.
Thomas Theodor Heine: «Tote stehen auf.» Foto PD

Die Bulldogge, so wie der Maler, Zeichner und Karikaturist Thomas Theodor Heine sie sah, nämlich als Kampfhund der Jahrhundertwende, sollte den behäbigen Bürgern an die Gurgel gehen und sie zum kritischen Nachdenken bewegen, der Mops hingegen, für manche Inbegriff der deutschen Spiessigkeit, war leibhaftig Schosshund des gefürchteten Zeitkritikers selbst. In Begleitung seiner Möpse begab sich Heine auf Gesellschaften und Empfänge, und man darf bezweifeln, dass er dies wirklich nur tat, um zu provozieren. Restlos aufklären wird man dies freilich nicht, denn Heine, der ausserdem Möpse züchtete und Mopsfiguren sammelte, blieb die Antwort darauf schuldig. Und doch könnte in dieser Anekdote der Schlüssel auch zu seinem Werk liegen, dessen Hauptmerkmal gerade das Changieren zwischen Ironie, Spott, Kitsch und Larmoyanz ist.
David (später «Thomas») Theodor Heine, Mitbegründer und Ideengeber der berühmten satirischen Zeitschrift «Simplicissimus», deren Signum, die rote Bulldogge, aus seiner Feder stammte, kam 1867 in Leipzig zur Welt. Als Spross einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie wurde seine künstlerische Begabung zwar schon früh gefördert, doch konnte ihn dies nicht davor bewahren, wegen Aufsässigkeit und dem Verfassen spöttischer Zeichnungen aus dem Gymnasium relegiert zu werden. Bis 1888 studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie, wechselte jedoch, nachdem er auch hier «seines Betragens halber» herausgeworfen wurde, nach München. Und hier wurde seine Begabung erstmals öffentlich gewürdigt, so von seinem Malerkollegen Lovis Corinth und dem berühmten Kunstkritiker Julius Meier-Graefe.
In München, der angesehenen Kunstmetropole des Kaiserreiches, liess Heine sich nieder und arbeitete neben Malern wie Max Liebermann in der berühmten Künstlerkolonie Dachau. Als die väterlichen Wechsel ausblieben sah Heine sich gezwungen, einen Broterwerb zu finden und damit begann seine Karriere als Zeichner und Karikaturist, die vom Verleger Albert Langen, dem Mitbegründer der Zeitschrift «Simplicissimus», gefördert wurde. 37 Jahre blieb Heine ihr Spiritus Rector und schuf ein vielgestaltiges zeichnerisches Werk, das aus Plakaten, Vignetten, graphischen Blättern, Buchumschlägen, vor allem jedoch aus Karikaturen bestand. Mit seinen Gemälden, deren Motive und Farbgebung von surrealer Eindringlichkeit sind, versucht er die Sehgewohnheiten zu hinterfragen, malt gestickte Hirsche und rosa Schäfchen in einer trügerischen Alpen-Idylle. Doch das Offenkundige will hinterfragt werden.
Sein Sarkasmus, der scharfe Blick, mit der er die Obrigkeiten demontierte und die gesellschaftlichen Missstände entlarvte, den Klerus aufs Korn nahm, Kaiser, Reichskanzler und die Beamtenschaft verhöhnte, bescherte ihm eine Karriere als Exzentriker und Enfant terrible der Münchner Künstler-Szene. Wegen Majestätsbeleidigung sass er mehrfach im Kerker. In den Redaktionssitzungen des Simplicissimus war er meist wortkarg, wenn er etwas sagte, erwies sich dies als genau die zündende Idee, die aufgegriffen, zum Titel wurde. Genau diese dominierende Stellung in der Satire-Zeitschrift wurde ihm nach 37 Jahren zum Verhängnis. Das unrühmliche Ende der deutschen Satire, die durch den «Biss» ihres Karikaturisten Th.Th. Heine auch zu internationalem Ansehen gekommen war: Die Redaktion distanzierte sich von seinem «jüdischen Einfluss»« und diente sich den neuen braunen Machthabern an, indem sie Heine der «jüdischen Zersetzung»« und Unterwanderung dieser «deutschen»« Zeitschrift beschuldigte. Heine wurde unter Androhung von KZ-Haft im soeben fertig gestellten KZ Dachau von seinen Kollegen gezwungen eine Erklärung zu unterschreiben, mit der er nicht nur von jeder Funktion zurücktritt, sondern auch erklärt, bei seinen Tätigkeiten «in eine vollkommen falsche Richtung» geraten zu sein. Die Kollegen u.a. Olaf Gulbransson, Eduard Thöny, Wilhelm Schulz, Erich Schilling, Karl Arnold hingegen bekennen sich öffentlich dazu, ihr Blatt «künftig in streng nationalem Geiste zu verwalten und zu führen». Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, das bis zum heutigen Tag von den betroffenen Familien nicht restlos aufgeklärt worden ist. Heine verlässt München. Die Stationen seiner Flucht: Hamburg - Berlin - Prag - Brünn. 1938 flieht er nach Oslo. Immer auf der Suche nach Arbeit, denn sein Vermögen und sein Haus in Diessen am Ammersee bei München sind von den Nazis enteignet worden. 1942 starben vereinsamt und völlig verarmt kurz hintereinander seine Frau und die Tochter Johanna, die als «Mischling ersten Grades» bei ihrer Mutter lebte. Im selben Jahr flieht Heine vor den nach Norwegen einrückenden Deutschen nach Schweden und lebt hier bis zum Tod im Jahr 1948.
In Schweden nimmt er seine zeitkritischen Karikaturen wieder auf, geisselt die braunen Machthaber in Deutschland, greift deren Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik an (etwa in Blättern über die Zwangsarbeiter, die das Fundament der deutschen Kriegsindustrie waren), schreibt einen Roman («Ich warte auf Wunder»), und feiert im Kreis alter Freunde seinen achtzigsten Geburtstag. Ironie bis zum Lebensende. Weil 1946, noch zu seinen Lebzeiten, in Deutschland ein Nachruf erschien, gewinnt ein zeitgleich verfasster «Brief aus dem Jenseits», den Heine in seinem berühmt humorvollen Stil schrieb, eine besondere Bedeutung, vor allem, weil er ihn, hellsichtig, bereits geschrieben hatte, als er von seinem vermeintlichen Ableben noch nicht in Kenntnis gesetzt worden war.
1948 starb Th.Th. Heine schliesslich, doch in seinen wundervollen Bildern hat er seinen vorzeitigen Nachruf erneut richtig gestellt, denn «Tote stehen auf». Wo? Im Lenbachhaus in München. Hier wird bis zum 26. November 2000 die Retrospektive des vielschichtigen Werks dieses grossen Künstlers gezeigt (vom 16. Dezember bis zum 18. März 2001 in Berlin).

Der ausführliche, von Helmut Friedel herausgegebene zweibändige Katalog ist im E.A. Seemann Verlag erschienen.


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