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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der J-Stempel als Produkt einer judenfeindlichen Politik

von Gisela Blau, October 9, 2008
«Der J-Stempel ist ein typisches Beispiel für den Hang, sich in verantwortungsloser Weise unverantwortlich zu fühlen.» Dieser Satz (S. 162) und andere, ähnliche Analysen setzen den Ton für die Auslege-Ordnung, die der Basler Historiker Professor Georg Kreis über die Geschichte(n) des J-Stempels erarbeitet hat. Eigentlich wollte Kreis ursprünglich eine Nachgeschichte schreiben, den Umgang mit der Vergangenheit des J-Stempels untersuchen, die er im Zusammenhang mit der Vergangenheitsdebatte für unerlässlich hält. Entstanden ist eine umfassende Darstellung, weil die von ihm erforschte Vorgeschichte zeigt, wie instrumental die judenfeindliche Politik der Schweiz für die Abwehr jüdischer Flüchtlinge gewesen ist. So schreibt Kreis auf Seite 15: «Der Stempel ist nur die praktische Seite einer prinzipiellen Haltung und einer konkreten Praxis.» Er sei das Produkt dieser Politik.
Verherender Entscheid: Die Einführung der Kennzeichnung von Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg. - Foto Keystone
Historiker Georg Kreis. - Foto Keystone
Heinrich Rothmund (rechts): Zu unrecht entlastet. - Foto Keystone

Nach der Lektüre der wissenschaftlichen Untersuchung dürfte es den «Revisionisten», wie Kreis sie durchwegs nennt, schwerer fallen, die Schweiz von Schuld und Strafe im Hinblick auf den infamen Stempel freizusprechen. Kreis legt dar, dass die ersten Dokumente, die ein schweizerisches Drängen einer besonderen Kennzeichnung der Pässe «nichtarischer» Deutscher belegen, bereits vom April und Mai 1938 stammen. Die deutsche Seite erscheint erst im September, und die Vereinbarung mit den Deutschen, der Bundesratsbeschluss und der deutsche Erlass über die Markierung der Reisepässe deutscher Juden stammen vom Oktober 1938. Aus der Schweizer Gesandtschaft in Berlin heisst es noch im August triumphierend, die deutsche Seite sei der Schweiz weit entgegengekommen. Ausserdem berichtet Kreis, der in annähernd 500 Anmerkungen auch umfassend die anderen Autoren zitiert, die Untersuchungen über die Flüchtlingspolitik vorgelegt haben, dass ein J oder ein roter Davidstern bereits kurz nach der Jahrhundertwende in amtlichen Dokumenten, namentlich in Bezug auf Ostjuden, gang und gäbe war. In einem Anhang fasst Kreis überdies die Praxis der atemberaubenden Arier-Nachweise für Schweizer Bürger zusammen, die von amtlichen Stellen schon vor dem Krieg ganz selbstverständlich ausgestellt wurden.
Spannend zu lesen ist, wie der J-Stempel während seiner Anwendungszeit in der Schweiz kaum einen Widerhall fand. Sogar der Basler Professor Carl Ludwig hatte sich in den 30er Jahren gegen eine liberale Einwanderungspraxis gewandt und war gerade deswegen von Heinrich Rothmund persönlich vorgeschlagen worden, als der Bundesrat 1954 einen Autor für einen «Flüchtlingsbericht» suchte. Der Chef der Polizeiabteilung wird sich gewundert haben, als Ludwig dennoch einen objektiven Bericht ablieferte, der allerdings in Bezug auf die Entstehung des J-Stempels etwas ambivalent blieb.

Die Schuldfrage

Der Ludwig-Flüchtlingsbericht entstand aufgrund eines Artikels im «Beobachter» im März 1954 über den J-Stempel, auf den Lutz Ehrlich den Redaktor Rippmann aufmerksam gemacht hatte. Damals wurde die Hauptverantwortung Rothmund zugewiesen, was unrichtig war und längst relativiert ist, spätestens seit der Publikation des Standardwerks von Jacques Picard «Die Schweiz und die Juden» im Jahr 1954. Dennoch setzte der «Beobachter» aufgrund eines merkwürdigen Artikels von Alfred Cattani in der NZZ vom Mai 1998 dann im September 1998 zu einem als sensationelle Enthüllung deklarierten, fulminanten Entlastungsangriff vor allem zugunsten von Heinrich Rothmund an - und schob nunmehr sinngemäss die Schuld allein NS-Deutschland in die Schuhe.

Der «Beobachter» und eine kleine Tradition

Damit setzte der «Beobachter» eine kleinere Tradition fort: Auch Bundesrat Arnold Koller hatte vier Jahre zuvor während der Rehabilitierungsdebatte für den St. Galler Polizeichef Paul Grüninger aufgrund einer Einfachen Anfrage von Nationalrat Paul Rechsteiner aus dem Jahre 1993 sich endlich von der antisemitischen Politik seiner Vorgänger abgesetzt, jedoch in Umkehrung der Tatsachen den Satz vom «in Deutschland eingeführten Judenstempel» geäussert. Immerhin taxierte Koller diese und andere «gegen die Juden gerichteten Vorkehrungen» als «unhaltbare rassistische Diskriminierung». Aufgrund dieser neuen Meinung des Bundesrates konnte der Basler Strafrechtler Mark Pieth ein Gutachten erarbeiten, mit dem Rechsteiner die Rehabilitierung Grüningers erreichte.

Einfluss auf die Bergier-Kommission

Nach dem Artikel im «Beobachter» im Jahre 1998, von dem sich der ursprüngliche Enthüller Rippmann weitgehend distanzierte, wie Kreis darlegt, begann der Basler Historiker über  den J-Stempel zu recherchieren. Seine Mitgliedschaft in der Unabhängigen Experten-Kommission sei dabei kein Hindernis gewesen, sagt er zur JR, obwohl sein Projekt Anlass zu Diskussionen gegeben habe. Die Kommission habe das Manuskript vor der Veröffentlichung vorgelegt bekommen. Er habe den privilegierten Aktenzugang der Kommission nicht für dieses Buch verwendet, schreibt Kreis im Vorwort. Offenbar muss es also doch weitergehende Diskussionen gegeben haben. Ausserdem habe er die Publikation zurückgehalten, bis der Flüchtlingsbericht der Kommission veröffentlicht war, was im Dezember 1999 geschehen ist. Von einigen seiner Recherchen habe der Bericht profitiert, sagt Kreis, der ihn auch einige Male zitiert.

Für eine «würdige Geste»

Gewidmet ist das Buch Nationalrat Helmut Hubacher, der in einem auf die Arbeiten von Carl Ludwig, Alfred Häsler und Jacques Picard abgestützten Postulat Anfang 1995 gefordert hatte, der Bundesrat müsse sich während der bevorstehenden Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Tag des Kriegsendes wegen des J-Stempels in einer «würdigen Geste» entschuldigen. Der 1995 amtierende Bundespräsident Kaspar Villiger lehnte zwar anfänglich solche Feierlichkeiten ab mit der Begründung, das Kriegsende habe nichts mit der Schweiz zu tun. Als er vom Parlament überstimmt wurde, hielt er an einer Sondersitzung der beiden Kammern dann doch eine Rede, in der er sich explizit für die Flüchtlingspolitik während der Kriegsjahre entschuldigte. Deshalb widmete Kreis sein Buch nicht nur Hubacher, sondern auch Villiger.
«Villiger wählte Formulierungen, die haltbar sind», sagt Kreis zur JR. «Er trat an als bürgerlicher Bundespräsident und als Landesvater, der das Nötige sagte. Unsere Gesellschaft braucht solche Worte, auch in anderer Beziehung, immer wieder, und zwar gerade von der bürgerlichen Seite.»Scharf ins Gericht geht Kreis mit einigen der hauptsächlichen Revisionisten der letzten paar Jahre, mit den Hobbyhistorikern Max Keller und Luzi Stamm insbesondere. Er spart auch den Aargauer Parlamentarier Maximilian Reimann nicht aus, der aufgrund des «Beobachter»-Berichts von 1998 den Antrag stellte, Rothmund zu rehabilitieren, wozu nun allerdings wirklich kein Anlass besteht.

Unzweideutige Belege

Bei der von ihm neu rekonstruierten Vorgeschichte des J-Stempels freute sich Kreis über die «schönen Funde» in den Archiven, die unzweideutig belegen, dass die Schweiz am Anfang der Kennzeichnung jüdischer Pässe stand. Er fand aber auch Beweise, dass Bundesrat Markus Feldmann 1954 und 1958 Rothmund deckte, indem er noch eigenhändig das Manuskript verharmloste, das Rothmund selber geschrieben hatte. «Alle Revisionisten berufen sich bei der Entlastung von Rothmund auf Feldmann, aber seine damaligen Aussagen sind Darstellungen von Rothmund in eigener Sache», sagt der Wissenschafter. Es sei für ihn ein Aha-Erlebnis gewesen, denn er habe Feldmann stets nur als Mann des Widerstandes gesehen, was er auch in hohem Mass gewesen sei, aber hier habe er als Mann des Kalten Krieges gehandelt.
In Bezug auf die gegenwärtig wieder vom «Beobachter» publizierte Behauptung einer «Kollaboration» der damaligen Schweizer Juden mit den Behörden und ihres «Einverständnisses» mit der antisemitischen Flüchtlingspolitik betont Kreis, dass er während seiner gesamten Recherchen keinerlei Anzeichen dafür gefunden habe. In seinem Buch zitiert er immer wieder - im Zusammenhang mit dem J-Stempel - Aussagen von SIG-Exponenten und erklärt ihr Dilemma sachkundig anhand ihrer Instrumentalisierung durch die Behörden. «Als ich im entsprechenden Protokoll las, dass die SIG-Delegierten nach einem Referat Rothmunds applaudiert hätten, habe ich mich erst sehr gewundert», so Kreis. «Die Alternative wäre Schweigen gewesen. Aber dann überlegte ich, dass es üblich war und ist, zu klatschen, nachdem jemand eine Rede gehalten hat. Ausserdem kann den damals anwesenden Juden in ihrer Geisel-Situation nicht viel anderes übrig geblieben sein.»
Die defensive Haltung vieler, auch jüngerer Schweizer erklärt sich Kreis mit dem Motto des Hobby-Historikers und Rothmund-Apologeten Max Keller: Im Zweifel für das Vaterland. «In der Kombination der Kritik von aussen und und durch innere Dissidenten entstand eine Abwehr, ein typisches Produkt des kalten Krieges, wie auch die Pro Libertate, die Kellers Schriften druckte, ein Produkt von 1956 ist. Diese Organisation wäre ohne das Revival des Zweiten Weltkriegs eingegangen.» Dass ältere Herren, beispielsweise auch im «Arbeitskreis gelebte Geschichte» ihrem Lebensabend eine gewisse Dynamik verleihen wollen, ist nur ein Aspekt dieses Verteidigungsphänomens. «Ich vermute, dass die Proteste nur noch zu einem kleinen Teil von Mitgliedern der Aktivdienst-Generation kommt», sagt Kreis, «das merke ich auch an Zuschriften, in denen die zweite Generation versucht, ihre Eltern zu verteidigen. Als wir Carl Jacob Burckhardts Antisemitismus identifizierten, wehrten sich die beiden Töchter.» Als der Fröntler Wilhelm Frick angegriffen wurde, überzog sein Sohn die gesamte Historikerzunft sowie einige Journalisten mit Prozessen.

Packende Beispiele

Packend sind die Beispiele von Menschenschicksalen, die durch den J-Stempel mitgeprägt wurden. «Sie sind nicht vollständig, es gäbe noch viele andere. Ich erforschte sie, weil ich nicht wollte, dass die Untersuchung nur abstrakt würde.» Erschütternd die menschenunwürdigen Demütigungen selbst bei Flüchtlingen, die sich in die Schweiz hatten retten können und hier bleiben durften. Die Familie K. beispielsweise wurde gezwungen, in drei verschiedenen Dachkammern zu hausen. Erst im Juni 1946 erlaubte ihnen die Fremdenpolizei den Bezug einer Dreizimmerwohnung, und das Arbeitsverbot für Vater und Tochter galt auch noch lange nach dem Krieg.
Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik sieht Kreis sehr wohl, nicht so sehr von den Behörden, sondern von der Bevölkerung: Jeder führt sein eigenes Privatleben und nimmt nicht innerlich Anteil am Schicksal der Flüchtlinge.»Eine grössere Diskussion nach Erscheinen seines Buches erwartet Kreis eigentlich nicht, und die Angriffe, die wohl kommen werden, seien ihm «nicht ganz egal, vor allem wenn jetzt mein Engagement möglicherweise als ‘unwissenschaftlich’ diffamiert würde. Aber das gehört zum Alltag.» Allerdings erhofft Kreis eine Konsequenz seiner neuen Untersuchung: «Wenn die Diskussion wieder auf den J-Stempel kommt, soll klar sein, dass es jetzt ein Buch gibt, in dem man sich umfassend informieren kann.»

Georg Kreis: Die Rückkehr des J-Stempels. Zur Geschichte einer schwierigen Vergangenheitsbewältigung. Mitte April 2000, 211 Seiten. Chronos Verlag, Zürich, Fr. 34.-, ISBN 3-905313-34-0





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