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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der Isolation entfliehen

von Richard Allen Greene, JTA, October 9, 2008
Die 2000-köpfige Jüdische Gemeinschaft Kroatiens begrüsst das Ergebnis der letztwöchigen Wahlen und hofft, der Regierungswechsel werde die Isolation des Landes beenden. Der Sieg der Mitte-Links-Koalition bei den Parlamentswahlen führte zur Ablösung des stark nationalistischen Regimes des verstorbenen Präsidenten Franjo Tudjman.

Die neue kroatische Koalition, zu der die Sozial-Demokraten unter Ivica Racan ebenso gehören wie die von Drazen Budisa angeführten Sozial-Liberalen, hat versprochen, Brücken zum Westen zu bauen. Das ist, wie der Historiker Ivo Goldstein es formuliert, eine frohe Botschaft für die 2000 Juden Kroatiens. «Die jüdische Bevölkerung möchte Teil einer Integration von Staaten sein, denn wir wollen intensiveren Kontakt zu anderen Gemeinden pflegen», sagt Goldstein, Professor für jüdische Geschichte an der Universität von Zagreb.
Auch wenn die genauen Wahlergebnisse noch nicht vorliegen, dürfte Racan so gut wie sicher neuer Premierminister des Landes werden. Bereits jetzt wird das Resultat der Parlamentswahlen als wichtiges Indiz für die Präsidentschaftswahlen vom 24. Januar gewertet. Ein Grund für die Freude Prof. Goldsteins ist die Tatsache, dass sein Vater Slavko Goldstein zu den Gründern der Sozial-Liberalen Partei gehörte und der Partei in den Jahren 1989 und 1990 vorstand. «Am Tag nach den Wahlen war ich im jüdischen Gemeindezentrum», sagt Prof. Goldstein, «wo die Leute zwar nicht feierten, aber doch sehr glücklich waren».
Mit den letzten Wahlen muss die Demokratische Union, die Tudjman von 1990 bis zu seinem Tode Ende 1999 geleitet hatte, erstmals die Macht abgeben, die kontrolliert hatte, seitdem Kroatien 1991 die Unabhängigkeit von Jugoslawien erlangte. Tudjmans Unterstützung einer kroatischen Söldnerarmee in Bosnien und seine Weigerung, angeklagte Kriegsverbrecher auszuliefern, hat das Land international in die Isolation gestürzt. Zudem haben, wie Goldstein bemerkt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts die jüdische Gemeinde Kroatiens von den anderen jüdischen Gemeinden Europas abgeschnitten. Ein (allerdings noch weit weg liegender) Beitritt Kroatiens in die EU könnte diesen Trend revidieren.
Was die Zukunft der Juden in Kroatien selber betrifft, so gibt es laut Goldstein keine Befürchtungen, auch wenn erstens die Sozial-Demokratische Partei die reformierte kommunistische Partei ist, und zweitens Budisa von den Sozial-Liberalen eine nationalistische Vergangenheit besitzt. «Budisa hat sich nie zu den Juden geäussert», sagt der Historiker, «und er ist sehr weit entfernt von Tudjman, was Juden, Geschichte, Europa und Amerika betrifft. Racan und Budisa sind nicht die besten aller möglichen Leute, die man auf der Erde hätte finden können, doch sind sie beide besser als Tudjman».
Der am 10. Dezember verstorbene Tudjman war zwar kein ausgesprochener Antisemit, doch machte er von sich reden, als er im Bestreben, Vorwürfe des Antisemitismus aus der Welt zu schaffen, Teile der englischen Übersetzung seiner Memoiren änderte. Während des Weltkrieges hatte Tudjman mit den Partisanen gegen die Nazis gekämpft. Trotzdem ersuchte die Knesset den damaligen Präsidenten, von einem Israel-Besuch abzusehen, als die beiden Länder 1997 die diplomatischen Beziehungen aufnahmen.
Zagrebs kleine jüdische Gemeinde ist über Tudjmans Abtreten nicht sonderlich traurig. «Er war ein Revisionist», meint Goldstein, der hinzufügte, der ehemalige Präsident habe Kroatien in den Mittelpunkt gestellt, wobei alle Minderheiten an den Rand verbannt wurden. «Wir hatten die gleichen Rechte, waren aber nicht gleichwertig.» Die jüdische Gemeinde Zagrebs mit ihren rund 1500 Seelen hat vor den Wahlen keine offizielle Position bezogen, wie Generalsekretär Dean Friedrich erklärte. Die jüdische Gemeinde hätte, so fügte er hinzu, mit den Regierungen Kroatiens stets ein gutes Einvernehmen gehabt. Weil Jugoslawien nach dem Weltkrieg mit der Sowjetunion gebrochen hatte, sei das Land, so meinte Friedrich, nie fester Bestandteil des Ostblocks gewesen und habe demzufolge auch nie die gleiche anti-religiöse Haltung an den Tag gelegt wie die meisten Staaten des Blocks. Das Jüdische Gemeindezentrum von Zagreb befinde sich seit vor dem Krieg im gleichen Gebäude.
Für Ivo Goldstein sind die Wahlen Teil des Depolitisierungs-Prozesses der Juden und des Judentums in Kroatien. Dies folge auf ein Jahr, in dem erstmals in Osteuropa ein KZ-Lagerkommandant vor Gericht gestellt und abgeurteilt worden sei. Im Oktober 1999 war Dinko Sakic (78) für die Verbrechen, die er als Kommandant des KZ Jasenovac begangen hatte, zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die siegreichen Politiker des Landes würden, so Goldstein, nicht mehr über die Vergangenheit sprechen, sondern über die Zukunft. «Die Juden hier sind kein Politikum mehr, sondern Bestandteil der normalen Welt».





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