Der erste Bagdad-Test des Sohnes
Wenn in der labilen Struktur von Emotionen und Reaktionen im Nahen Osten eine amerikanische Bombe auf Bagdad fällt, geht in Ramallah in der Westbank stolz und trotzig eine irakische Fahne am Mast auf.
Palästinensische Proteste in den Gebieten gegen Bomben auf Irak sind im letzten Jahrzehnt zur Routine geworden. Die Kettenreaktion, die Bagdad mit anti-amerikanischen Demonstrationen in Nablus oder Ramallah verbindet, ist ein Beispiel für das gespannte Durcheinander, in das US-Präsident George W. Bush sich verstricken könnte, wenn er versucht, in der Region mit den amerikanischen Muskeln zu protzen.
Die Bomben vom letzten Freitag - die erste seit 1998, als Saddam Hussein die UNO-Beobachter hinauswarf - bedurften der Bewilligung des Präsidenten. Bush gab grünes Licht, obwohl seine neue Administration seine Politik gegenüber Irak noch nicht fertig ausgearbeitet hat, und trotz der bevorstehenden Visite seines Aussenministers Colin Powell in der Region.
Bush der Sohn hatte zwar erklärt, gegenüber Saddam Hussein die gleiche Linie zu verfolgen wie Bill Clinton und sein Vater, doch der unerwartete Bombenangriff von letzter Woche setzte zwei mögliche Szenarien ausser Kraft, mit denen einige arabische Politiker gerechnet hatten. Einmal deuten die Bomben an, dass Bush nicht beabsichtigt, die amerikanische Politik gegenüber Bagdad zu lockern, obwohl Washington unter arabischem und internationalem Druck steht, mehr Flexibilität zu zeigen. Ferner scheint Bush zunehmend ungewillt zu sein, Irak als inhärenten Teil der arabischen Welt im Allgemeinen, und des israelisch-palästinensischen Konfliktes im Speziellen zu betrachten. Für Bush ist Irak ein isoliertes und klar definiertes Problem, welches das restliche Geschehen im Nahen Osten nicht beeinflussen sollte.
Diese von Bush offensichtlich verfolgten politischen Prämissen werden aber von den arabischen Führern nicht geteilt, die nach den Präsidentschaftswahlen vom November 2000 auf eine neue amerikanische Haltung gehofft hatten. Hierbei handelt es sich um die Führer der Länder, welche 1990 der arabischen Koalition gegen Irak beigetreten waren und die Einladungen zur Konferenz von Madrid angenommen hatten. Diese Länder haben auch auf eine «ausgewogenere US-Politik» hingearbeitet, was u.a. gleichbedeutend ist mit einer weniger nachsichtigen und freundlichen Haltung Israel gegenüber. Gemäss einer stillschweigenden Übereinkunft, die sich im Laufe der Jahre herauskristallisierte, hatten die Führer dieser Staaten (mit Ausnahme von Jordanien) die anti-irakischen Wirtschaftssanktionen gebilligt. Im Gegenzug sollten die Amerikaner im Rahmen intensivierter Bemühungen um eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes als «ehrliche Vermittler» arbeiten, ohne den arabischen Standpunkt in diesem Konflikt ausser Acht zu lassen.
Aus arabischer Sicht verletzte Clinton dieses ungeschriebene Gesetz, indem er als Unterhändler zugunsten Israels auftrat. Inzwischen wurden verschiedene Regimes in der arabischen Welt von öffentlichen Hilferufen für die verarmte Bevölkerung Iraks überschwemmt. Immer mehr Einwohner dieser Araberstaaten behaupten, es sei falsch, mit Israel Frieden zu schliessen und gleichzeitig Krieg gegen die eigenen Brüder im Irak zu führen.
Irakisches Geld hat begonnen, in die autonomen palästinensischen Gebiete zu fliessen, und Saddam Husseins erklärter Wille, einen Jihad, einen heiligen Krieg, gegen Israel vom Zaune zu brechen, hat Irak an die vorderste Front der pro-palästinensischen Staaten postiert. Jeder Angriff auf Bagdad stellt somit einen Dolchstoss mitten ins Herz der palästinensischen Behörde dar. Zudem verstärken solche Angriffe den pro-irakischen Trend in den Araberstaaten.
Dieses Netz eng miteinander verwobener Umstände hat sich in den letzten Monaten und Jahren entwickelt, und der neue amerikanische Präsident sieht sich einem Szenario möglicherweise explosiver Kettenreaktionen gegenüber, das in der Amtszeit seines Vaters nie ein potenzieller Faktor gewesen ist.
Haaretz


