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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Der couragierte Korporal

von Gisela Blau, October 9, 2008
Mit 95 Jahren ist er vergangene Woche in Bern verstorben, bis zuletzt witzig und aktiv, einer der weltläufigsten und unkonventionellsten, auch einer der couragiertesten Schweizer. Den Zweiten Weltkrieg erlebte August R. Lindt am eigenen Leib und – obwohl er «nur» Korporal war - an besonders privilegierter und exponierter Stelle.
August R. Lindt - Foto KY

Die NZZ widmete Lindt einen feinen Nachruf, den er auch verdiente. Er hat ein vielfältiges Leben geführt, als Diplomat zumal, aber auch als Flüchtlingshelfer an verschiedenen Krisenherden und als Uno-Flüchtlingshochkommissar und IKRK-Delegierter. Berühmt wurde er wegen seines Einsatzes im Biafra-Krieg, und er hat darüber ein Buch geschrieben («Generäle hungern nicht»). Er hat auch sonst trotz Diplomatie nie ein Blatt vor den Mund genommen, bis zuletzt nicht, wenn er sich - ein Zeitzeuge par excellence - zur Vergangenheitsdebatte äusserte. Und zwar nicht nur genau so, wie es andere ehemalige Honoratioren gerne sahen.

Frühe Einblicke

Sein Erinnerungs-Buch «Die Schweiz, das kleine Stachelschwein» (Zytglogge Verlag, Bern, 1992) ist deshalb gerade heute lesenswert. Darin beschreibt Lindt beispielsweise anschaulich, wie die Verschwörung des «Offiziersbundes» von 1940 zustande kam: Nach einer anpasserischen Rede des damaligen Bundespräsidenten Pilet-Golaz und einigen Neutralitätsverletzungen durch den Bundesrat beschlossen einige leitende Figuren des Nachrichtendienstes, unter ihnen Korporal Lindt, eine Vereinigung von Offizieren zu gründen, die mit ihren Einheiten den Kampf gegen einmarschierende deutsche Truppen aufnehmen würden, sollte der Bundesrat die Kapitulation beschliessen. So geschah es, doch nach einigen Wochen bekam die Militärjustiz Wind davon. Die Anführer, Alfred Ernst, Max Waibel und Hans Hausamann («Büro Ha»), wurden vorübergehend verhaftet, der Korporal kam unerkannt davon, weil nach einem «Hauptmann Lindt» gesucht worden war. General Guisan empfing alle führenden Mitglieder des Bundes, aber nur die drei Anführer erhielten ein paar Tage sehr gnädig gehandhabten «scharfen Arrest». Alle drei wurden Ende des Jahres 1940 sogar zu Majoren befördert.

«Leugnen Sie alles ab»

Eine damit zusammenhängende Geschichte steht nicht in diesem Buch, aber Lindt erinnerte sich laut lachend daran, als ich sie ihm nacherzählte. Ein bekannter Zürcher Rechtsanwalt hatte mir bei Recherchen über das Jahr 1940, das sich glimpflich wendende Schicksalsjahr der Schweiz, von seiner Beteiligung am Offiziersbund erzählt. Er war Hauptmann und mit seiner Kompanie in Zürich stationiert. Er führte seine Leute so, wie es damals nicht immer üblich war - verständnisvoll, anständig und vernünftig. Vielleicht rannte ihm deshalb sein Truppenarzt am Zürcher Hauptbahnhof hinterher, als er im Sommer 1940 nach Bern befohlen wurde, ohne zu wissen, warum, und eben den Zug besteigen wollte. «Sie müssen unbedingt zwischen Baden und Brugg die Zugstoilette im ersten Drittklasswaggon aufsuchen», beschwor ihn der Arzt. «Es ist wahnsinnig wichtig für Sie.» Der Anwalt erzählte, er sei zwar befremdet, aber auch neugierig gewesen. So machte er sich denn auf und öffnete kurz nach Baden die Toilettentür in der «Holzklasse». Sie wurde ihm von innen aus der Hand gerissen, und er wurde unsanft hineingezerrt. Im engen Kabäuschen stand ein Mann in der «rauhen» Uniform und sagte, er sei der Korporal Lindt und er habe eine wichtige Nachricht für ihn. «Bei Ihrer Vorladung geht es um den Offiziersbund, Herr Hauptmann», sagte er, «aber die in Bern vermuten nur, dass Sie dabei sind, sie haben keine Beweise. Leugnen Sie einfach alles ab!» Der Anwalt bedankte sich für die Warnung und kam so glimpflich davon. Viele Jahre später befand er sich in Washington und musste mit seinem Klienten und dem amerikanischen Anwalt den Schweizer Botschafter aufsuchen. Der erhob sich hinter seinem Schreibtisch, begrüsste ihn lachend und sagte: «Sie sind der Verschwörer von der Zugstoilette (er benützte allerdings einen etwas weniger feinen Ausdruck, wie mir berichtet wurde)!» Der ehemalige Korporal Lindt war jetzt Botschafter Dr. Lindt.


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