Der Antisemitismus der Pseudo-Intellektuellen
Die Leugnung des Holocausts ist die letzte Waffe im Arsenal der zeitgenössischen Antisemiten. Seitdem sie vor rund einer Generation begonnen hat, ihr hässliches Gesicht zu zeigen, ist die Leugnung des Holocausts laufend raffinierter geworden, ohne deswegen ihre Berechnung und ihren Zynismus zu verlieren. Indem sie die Technik der «grossen Lüge» stets verfeinerten, haben die Nazis selber das Konzept der Holocaust-Leugnung geschaffen. Begriffe wie «Endlösung», «Umsiedlung» oder das berüchtigte «Arbeit macht frei» widerspiegeln die Theorie des Dritten Reiches, wonach Täuschung und Leugnung brauchbare Instrumente sind, um die Entdeckung von Plänen und Handlungen zu verhindern. Hinzu kam auch die selbstgewählte Blindheit der Welt. Andrerseits stellt die mit einer obsessiven Akribie betriebene Dokumentation durch die Nazis sowie die zahllosen detaillierten Zeugenaussagen während der Nürnberger Prozesse eine «leugnungssichere» Beweiskette für den Völkermord des Regimes dar.
Die Chutzpa der Antisemiten
Der Erfindungsgeist, der Zynismus und die schlichte Chutzpah der Antisemiten sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Zu den ersten, den Holocaust leugnenden Büchern in den USA zählte «The Hoax of The 20th Century» von Arthur Butz, einem Professor für Elektro-Ingenieurwesen. Das Gefährliche an dem Buch war, dass es durch die Tatsache, dass es von einem Akademiker in einem akademisch «objektiven» Stil geschrieben worden ist, Anspruch auf eine gewisse intellektuelle Legitimität erhob und auf den nicht Informierten möglicherweise überzeugend wirken konnte. Trotz seines wissenschaftlichen Deckmäntelchens wirkte das Buch im Wesentlichen als verlängerter Arm für die bekannten antisemitischen Verschwörungstheorien, die den Holocaust als eine «Fälschung» von Juden und Zionisten hinstellen, mit welchen bei Unbetroffenen Sympathien für die jüdischen Opfer und Unterstützung für den auf den Schuldgefühlen des Westens aufgebauten Staat Israel kreiert werden sollen. Ferner liefert das in den 70er Jahren entstandene Buch Argumente wie: Die schrecklichen Fotos aus den Todeslagern seien Montagen, die jüdischen Bevölkerungszahlen nach dem Kriege seien manipuliert und gefälscht, und schliesslich würden wissenschaftliche Fakten und Experimente die offiziellen Versionen der Nazi-Techniken des Massenmordes widerlegen. Dann ist das Buch und dutzende ähnlicher Werke im Laufe der Jahre zu Bestsellern auf den Bücherlisten von Neo-Nazis und anderen Hassgruppen geworden.
Das Leugnen institutionalisieren
In jüngster Zeit hat sich das unverfänglich tönende «Institute for Historical Review» (IHR) zur wichtigsten Quelle für diesen pseudo-intellektuellen Dreck entwickelt. Hinter diesem Institut in Kalifornien steht der seit den 50er Jahren führende Antisemit Willis Carto, Gründer von «Liberty Lobby», der einflussreichsten anti-jüdischen Propaganda-Organisation der USA. Treffen und Publikationen der IHR werden in «Spotlight», der Wochenzeitung von «Liberty Lobby», verbreitet. Als die Hassgruppen vor wenigen Jahrzehnten ihre Aktivitäten begannen, stellten sie sich in ihren kühnsten Träumen wohl nicht vor, dass die rasenden technologischen Fortschritte ihnen ermöglichen würden, Millionen von Menschen zu erreichen und zu beeinflussen: Sofort, billig, anonym und respekteinflössend.
Seit einer Auseinandersetzung zwischen Carto und anderen Aktivisten 1993 hat das IHR zwar an Bedeutung verloren, doch verfügt die Gruppe heute über eine Web Site. Bradley Smith, einer der führenden Personen von IHR, unterhält zudem eine eigene Web Site mit entsprechenden Links. Besonders berüchtigt geworden ist Smith durch seine unablässigen Bemühungen, im Interesse einer «offenen Debatte» in Universitäts-Zeitungen im ganzen Lande den Holocaust leugnende oder das Holocaust-Museum in Washington verunglimpfende Inserate zu publizieren. Andere Hassgruppen wie die stetig wachsende, von William Pierce geleitete «National Alliance», nehmen sich ebenfalls der Holocaust-Leugnung an. Mit seiner Schrift «The Turner Diaries», einem Leitfaden für die blutige, rassistische Revolution, soll Pierce übrigens Timothy McVeigh, den Bombenleger von Oklahoma City, beeinflusst haben. - Eine weitere zentrale Figur in der Szenerie der Holocaust-Leugner ist der in Kanada wohnhafte Ernst Zundel, Autor des Buches «The Hitler We Loved and Why». Seine Web Site ist ausführlich und wird in verschiedenen Sprachen aktualisiert.
Verfängliches Internet
Ein beunruhigender Nebeneffekt des Internet ist die Tatsache, dass Studenten, die unter dem Stichwort «Holocaust» nach Informationen suchen, den oben erwähnten Mist neben seriösem Material offeriert bekommen. Cyberspace verschafft also den Leugnern unerwartete und unverdiente Reputation in breiten Schichten der Bevölkerung. Andrerseits bedeutet der vom Holocaustleugner David Irving kürzlich verlorene Verleumdungsprozess einen wichtigen Erfolg, und zwar nicht nur für die Angeklagte Deborah Lipstadt, die in ihren Schriften Irving u.a. als «Parteigänger Hitlers und Antisemiten» und als einen der «gefährlichsten Sprecher der Holocaust-Leugner» bezeichnet hat. Der Prozess war vielmehr ein Sieg für die Wahrheit, bzw. für das Konzept der historischen Fakten. Der Fall ist ein Markstein entlang der eintönigen Strasse des pro-Hitler «Revisionismus». Der Prozess hatte nicht zuletzt wegen Irvings Legitimität als populärer Autor in Militärfragen so starkes Interesse in den Medien ausgelöst. So wurde der Befund von Richter Gray, Lipstadts Beschreibungen seien gerechtfertigt und Irving habe «vorsätzlich historische Beweise falsch interpretiert und manipuliert» in aller Welt zur Kenntnis genommen. Das Irving-Urteil ist «in». Schon weniger sicher kann dies vom Urteil der Geschichte und dem Überleben der Geschichte als eine Disziplin gesagt werden, die intellektuelle Strenge und Ehrlichkeit abfordert. Die Antwort auf die Frage hängt vielleicht davon ab, wie gut der Holocaust und seine Lehren im Bewusstsein der Menschen erhalten bleiben.
Der Autor ist Forschungsdirektor in der Bürgerrechts-Abteilung der Anti-Diffamationsliga (ADL). Den hier leicht gekürzt widergegebenen Artikel hat er für das on-line Magazin «Jewish Family & Life» (www.jewishfamily.com) geschrieben.


