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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Den Nahen Osten gibt es schon

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Israels Wahlschlacht ist geschlagen. Die Werbeagenturen können sich wieder mit der Vermarktung eleganter Autos, nahrhafter Cornflakes oder saugkräftiger Windeln befassen, und die Transparente werden eingerollt und versorgt. Für mindestens zwei Jahre, wenn man den Anhängern des neuen israelischen Regierungschefs Ariel Sharon Glauben schenkt; für höchstens ein paar Monate, wenn man sich an die Gegner des Rechtslagers hält. Eine Schlacht aber steht noch bevor. Diejenige, die Sharon mit sich selber, aber auch mit den Elementen am rechten Ende des politischen Spektrums seiner mutmasslichen Koalition wird austragen müssen. Bleibt Ariel Sharon seiner bisherigen Biografie treu (vgl. S. 3) und fügt den verschiedenen mehr oder weniger grossen dunklen Flecken auf seiner Weste weitere hinzu? Oder gelangt er zur Erkenntnis, dass das Amt des Regierungschefs halt doch etwas grundlegend anderes ist als der Befehl über Truppen auf dem Kriegspfad, der einem General jene Freiräume offeriert, die - Sharon hat es bewiesen - unter Umständen zu einem unheilvollen Missbrauch verleiten und der katastrophale Auswirkungen für ein ganzes Land zur Folge haben kann? Dringender als alles andere braucht Israel heute einen Premierminister, der nationenweit zur Integrationsfigur wird, und zwar über fast alle Partei-, ethnischen und ideologischen Grenzen hinweg. An den Aufgaben, die Barak nicht zu Ende bringen konnte, hat sich nämlich mit dem Resultat vom 6. Februar nichts geändert. Nach wie vor stehen, neben der Suche nach Lösungen für interne gesellschaftliche und religiös-kulturelle Probleme, die Erzielung eines Friedens mit den Palästinensern und den anderen Nachbarn weit oben auf Israels Prioritätenliste. Sharon will Arafat die Hand nicht drücken? Dann soll er es bleiben lassen. Sharon will so lange nicht verhandeln wie die Waffen sprechen? Dann eben nicht. Als Premierminister des jüdischen Staates aber kann Sharon es sich nicht leisten, immer nur das zu unterstreichen, was er nicht zu tun bereit ist. Er muss aufhören, im Stile des Feldherren zu reagieren und zurückzuschlagen. Wenn Ariel Sharon wirklich begriffen hat, an welchen Posten die charedischen Rabbiner, die Israel-Araber und all die anderen frustrierten ehemaligen Barak-Fans ihn katapultiert haben, dann muss er schnellstens mit realisierbaren Ideen, Konzepten und Vorschlägen an die in- und ausländische Öffentlichkeit treten. Den Nahen Osten gibt es nämlich schon, und bei der Schaffung eines Neuen Nahen Ostens hat ein Mann vom Format eines Shimon Peres bereits Schiffbruch erlitten. Wenn Sharon einsieht, dass er sich auf die Aufgabe zu beschränken hat, Israel und den Nahen Osten besser und lebenswerter für alle seine Einwohner zu machen, dann hat er eine echte Chance, seiner Weste einen beachtlichen weissen Flecken hinzuzufügen. Aber nur dann.





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